# taz.de -- Buch über „Teslokratie“: Disruption gilt als Tugend, Langsamkeit als Scheitern
       
       > Schnelle Entscheidungen, wenig Transparenz, Abhängigkeit von den
       > Prioritäten eines Eigentümers: Ein gleichnamiger Sammelband analysiert
       > die „Teslokratie“.
       
 (IMG) Bild: Die Teslakratie und ihre Abgründe
       
       Tech-Milliardäre müssen keine Wahlen gewinnen, [1][es genügt ihnen, wenn
       Wahlen nichts mehr bedeuten]. Diese Beobachtung zieht sich durch
       „Teslokratie“, einen von Christoph Chwatal, Alexander Karschnia und Heimo
       Lattner herausgegebenen Sammelband. Gerade deshalb sollte man ihn lesen:
       nicht allein aus Neugierde, sondern als dringende Warnung. Jede
       industrielle Umwälzung hat politische Folgen. Fords Fließbandsystem half,
       ein Gesellschaftsmodell aus Beschäftigung, Löhnen und Konsum zu etablieren.
       Ist Elon Musks Tesla die nächste Zeitenwende? Entscheidend für das, was die
       Autoren des Bandes Teslokratie nennen, ist nicht allein, was das
       Unternehmen produziert, sondern welches politische Umfeld seine Methoden
       begünstigt: schnelle Entscheidungen, wenig Transparenz, Abhängigkeit von
       den Prioritäten eines einzelnen Eigentümers.
       
       Teslas Ansiedlung in Brandenburg ist ein aufschlussreicher Fall. Das Werk
       entstand als Ergebnis von Verhandlungen, die weitgehend abseits der
       Öffentlichkeit geführt wurden; das „Tesla-Tempo“ (Robert Habeck) wurde
       später gefeiert. Doch Tempo ist politisch nicht neutral. Eine Entscheidung
       kann schnell sein, weil gebaut wird, bevor das Verfahren abgeschlossen ist,
       und die Beteiligung der Öffentlichkeit schrumpft. 2024 stimmten in
       Grünheide, dem Tesla-Standort, 62,1 Prozent der Teilnehmenden einer lokalen
       Bürger*innen-Befragung gegen die Erweiterung der Giga-Factory. Dies bei
       einer Wahlbeteiligung von 70 Prozent. Die Abstimmung war nicht bindend. Die
       Gemeindevertretung billigte einen überarbeiteten Plan. Die Bürger*innen
       wurden an-, aber nicht gehört.
       
       Erst im Ganzen zeigt sich die Gefahr
       
       Der Mechanismus ist vertraut: Zögern koste Investitionen, sagen Unternehmen
       den Regierungen. Jedes Zugeständnis lässt sich einzeln verteidigen, die
       Gefahr zeigt sich erst im Ganzen. An dieser Kluft zwischen
       Bürgerbeteiligung und politischer Macht bröckelt die Demokratie
       hierzulande. Das Problem ist jedoch nicht unvermeidbar. Regierungen könnten
       gemeinsame Regeln festlegen, um zu verhindern, dass Regionen durch immer
       umfangreichere Ausnahmeregelungen und Zugeständnisse miteinander
       konkurrieren, wie Marina Weißpflug in diesem Band aufzeigt.
       
       Was wie eine unvermeidbare Marktlogik erscheint, ist oft Folge einer
       Politik, die anders hätte gestaltet werden können. Geert Lovinks
       Auseinandersetzung mit der US-Regierungsbehörde „DOGE“ weitet diese Kritik
       auf den Staatsapparat aus. Institutionen sind keine Maschinen aus
       austauschbaren Teilen. Beschäftigte tragen Wissen, Archive bewahren
       Entscheidungen, Verfahren halten die Lehren aus Fehlern fest. Wer diese
       Verbindungen kappt, macht den Staat schlanker, aber auch handlungsunfähig.
       Ein Staat, den man löschen kann, lässt sich neu schreiben. Das ist der
       erschreckende Punkt.
       
       Florian Cramer und Nienke Terpsma erinnern an die Faszination der
       Avantgarde für Tempo, Maschinen und Zerstörung. Der Futurist Marinetti
       stellte sich in den Dienst am italienischen Faschismus. Eine Verachtung für
       Institutionen, die auch viele Linke hegen, ist nicht automatisch
       emanzipatorisch. Heute gelten Disruption als Tugend und Langsamkeit als
       Scheitern. Demokratische Beratungen brauchen jedoch Zeit. Die Frage ist
       laut Cramer und Terpsma daher nicht, wie die Gesellschaft schneller werden
       kann, sondern welche Verzögerung vor Entscheidungen schützt, die sich
       schwer rückgängig machen lassen. Bei Marx heißt es: „Radikal sein ist die
       Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch
       selbst.“
       
       Demokratische Radikalität heißt also auch nicht, jede Institution zu
       verteidigen, sondern die Macht der Menschen über jene Kräfte zu stärken,
       die ihr Leben prägen, heute vor allem über die
       oligarchisch-technokratischen.
       
       27 Oct 2026
       
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