# taz.de -- Reaktionen auf Bremer Polizeikessel: Die Freiheit wird der Sicherheit geopfert
> Das Problem ist nicht das polizeiliche Handeln bei der Einheitsfeier,
> sondern dessen Grundlage. Doch die Einschränkung von Grundrechten juckt
> niemanden.
(IMG) Bild: Ein, zwei, drei, ganz viele Kessel: Die Bremer Polizei hat bei der Einheitsfeier großzügig zugegriffen
Stundenlang hielt die Polizei nach Augenzeugenberichten [1][während der
dreitägigen Einheitsfeier in Bremen Menschen fest.] An verschiedenen Orten,
zu zweit oder in größeren Gruppen. Weil sie zum falschen Zeitpunkt am
falschen Ort waren oder die falsche Kleidung (zu viel Schwarz) trugen oder
das Falsche taten, etwa gegen eine AfD-Podiumsdiskussion protestierten oder
Flyer gegen die Wehrpflicht bei sich trugen.
Und das Einzige, was Lokalmedien und Verantwortliche wie Bremens
Polizeipräsident daran problematisch finden, ist, dass Menschen zu lange
gegen ihren Willen festgehalten wurden, [2][ihnen Rechtsbeistand
vorenthalten wurde] und die Polizei sie nicht mit Getränken, Nahrung und
Wärmedecken versorgte.
Das an sich ist schlimm genug, aber: Hallo, ist hier noch jemand wach?! Es
geht nicht um einmaliges polizeiliches Handeln oder Versagen, sondern
darum, wie schleichend Maßstäbe verschoben werden, die das Aushebeln von
Grundrechten rechtfertigen.
Denn die Polizei war lediglich ausführendes Organ. Sie setzte eine von der
Innenbehörde verfügte Einschränkung des Grundrechts auf
Versammlungsfreiheit um. Drei Tage lang waren spontane Versammlungen in der
gesamten Innenstadt sowie auf der Festmeile entlang der Weser bis zum
Stadion verboten. Und was eine Versammlung war, das entschied an diesen
Tagen die Polizei.
Das Erschütternde ist, dass das niemanden juckt in Bremen, das immerhin von
einer Koalition aus SPD, Grünen und Linken regiert wird und sich für
besonders liberal hält. Das erinnert an den Bremer [3][V-Mann-Skandal] zu
Beginn des Jahres. Zur Erinnerung: Menschen wurden mutmaßlich in intimen
Beziehungen bespitzelt, die Gewaltenteilung ebenso angegriffen wie das
rechtsstaatliche Prinzip der anwaltlichen Unabhängigkeit.
## Kollateralschäden im Kampf gegen Linksextremismus
Doch in der öffentlichen Debatte spielt das keine Rolle, sondern wird als
Kollateralschäden im Kampf gegen den Linksextremismus hingenommen. Die
Ausnahme bildeten damals wie heute eine Abgeordnete der Grünen sowie die
Fraktion der Linken. Deren Co-Vorsitzender Nelson Janßen fragte wenige Tage
nach der Einheitsfeier in einem parlamentarischen Gremium vorsichtig nach,
warum die Innenbehörde nicht vorher auf das Versammlungsverbot hingewiesen
hatte.
Er stieß auf dasselbe Unverständnis wie die von den Polizeimaßnahmen
Betroffenen, die sich hinterher über die Einschränkung ihrer Grundrechte
beschwerten. Er berichtet, ihm sei suggeriert worden: Wo sei das Problem,
man hätte doch demonstrieren dürfen, nur halt nicht unangemeldet im
Festbereich.
Besonders aufschlussreich sind in dieser Hinsicht Leserkommentare im
Weser-Kurier, an den sich eine 59-jährige Unternehmensberaterin gewandt
hatte. Sie hatte sich spontan dem Protest gegen die AfD-Podiumsdiskussion
angeschlossen und verbrachte drei Stunden im Polizeikessel. Weiter als sie
kann man nicht weg sein vom Feindbild derjenigen, die sich für die
gesellschaftliche Mitte halten und alle mit anderer Meinung oder
auffälliger Kleidung für den extremen Rand.
## Bratwürste statt Interessen aushandeln
Und dennoch war der Tenor der etwa ein Dutzend Leserkommentare, derzeit
nicht mehr auf der Website: Wer eingekesselt wurde, sei selbst schuld. Die
Einheitsfeier sei ein Fest für „normale“ Bürger:innen gewesen, die
einfach nur feiern wollen. Politische Meinungsäußerungen hätten dort nichts
zu suchen gehabt und Sicherheit gehe nun mal vor Freiheit.
Mit der Befriedigung genau dieser Bedürfnisse hat die AfD bekanntlich die
Wahl in Sachsen-Anhalt gewonnen: Bratwürste statt kompliziertes Aushandeln
unterschiedlicher Interessen.
Die Vorgänge in Bremen zeigen, wie die erklärten Gegner:innen der
Rechtsextremisten die Demokratie beschädigen beim Versuch sie zu schützen.
Und es nicht merken.
22 Oct 2026
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## AUTOREN
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