# taz.de -- Bücher über Apokalypse: Der Weltuntergang ist nicht das Ende
       
       > Die Philosophin Alenka Zupančič und der Theologe Florian Baab betrachten
       > die Apokalypse in Gegenwart und Geschichte.
       
 (IMG) Bild: Das Weltende: Ein großer Knall oder nur eine Sackgasse?
       
       Das Warten auf den großen Knall hat Konjunktur. In der einen oder anderen
       Form. Für den hauptberuflichen Pessimisten E. M. Cioran wäre das größte
       Unglück gewesen: „Das Weltende zu verpassen.“
       
       Da das Thema ansonsten weniger gelassene Reaktionen hervorruft, kann ein
       nüchterner Blick auf Theorien des Weltuntergangs etwas helfen, sich darüber
       zu verständigen, was für Weltbilder hinter diesen Vorstellungen stehen, was
       für einen Zweck die Untergangstheorien erfüllen und was da im Einzelnen
       überhaupt endet.
       
       Zwei neue Bücher zum Thema widmen sich diesen Fragen aus unterschiedlicher
       Perspektive und in unterschiedlicher Form. Das Buch „Das Ende.“ der
       Philosophin Alenka Zupančič versammelt Essays zu meist aktuellen Fragen von
       Politik bis Kunst. Der Philosoph und Theologe Florian Baab legt mit
       „Weltuntergang“ eine „Meditation“ vor, die ein historisches Panorama von
       Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute bietet. Beide Bücher ergänzen sich
       sehr gut.
       
       Zupančič, die zur „Laibacher Lacan-Schule“ um den Philosophen Slavoj Žižek
       gehört, nähert sich Fragen des Endes in oft dialektischen Denkfiguren. So
       steht für sie etwa der Satz „Ich kann es beenden, wann immer ich will“ für
       ein Muster, bei dem die Möglichkeit, eine Sache zu beenden, zur Bedingung
       wird, sie ständig zu wiederholen. Das kann für Liebesbeziehungen wie für
       das Rauchen gelten. Zupančič spricht daher von einer „paradoxen
       Komplizenschaft zwischen Wiederholung und Ende“. Die auch vor dem Ende der
       Welt nicht haltmacht.
       
       Bei der Angst vorm Weltuntergang sieht sie einen „komischen Fatalismus“ am
       Werk, den ihr Kollege Frank Ruda auf die Formel gebracht hat: „Handle so,
       als hätte die Apokalypse schon stattgefunden!“ Was nicht auf schlichtes
       Ignorieren hinausläuft. Der Umgang mit der Apokalypse bekommt für Zupančič
       gerade da, wo man sich bewusst mit ihr als Möglichkeit beschäftigt und
       beständig von ihr spricht, etwas von magischem Denken.
       
       Sie bringt diese ideologische Verdrängungsleistung auf Formeln wie: „Wir
       können uns leichter das Ende der Welt vorstellen als das Ende des
       Kapitalismus.“ Dies dient zugleich als Seitenhieb auf den Philosophen
       Francis Fukyuama, der in seinem Buch „Das Ende der Geschichte“ von 1992 den
       Kapitalismus und die liberale Demokratie als Endpunkte historischer
       Entwicklungen beschreibt.
       
       Für die Weigerung, das Ende der Welt als reale Möglichkeit zu akzeptieren,
       erinnert Zupančič an eine Einsicht Sigmund Freuds, laut dem gilt: „Unser
       Unbewusstes glaubt nicht an den eigenen Tod, es gebärdet sich wie
       unsterblich.“ Dass diese Einsicht weiter aktuell ist, demonstriert Zupančič
       an Beispielen wie der schwarzen Komödie „Don’t Look Up“ (2021) von Adam
       McKay, in der ein Komet auf die Erde zurast und das Leben auf ihr
       auszulöschen droht.
       
       Das Verhalten der Figuren dient ihr als Beleg für die These, dass das Reden
       über das Ende der Welt es einem ermöglicht, so weitermachen wie bisher und
       de facto so zu tun, als bleibe alles beim Alten. Im Film wird das auf den
       Punkt gebracht durch fiktive Nachrichtenschlagzeilen wie diese: „Das Ende
       naht – Wird es einen Super Bowl geben?“
       
       Untergangsrhetorik ist Zupančič selbst fremd. Sie sieht das Ende auch nicht
       als „Endpunkt“, zugleich verwahrt sie sich vor allem in politischer
       Hinsicht gegen ein „Weiter so“. Das Ende geht sie konsequent aus schrägem
       Blickwinkel an, wobei sie sich eine Anleihe bei Samuel Beckett gestattet,
       wenn sie ein vorläufiges Fazit zieht: „Statt als Endpunkt sollten wir über
       das Ende eher als Sackgasse (dead end) nachdenken, zu der wir immer wieder
       zurückzukehren gezwungen sind …, um besser zu sterben…“.
       
       Auch Florian Baab ist in „Weltuntergang“ weit davon entfernt,
       Weltuntergangsstimmung zu verbreiten. Sein Blick auf Theorien der
       Apokalypse im 20. Jahrhundert führt ihn vielmehr zu der abschließenden
       Einsicht: „Der Weltuntergang ist, wie wir gesehen haben, Geschichte.“ Was
       er bis dahin an Gedanken anderer präsentiert, ist, gelinde gesagt, weniger
       beruhigend.
       
       Baab weist eingangs darauf hin, dass das Wort „Apokalypse“ ursprünglich
       „Offenbarung“, „Offenlegung“ oder „Enthüllung von etwas Verborgenem“
       bedeutete und dass es die Bezeichnung „Weltuntergang“ nur im Deutschen
       gibt. Bevor er sich den von ihm ausgewählten Autoren widmet, legt er zudem
       einen begrifflichen Rahmen zur Orientierung fest, für den er den er die
       Konzepte „Erfahrung“ und „Erwartung“ des Historikers Reinhard Koselleck mit
       dem Begriff der „kurzen Gegenwart“ des Philosophen Hermann Lübbe
       kombiniert.
       
       Verhielten sich nach Koselleck Erfahrung und Erwartung, also der durch die
       Erinnerung der Vergangenheit geschaffene „Erfahrungsraum“ einerseits und
       der im Blick auf die Zukunft offene „Erwartungshorizont“ andererseits, vor
       der Neuzeit noch einigermaßen ausgeglichen, vergrößerte sich die Erfahrung
       durch technischen Fortschritt und andere Veränderungen immer stärker und
       schneller, auf Kosten der Erwartung. Als Ergebnis gibt es eine immer
       kürzere Gegenwart. Die Warnungen von Klimaforschern vor der Erderwärmung
       kann man durchaus in diesem Zusammenhang sehen.
       
       Einige der Gewährsleute Baabs für Apokalyptisches sind recht bekannt, allen
       voran Oswald Spengler, dessen Buchtitel „Der Untergang des Abendlandes“
       sprichwörtlich wurde. In seinem Buch von 1918 entwirft er eine
       Zyklentheorie der Kultur. Die „eigentümliche Mischung von Biologismus und
       Animismus“ referiert Baab mit deutlichem Befremden.
       
       Andererseits beurteilt er dessen Prophezeiungen als zum Teil zutreffend:
       „Bei aller Fragwürdigkeit seiner Methoden hatte Spengler die Gabe, sehr
       früh die problematischen Seiten manch moderner Entwicklungen aufzuzeigen:
       Soziale Ungerechtigkeit als Produkt des Kapitalismus, ungezügelte
       Herrschaft als Ergebnis medialer Vermittlung, große Kriege als Konsequenz.
       Auch heute, in einer Zeit, die vielen wieder als ein Wendepunkt erscheint,
       bleibt eine Spengler-Lektüre aufschlussreich. Er warnt uns vor dem, was
       möglich ist.“
       
       Spengler, der als Antidemokrat in der NS-Zeit populär war und für Baab
       stellvertretend ist für ein geistiges Milieu einzelgängerischer Männer mit
       konservativer Haltung, die sich damals mit apokalyptischen Ideen
       herumschlugen, führt als prominente Ausnahme den Philosophen Theodor
       Lessing an.
       
       Dieser leistete sich in der Zwischenkriegszeit unter anderem eine äußerst
       scharfe Feuilleton-Debatte mit Thomas Mann. Sein kritisches Denken war den
       Nazis so verhasst, dass Joseph Goebbels eine Belohnung von 80.000
       Reichsmark auf seinen Kopf aussetzte. In Marienbad wurde Lessing darauf
       1933 von Attentätern erschossen.
       
       Lessing sah seinerseits in Werken wie „Europa und Asien. Untergang der Erde
       am Geist“ eine Reihe von Entwicklungen voraus, die ihn im Nachhinein
       bestätigen. So hat er Solarenergie oder Wasserkraft als Energiequellen
       ebenso prognostiziert wie Wegwerfprodukte oder die heutige kommunikative
       Vernetzung, wenn man möchte, bis hin zu Smartphones.
       
       Desgleichen warnte er vor Massenvernichtung, deren nahende technische
       Möglichkeit er befürchtete, oder Naturzerstörung. Gut hingegen, dass die
       von ihm erwartete „Diktatur der Vernunft“ bis auf Weiteres nicht
       eingetreten ist.
       
       Baab schreckt umgekehrt nicht davor zurück, tief in den Giftschrank der
       Geistesgeschichte zu greifen. Bevor er auf den NS-Ideologen Alfred
       Rosenberg und dessen Buch „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ eingeht,
       schickt er eine Warnung voraus.
       
       Rosenbergs „völkische Apokalyptik“, die auf eine „Religion des Blutes“
       hinausläuft und deren Sätze oft „keinen logischen Sinn“ ergeben, ordnet
       Baab wie folgt ein: „Sein Beispiel zeigt, wie die NS-Ideologie in der
       Untergangsangst ihre Wurzeln hat – einer Angst, ohne die Rosenbergs
       Pamphlet keine Überzeugungskraft hätte entwickeln können.“ Damit ist Baab,
       ohne eigens darauf hinweisen zu müssen, in der Gegenwart mit ihren
       Kampfparolen wie „Überfremdung“ angelangt. In einer Art symbolischer
       Reinigung erwähnt er zum Abschluss des Kapitels den Song „Schrei nach
       Liebe“ der Ärzte, der 1993 zur Zeit der „Baseballschlägerjahre“ entstand.
       
       Nach einem Kurzdurchlauf durch die Zukunftsängste, die das Aufkommen der
       Atombombe in der Nachkriegszeit mit sich brachte, landet Baab am Ende bei
       Fukuyama, den er wohlwollender liest als Zupančič.
       
       Insbesondere verteidigt Baab an Fukuyama, dass dieser den Fortgang der
       Geschichte sehr wohl für möglich gehalten habe, wenn auch als Rückfall:
       „Fukuyama denkt hier etwa an ‚eine gezielt antiliberale, undemokratische
       Regierungsform, die technokratischen ökonomischent Rationalismus mit
       patriarchalem Autoritarismus verbindet‘“. Willkommen in der Geschichte der
       Gegenwart.
       
       2 Oct 2026
       
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