# taz.de -- Tag der Deutschen Einheit: Mit Placebos gegen die fortgesetzte Teilung
> Zum Einheitsfeiertag liefert die Ostbeauftragte Elisabeth Kaiser jede
> Menge Empathie und Statistiken. Das ist verdienstvoll, auch wenn Lücken
> bleiben.
(IMG) Bild: Deutsche Einheit 2026: In Halle wurde ein mehr als vier Meter langes Freundschaftsband geknüpft
Ungewohnt empathisch beginnt die Ostbeauftragte der Bundesregierung
[1][Elisabeth Kaiser] (SPD) ihren jährlichen Bericht zum Stand der
Deutschen Einheit. Es geht um ganz durchschnittliche Bedürfnisse und
Lebenssorgen wie Infrastruktur, Einkommen und Rente, um Aufstiegschancen
und den Aufbau einer halbwegs sicheren Existenz. Den indirekt eingeräumten
Nachholbedarf Ost sollen eifrige Dialoge, „Du bist nicht
allein“-Initiativen und [2][stimulierende Wettbewerbe wie „machen“]
lindern. Das erste Drittel des 122 Seiten umfassenden Berichts
protokolliert deshalb Gespräche über Chancengerechtigkeit und weiterhin
spürbare Eigenarten der Ostdeutschen.
Gleich das erste ist ein Dialog zwischen Promis, dem medaillenbeladenen
Boxer Axel Schulz (57) und „Tatort“-Schauspieler Martin Brambach (58). Sie
stoßen zu einem Satz vor, den Elisabeth Kaiser in ihrer langen Einleitung
wortreich vermeidet. Die Jahre des Umbruchs nach 1990 bezeichnet Brambach
als „extrem bittere Lehrstunde im Kapitalismus“. Eine solche kann die drei
Jahre vor der Wende geborene Ostbeauftragte noch nicht wahrgenommen haben.
## Kapitalismuskritik bei den Wahlkämpfen
Und welches SPD-Mitglied verfügt noch über marxistisch-analytisches Wissen?
Das Grundgesetz des Kapitalismus kannte damals auch ohne sozialistische
Schule jeder: „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen!“ Biblisch
Bewanderte zitierten eleganter das Matthäusevangelium, Kapitel 25: „Denn
wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber
nicht hat, dem wird auch das, was er hat, genommen werden.“
Eine Ahnung davon muss man aber der Genossin Kaiser zubilligen. „Es geht
darum, die Voraussetzungen dafür zu verbessern, dass Menschen selbst etwas
mehr für sich tun können“, beschreibt sie ihre Aufgabe. Damit hätte sie
Brecht als Mitautor gewinnen können. „Doch die Verhältnisse, sie sind nicht
so!“, heißt es in der Dreigroschenoper. Wer in den jüngsten Wahlkämpfen die
Ohren offenhielt, konnte bei Bürgern oft Kapitalismuskritik heraushören.
Wie ein Berechtigungsnachweis solcher Deprivations- und materiellen
Mangelgefühle liest sich der umfangreiche Deutschland-Monitor als
informativster Teil des Ostberichts. [3][Auch nach 36 Jahren formaler
staatlicher Einheit bleiben die statistisch erfassten Vermögensunterschiede
gravierend]. Das durchschnittliche Nettogesamtvermögen eines Haushalts
liegt in Westdeutschland mit 257.100 Euro „nur“ doppelt so hoch wie im
Osten.
Etwas geringer sind die Unterschiede bei Kapitalmarktbesitz und
Kapitallebensversicherungen, etwas größer beim Immobilienvermögen. Das
liegt im ostdeutschen Durchschnittshaushalt bei 97.800 Euro. Während der
einzelne „Ossi“ im statistischen Durchschnitt 400 Euro jährlich erbt oder
geschenkt bekommt, wird ein Westdeutscher mit dem Vierfachen beglückt.
## Keine westdeutsche Barmherzigkeit
Von Anfang an war klar, dass bei extrem unterschiedlichen Startbedingungen
1990 die Schaffung einer wirtschaftlichen Wertschöpfungsbasis und damit
eine Angleichung der materiellen Lebensverhältnisse nur durch staatliche
Umverteilung erreichbar sein würde. Dem wurde mit den beiden kontinuierlich
bis 2019 abschmelzenden Solidarpakten Rechnung getragen. Bis heute hält
sich die Legende, es habe sich um westdeutsche Barmherzigkeit gehandelt.
Aber der erste sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf, der
Wirtschaftsprofessor Ulrich Blum (und auch taz-Recherchen) wiesen nach,
dass die deutsche Einheit ungefähr ein Nullsummenspiel war: Die
Westverstärkung durch etwa 1,2 Millionen abgewanderte DDR-Bürger bei
gleichzeitigem enormen Marktzuwachs für Westprodukte,
Versicherungstransfers oder die Gewinne bei den meist im Westen ansässigen
Firmen- und Konzernsitzen kompensierten die staatlichen Osttransfers.
Ein Verdienst des Monitors ist auch, dass er nicht nur nach Verdienst,
sondern auch nach mentalen Aufstiegs- und Statuswünschen fragt. Die sind im
Osten nicht so stark ausgeprägt, gleichrangig zählt auch der „Wunsch nach
einem ausgewogenen Leben“. Inwieweit hier schon Kapitulation vor dem nicht
eingelösten Aufstiegsversprechen mitschwingt, bleibt offen. Denn nur zwei
Drittel der Befragten im Osten glauben an die Bedeutung von Leistung und
Fleiß, deutlich mehr an die Rolle von Vermögen, Beziehungen und sozialer
Herkunft.
Die Ostbeauftragte vermied es, das in Halle geplante „[4][Zukunftszentrum
Deutsche Einheit]“ anzusprechen. Der gefühlte Ost-Bedarf nach einem solchen
Placebo hält sich in engen Grenzen, während die voraussichtlichen Kosten
explodieren. Parallel zum Einheitsbericht rügte der Bund der Steuerzahler
die vorläufig auf 277 Millionen Euro gestiegene Summe. „In Bewegung
bleiben“ überschreibt Elisabeth Kaiser ihren Bericht ungewollt ironisch
passend. Der Richtungspfeil auf dem Titelblatt zeigt nach rechts.
2 Oct 2026
## LINKS
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(DIR) [3] /Ungleich-verteilte-Erbschaften/!6217682
(DIR) [4] /Zukunftszentrum-Deutsche-Einheit/!5912811
## AUTOREN
(DIR) Michael Bartsch
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