# taz.de -- Doku „Watching People Watching Birds“: Kennen Sie diesen Vogel?
> Die Dokumentation „Watching People Watching Birds“ zeigt das beruhigende
> Hobby des Birdwatchings. Und sie weitet den Blick auf den Klimawandel.
(IMG) Bild: Kein Zedernseidenschwanz, dafür ein Basstölpel in „Watching People Watching Birds“
Ein Ehepaar sitzt daheim auf der Couch und spielt sich Vogelgesänge vor,
der jeweils andere muss raten, um welchen Vogel es sich handelt. Zwei
Männer stehen an einem Zaun, erst davor, dann dahinter, und gucken Möwen.
Ein älterer Mann scharwenzelt ruhig und doch interessiert aufgeregt um
einen Baum herum. Schließlich bricht es aus ihm heraus: „Das sind
Zedernseidenschwänze!“
Ulrike Franke und Michael Loeken gucken in ihrem Dokumentarfilm „Watching
People Watching Birds“ auf Menschen, die Vögel gucken. Manche von ihnen tun
das schon sehr lange, andere erst seit kurzem. Die meisten Vogelgucker
begegnen Franke/Loeken im Umfeld der Industrielandschaften
Nordrhein-Westfalens, aber manchmal auch in den USA.
Fotos des Ehepaars von der Couch belegen, dass es schon lange Teil des
Lebens der beiden ist, Vögel zu beobachten. An ihrem Arbeitsplatz, einer
Bäckerei-Filiale, berichtet Brigitte Handy davon, wie beglückend die
beiläufige Begegnung mit Vögeln am frühen Morgen ist, und dass der Zug der
Kraniche sie stets aufs Neue zu Tränen rührt. Ihr Mann Neil hört am Steuer
eines Lastwagens für einen deutschen Stahlhersteller Vogelstimmen und übt
das Wiedererkennen.
„Watching People Watching Birds“ ist ein Dokumentarfilm, so unaufgeregt,
wie es nur geht. Es geht nicht in erster Linie um die Verbindungen zu den
großen Themen der Zeit, sondern zuallererst um Beobachtungen und
Begegnungen. Im Laufe des Films stellen sich dann selbstverständlich doch
wiederkehrende Themen ein: einerseits der menschliche Blick auf Natur und
andererseits die Entdeckung des Naturraums durch ebendie Menschen, die auf
Natur blicken. Oft ist es eben diese Entdeckung eines Naturraums, der sich
in den Landschaften, Parks und in einer der Erzählungen sogar in einem
Jalousienkasten im Rohbau zum Haus der Eltern entfaltet, die den Blick auf
und das Verhältnis zur Natur verändert.
## Unwiederbringliche Verluste in Flora und Fauna
Bei Menschen, die schon länger Vögel gucken, wird auch die Veränderung der
Natur durch den Klimawandel sichtbar. So ist einer der Porträtierten ganz
überrascht, wie viele Kleinspechte er in den 1960er Jahren noch in seinen
Notizen wiederfindet. In diesen Verlustbeschreibungen wird auch deutlich,
dass es Naturwissen braucht, um die Veränderungen der Natur zu erkennen.
Wer jede Grünfläche als Natur missversteht, wird die Warnrufe vor den
unwiederbringlichen Verlusten in Flora und Fauna kaum nachvollziehen
können.
Ulrike Franke und Michael Loeken arbeiten seit 1996 als Dokumentarfilmduo.
Ihre Filme kreisen immer wieder um das Ruhrgebiet und das Schwinden der
Industrie. [1][In „We Are All Detroit“ zeichneten sie 2021 Ähnlichkeiten
und Unterschiede zwischen dem Abbau der Autoindustrie in Bochum und Detroit
nach]. Franke lehrt seit knapp zehn Jahren an der Kölner Hochschule für
Medienkunst Autorendokumentarfilm. Die meisten der Filme entstanden im
Auftrag und als Koproduktion mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen.
Eine der Stärken von „Watching People Watching Birds“ ist, dass der Film
über die möglichen Verbindungslinien zu aktuellen Themen nie die Menschen,
denen der Film folgt, aus den Augen verliert. Die menschliche Faszination
für Vögel bleibt der Ankerpunkt, von dem aus der Film die Welt erkundet.
Das eröffnet ihm erstaunliche Freiheiten, die ihn auf [2][den Spuren von
Jonathan Franzen] auch in einen Community Garden in den USA finden lässt,
in dem einige der Obdachlosen, die an dem Garten mitarbeiten, mit ähnlich
leuchtenden Augen von Vogelsichtungen erzählen, mit denen Franzen selbst zu
Beginn auf die Zedernseidenschwänze reagiert hat.
In „Watching People Watching Birds“ laden Ulrike Franke und Michael Loeken
ihre Zuschauer_innen ein, in ihrer jeweiligen Umgebung die Welt der Vögel
zu entdecken. Eine Welt zu entdecken, die sie vorher vielleicht nicht
gesehen haben und die Zugang sein kann für weitere Welten, die sich daran
anschließen. Auf diese Entdeckung mag bisweilen Melancholie und Trauer
folgen, wenn sich die Erkenntnis einstellt, dass all diese Welten von
Verlust bedroht sind. Und vielleicht folgt aus wachsendem Interesse ja
sogar wachsendes Engagement, um die schlimmsten Effekte auf diese neu
entdeckten Welten politisch noch zu verhindern.
So oder so ist „Watching People Watching Birds“ eine dokumentarische
Entdeckungsreise und ein Plädoyer für die Wertschätzung der kleinen
Glücksmomente, für die sich der Gang ins Kino lohnt.
5 Oct 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Fabian Tietke
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