# taz.de -- Neues Medium „Otter News“: „Wir brauchen auch Geschichten, die Mut machen“
> Das Interesse für Klimawandel sinkt. Ausgerechnet jetzt will Daniel
> Drepper ein neues Medium für Klimaberichterstattung gründen. Kann das
> funktionieren?
(IMG) Bild: Für Investigativ-Journalist Daniel Drepper ist es nicht das erste Medium, das er gründet
taz: Die [1][Klimakrise] ist gefährlich, zerstörerisch, tödlich. Man könnte
sagen: ein Biest. Sie nennen Ihr neues Medium ausgerechnet nach dem süßen
Otter. Wieso das, Herr [2][Drepper]?
Daniel Drepper: Weil ich deutlich machen möchte, dass sich Otter News nicht
ausschließlich mit der Klimakrise in Form von wissenschaftlichen Studien
und harten Fakten auseinandersetzt, sondern einfach mit allem, was uns
umgibt und das die Klimakrise betrifft. Ich hoffe, dass sich auch Menschen
für die Recherchen und Geschichten interessieren, die jetzt nicht jede neue
Studie zum Thema lesen. Der Name ist ein Versuch, auch Menschen abzuholen,
die von einem Namen wie „Climate Reporting Center“ vielleicht abgeschreckt
wären. Gleichzeitig ist der Otter ein gutes Symbol.
taz: Ist er besonders von der Klimakrise bedroht?
Drepper: Er kann sich nur in bestimmten Ökosystemen ansiedeln. Er braucht
sauberes Wasser, genügend Fische zum Essen und naturbelassene Ufer, um sich
zu verstecken. Weil es daran mangelte, war der Otter in Deutschland schon
einmal fast ausgestorben. Doch in den letzten Jahren hat sich das erholt
und er ist in fast allen Teilen Deutschlands wieder zu Hause. Es ist also
auch eine Mutmachgeschichte.
taz: Sie wollen mit „Otter News“ also [3][konstruktiven Journalismus]
machen?
Drepper: Vor allem geht es um investigative Recherchen zur Klima- und
Umweltkrise, davon gibt es in Deutschland zu wenig. Und die Räume zur
Veröffentlichung werden immer weniger. Dabei gibt es viel zu recherchieren.
Aber ja, wir brauchen auch Geschichten, die Mut machen, und Erzählungen von
Beispielen, die funktionieren. Damit die Menschen etwas an die Hand
bekommen, an dem sie sich orientieren können. Und ich hoffe, dass wir einen
Journalismus schaffen, den die Menschen besser verstehen. Also weniger
geheime Recherchen hinter verschlossenen Türen für 18 Monate, sondern dass
wir das Publikum Schritt für Schritt mitnehmen und integrieren.
taz: Investigativjournalismus bringt Informationen an die Öffentlichkeit,
die ihr nicht einfach so zugänglich sind. Ist es nicht ein Widerspruch, die
Leser:innen dann schon bei der Recherche mitzunehmen?
Drepper: Theoretisch ja. Investigativjournalist:innen halten ihre
Recherchen oft geheim, weil sie Angst vor der Konkurrenz haben. Also davor,
dass ihnen die Themen geklaut werden. Und sie fürchten, dass Unternehmen,
Behörden, Personen, zu denen sie recherchieren, irgendetwas unterschlagen,
Dokumente verbrennen oder Quellen einschüchtern.
taz: Diese Ängste teilen Sie nicht?
Drepper: In der Theorie kann das alles passieren und es wird auch bei Otter
News Recherchen geben, die wir erst am Ende mit der Öffentlichkeit teilen.
Aber in vielen Fällen können Recherchen viel transparenter stattfinden,
weil sie gar nicht behindert werden können. Oft gibt es zu viele Mitwisser
und Dokumente. Es wäre schlicht zu aufwendig, das alles zu vertuschen. Und
zweitens ist es oft so, dass, wenn angefangen wird zu vertuschen, der
gegenteilige Effekt eintritt und Menschen hellhörig werden. Oft ist gar
nicht die Geschichte der größere Skandal, sondern die Vertuschung dieser
Geschichte ist das, was am Ende der große Aufreger ist. Das war auch bei
Watergate so.
taz: Wie könnte dieser offene Ansatz bei „Otter News“ konkret aussehen?
Drepper: Da kann ich von meiner ersten Recherche bei Otter News erzählen,
die wir diese Woche gestartet haben. In den USA gab es 2019 eine Recherche
zum Ölkonzern Exxon, die gezeigt hat, wie das Unternehmen schon vor 40, 50
Jahren von der drohenden Klimakrise gewusst, aber trotzdem eine nachhaltige
Energiewende sabotiert hat. So eine Recherche gibt es für Deutschland
nicht. Ich möchte wissen, wie das hier bei RWE, Eon, EnBW, Vattenfall,
möglicherweise auch bei VW, Mercedes, BMW und anderen großen,
klimarelevanten Konzernen aussieht. Also, was wussten sie? Welche Studien
haben sie intern gemacht? Wer ist dafür verantwortlich? Welche Optionen
hätten wir gehabt, wenn die Unternehmen früher reagiert hätten? All das
möchte ich herausfinden und habe jetzt in einem Video bei Instagram
angekündigt, dass ich das recherchieren möchte. Der nächste Schritt ist,
dass ich die Pressestellen anrufe und sage, dass ich in ihre Archive möchte
und all ihre Unterlagen einsehen möchte. Und wenn sie das nicht machen,
dann weiß die Öffentlichkeit schon einmal, dass die Unternehmen das aktiv
blockieren. Meine Hoffnung ist natürlich, dass sich Leute bei mir melden,
die da vor langer Zeit mal gearbeitet haben und Dinge wissen. Aus früheren
Recherchen weiß ich, dass das manchmal der beste Weg ist, um Quellen
anzusprechen.
taz: [4][Laut Umfragen interessieren sich Menschen nicht mehr so sehr für
die Klimakrise]. Wie wollen Sie gegen dieses Desinteresse ankommen?
Drepper: Ich glaube, es geht vor allem darum, wie wir Geschichten erzählen.
Als Journalist muss ich bei all meiner Kritik an Meta, Tiktok und Co
anerkennen, dass ich Menschen natürlich vor allem über soziale Medien
erreiche. Deswegen läuft meine Mitgliederkampagne neben meinem Newsletter
auch dort mit 100 kurzen Videos in 100 Tagen. Und auch in Zukunft werde ich
in kurzen Videoinhalten kommunizieren. In Podcasts. Und auch in
Newslettern, aber möglichst nicht ständig mit 30.000-Zeichen-Texten. Es ist
mein Zugeständnis an die Seh- und Aufmerksamkeitsgewohnheiten des
Publikums. Weil ich es wichtig finde, sie zu motivieren, sich für dieses
relevante Thema zu interessieren.
taz: Zu Zeiten von Klimaklebern und [5][Fridays for Future] war das
Interesse einmal größer. Wo ist es hin? Der Hoffnungslosigkeit gewichen?
Drepper: Das ist sicherlich ein Grund. Aber wir haben auch eine
anstrengende Situation aktuell: Die Menschen haben das Gefühl, sie müssen
sich an allen Fronten mit schlimmen Dingen befassen. Und viele, die sich
damals zeitaufwendig engagiert haben, sehen jetzt, dass wenig besser
geworden ist. Das ermüdet. Für mich persönlich merke ich, dass ich mich
umso weniger ohnmächtig fühle, je mehr ich mich sinnhaft mit dem Thema
beschäftige. Ich habe natürlich den Vorteil, dass ich das zu meinem Beruf
machen kann. Das ist für andere Leute schwieriger. Aber das ist meine
Hoffnung, dass, wenn man den Menschen ein Medium anbietet, das sie stärker
mit einbezieht und das auch positive Geschichten erzählen will, das
Optimismus weckt.
taz: Optimistisch ist es auf jeden Fall auch, ein Medium in diesen Zeiten
zu gründen. Der Medienlandschaft geht es nicht gut: Medien schließen,
[6][Stellen werden abgebaut]. Wäre es nicht besser, Ihren Journalismus in
ein bestehendes Medienhaus einzugliedern?
Drepper: Den Ratschlag habe ich auch von einer erfahrenen Mentorin
bekommen. Aber mein Eindruck ist, dass man dann am meisten bewegen kann,
wenn etwas Neues entsteht. Man ist losgelöst von bürokratischen Prozessen
und kann frei ausprobieren. Bei meinen letzten Gründungen – sowohl bei
Correctiv als auch bei Buzzfeed Deutschland – hatte ich den Eindruck, dass
man so auch Einfluss auf die Arbeit anderer hat. Bei Buzzfeed hatten wir
die erste investigative Reporterin für queere Themen oder für sexualisierte
Gewalt. Und Correctiv hat die Kooperationswilligkeit im deutschen
Medienmarkt gestärkt. Das hat über die eigenen Recherchen hinaus Wirkung
gezeigt.
taz: Damals gab es aber auch nicht die zusätzliche [7][Bedrohung durch
künstliche Intelligenz], die schon jetzt erste Redakteursstellen ersetzt.
Drepper: Das stimmt. Aber gerade deswegen ist es wichtig, mit einem Medium
auf die Dinge zu setzen, die eine KI nicht leisten kann. Erstens: der
gemeinsame Austausch. Ich möchte eine Community aufbauen, die Umwelt- und
Klimathemen und auch die Entstehung von Journalismus an sich diskutiert.
Weil Menschen meiner Theorie nach auch langfristig lieber mit Menschen
kommunizieren als mit einem Roboter. Zweitens: investigative Geschichten.
Dinge gegen Widerstände herausfinden, denn die KI wird diese Widerstände
nicht überwinden.
taz: Sie brauchen 3.000 Abonnent:innen, die 8 Euro monatlich zahlen, um
„Otter News“ zu starten. Wie läuft die Kampagne bislang?
Drepper: Ich bekomme sehr viele begeisterte Nachrichten. Menschen, die
schreiben: Endlich tut sich was in dem Bereich. Weil die natürlich auch
mitbekommen, wie die Berichterstattung weniger wird, dass der WDR seinen
Klima-Account einstellt, dass Flip geschlossen wird. Und was ich einen
tollen Vertrauensbeweis finde: dass sich nach einer guten Woche schon 50
Menschen bei mir beworben haben, obwohl wir noch keine einzige Geschichte
veröffentlicht haben. Um überhaupt jemanden einzustellen, braucht es
natürlich erst einmal die Abos. Aber ich bin zuversichtlich, dass die
kommen.
26 Oct 2026
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## AUTOREN
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