# taz.de -- Wirtschaftsmagazin „Surplus“: Im Aufschwung
       
       > „Surplus“ macht Wirtschaftsjournalismus von links – und wird dabei von
       > namhaften Ökonom*innen unterstützt. Ist das ein Erfolgsrezept? Ein
       > Redaktionsbesuch.
       
 (IMG) Bild: Junges Team mit keynesianischen Ideen: das Magazin „Surplus“
       
       „Vielleicht müssen wir uns in der Printausgabe noch einmal vorstellen, weil
       so viele neue Leser dazukommen?“, fragt Gründer und Chefredakteur Lukas
       Scholle seinen Kollegen Matthias Ubl. Gemeinsam besprechen sie in einem
       spärlich eingerichteten Büroraum in Berlin-Kreuzberg den aktuellen Stand
       der nächsten [1][Printausgabe des Surplus Magazins], einem
       Wirtschaftsmagazin mit progressiven Stimmen.
       
       Das erste Magazin erschien im Februar 2025, und die Leser*innenschaft
       wächst. „Vielleicht können wir eine Doppelseite ins Magazin bringen?“,
       schlägt Scholle seinem Print-Chef vom Dienst vor, der am Macbook
       mitschreibt. „Als Mind Map mit allen Gesichtern und Joberklärungen?“, fragt
       Ubl.
       
       Anlass für eine Vorstellungsrunde gibt es zur Genüge. Surplus („Sörplas“,
       englische Aussprache) hat nach anderthalb Jahren bereits eine Auflage von
       12.000 Exemplaren, in den vergangenen 12 Monaten sind sie um rund 70
       Prozent gewachsen. Das Magazin befindet sich, so würden es wohl
       Ökonom*innen sagen, gerade im Aufschwung. Doch was macht Surplus so
       erfolgreich?
       
       Das noch junge Team hat eine Lücke in der Wirtschaftsberichterstattung
       gefunden und weiß diese für sich zu nutzen: Ihnen fehlte der progressive
       Blick auf die Wirtschaft. „Surplus“, also der Überschuss des Wirtschaftens,
       ist ein zentrales Element vieler Wirtschaftstheorien und großer Denker. Und
       damit auch ein zentraler Bestandteil der Berichterstattung für die
       Redaktion.
       
       ## Für die Vergesellschaftung
       
       Ihre Themen machen sie nun online und alle zwei Monate als Printmagazin,
       fordern die Reichen- und Erbschaftsteuer, mehr Mitspracherecht von
       Arbeitnehmer*innen und erklären, warum es Vergesellschaftung braucht.
       Und das mit [2][hochkarätigen Namen aus der „Econ-Bubble“], wie der erst
       28-jährige Chefredakteur Lukas Scholle gern sein Umfeld nennt.
       
       Herausgegeben wird das Magazin von den Ökonom*innen [3][Maurice Höfgen]
       und [4][Isabella Weber], der Ungleichheitsforscherin Martyna Linartas und
       mit Unterstützung von dem britischen Wirtschaftshistoriker Adam Tooze.
       Kolumnist*innen wie Klimaaktivistin Luisa Neubauer oder [5][Tech-Promi
       Aya Jaff] sorgen für Reichweite.
       
       In einem einstöckigen Anbau in einem Berliner Hinterhof sitzen die
       Redakteur*innen gemeinsam mit den Kolleg*innen vom Jacobin Magazin
       zusammen im kleinen Großraumbüro. Beide Magazine gehören zum Brumaire
       Verlag. Der Eingangsbereich ist Besprechungsraum und Küche zugleich. Hier
       stapeln sich Mate und Afri-Cola-Kisten. An den Wänden reihen sich die
       aktuellen Ausgaben von Surplus [6][und Jacobin] auf, ein Karl-Marx Comic
       hängt neben dem Kühlschrank.
       
       Und trotzdem schreiben hier kaum Marxist*innen. Zwar sollen die Positionen
       von Marx bis zum Post- und Neu-Keynesianismus reichen, doch verbindet die
       meisten Autorinnen ein Wirtschaftsverständnis, das auf den Theorien des
       britischen Ökonomen John Maynard Keynes beruht. Dieser argumentierte für
       einen stärker in den Markt eingreifenden Staat.
       
       ## Junges Team
       
       Das Redaktionsteam von Surplus ist jung. Eva Kaiser ist eine von den
       Neuzugängen. Sie startete als Praktikantin in der Redaktion und ist nun
       Teil des Teams. „Wenn ich erzähle, dass ich bei einem Wirtschaftsmagazin
       arbeite, fragt sich die andere Seite oft, ob ich eine 180-Grad-Drehung
       gemacht habe“, erzählt sie.
       
       Mit Wirtschaftsjournalismus verbänden viele die FAZ oder das Handelsblatt,
       wo es um die großen wirtschaftlichen Entscheider*innen gehe. „Bei
       Surplus verstehen wir Wirtschaft pluraler. Nicht allein als Beschlüsse in
       Vorstandszimmern oder als Aktienkurse. Wir gucken auch dorthin, wo Tarife
       verhandelt und Wochenendeinkäufe bezahlt werden.“ Surplus will eigene
       Themen setzen, jünger und auch weiblicher sein. Das Team ist daher
       paritätisch besetzt.
       
       Auch Print-Chef vom Dienst Matthias Ubl schätzt die Expertise, die viele
       Autor*innen aus der Forschung mitbringen. Damit die Texte fachlich
       korrekt, aber auch verständlich zu lesen seien, ist das Team
       zusammengestellt aus Journalist*innen wie ihm und Leuten, die einen
       Wirtschaftshintergrund haben. „Ich habe erst durch die Arbeit hier gemerkt,
       wie einseitig deutsche Medien auf die Wirtschaft blicken, es gibt ein
       deutliches Übergewicht von neoliberalen und marktfundamentalistischen
       Positionen und das wird dann als neutrale Berichterstattung verkauft.“ Das
       Wichtigste an Surplus sei, ein Gegengewicht dazu herzustellen und
       „mitzumischen“.
       
       Ein Erfolg, an den Lukas Scholle vor einigen Jahren noch nicht wirklich
       glaubte. 2021 beschäftigte der Linken-Politiker Christian Görke sowohl
       Scholle als auch den späteren Herausgeber Maurice Höfgen als
       wissenschaftliche Mitarbeitende. Die beiden verstanden sich und waren aktiv
       auf Twitter, wo sie gelernt hatten, „Thesen auf 280 Zeichen zuzuspitzen“,
       erzählt Scholle.
       
       ## Bei einem Bier
       
       Damals fehlte ihnen die progressive Wirtschaftsberichterstattung, daher
       half Scholle Höfgen seinen Youtube-Kanal aufzubauen. Ende 2022 wurde
       Scholle Geschäftsführer des Brumaire Verlags, der Wunsch einer eigenen
       Veröffentlichung wuchs. Anfang 2024 dann der Entschluss: „Maurice und ich
       saßen mit Patrick Kaczmarczyk, der jetzt auch bei Surplus ist, bei einem
       Bier zusammen und hatten alle das Gefühl, dass es Zeit wurde, mehr über
       progressive Ansätze zu berichten.“ Am nächsten Tag habe Scholle frühmorgens
       ein Konzeptpapier herumgeschickt. „Ich bin einfach so, ich schlafe dann
       etwas weniger, denke nach und schreibe so was schnell runter.“
       
       Zu Beginn sollte Surplus nur ein gemeinsamer Newsletter sein, doch als
       Scholle weitere Unterstützer*innen wie Adam Tooze, Isabella Weber,
       Mariana Mazzucato und Thomas Piketty dazuholte, war klar, dass es etwas
       Größeres werden soll. „Adam Tooze kannte ich bereits über Twitter, aber wir
       haben uns zum ersten Mal in einem Fitnessstudio in Schöneberg getroffen,
       ganz zufällig.“ Daraus sei eine innige Zusammenarbeit geworden.
       
       Scholle hat Talent darin, sich sowohl online als auch offline gut zu
       vernetzen, was im Zuge des Launches enorm half. Auch Isabella Weber, kannte
       Scholle bereits, bevor er das Magazin gründete, half ihr sporadisch bei
       ihrer Pressearbeit.
       
       Zu den Herausgeber*innen hat er einen direkten Draht. Auch am
       Nachmittag bei der Themenrunde für das kommende Jahr, schwebt ihre
       unsichtbare Hand über die Köpfe der Redakteur*innen. Scholle erinnert an
       die Schwerpunktwünsche der Herausgeber, Tooze wünsche sich sehr eine
       Migrationsausgabe, betont Scholle, während alle anderen das
       Planungsdokument auf ihren Macbooks öffnen.
       
       Doch auch die Redakteur*innen haben Vorstellungen für das nächste Jahr,
       etwas Leichtes wie eine Influencer-Ausgabe, könnten sich die jungen
       Kolleg*innen gut vorstellen. Selbst die Leser*innen sind im
       Durchschnitt mit 39 Jahren nur wenige Jahre älter. Ungewöhnlich für ein
       Printprodukt.
       
       ## Verschiedene Adressat*innen
       
       Für 60 Prozent der Abonnent*innen ist es das erste Wirtschaftsmagazin,
       das sie abonnieren. Surplus zielt damit klar auch auf Leute ab, die vorher
       kaum Wirtschaftsnachrichten gelesen haben, gleichzeitig bedienen sie mit
       ihren Fachexpert*innen das Publikum der Wirtschaftsbubble. „Wir haben
       den Anspruch für verschiedene Wissensstände zu schreiben, mal eine
       lebensnahe Reportage, die wenig Vorwissen braucht, mal eine abstraktere
       Analyse, die eher etwas für die Wirtschaftsnerds ist“.
       
       Die Leserschaft bildet alters- und einkommensmäßig den Schnitt der
       Bevölkerung ab, sei aber etwas überdurchschnittlich gebildet, sagt Scholle.
       In der Zukunft kann er sich vorstellen, dass mit Hilfe von KI Fachbegriffe
       an der Seite des Artikels im Netz erklärt werden, „man könnte, dann vorher
       angeben, welchen Wissensstand man grob hat, und weitere Infos bekommen“.
       Eine Idee, die bisher noch in der Zukunft liegt. Stattdessen steht eine
       andere Expansion im Vordergrund.
       
       In den kommenden Monaten will Surplus eine englischsprachige Website „soft
       launchen“ (also eine Vorabversion online stellen) und ein Crowdfunding
       starten, im Frühling soll es dann mit der internationalen Ausgabe so
       richtig losgehen, sagt Scholle. „Auch im Englischen gibt es eine Leerstelle
       jenseits von Financial Times, Economist und Bloomberg.“
       
       Viele der freien Autor*innen könnten ihre Beiträge auch auf Englisch
       schreiben, Surplus hätte noch ein größeres Netz an Expert*innen, auf das
       sie zugreifen könnten. Der Fokus soll dann erst mal auf Berichten über die
       USA und Großbritannien liegen. Und Scholle ist zuversichtlich, dass man bis
       zum Ende des Softlaunches 10.000 neue Leser*innen dazubekommen würde.
       
       Klar ist, Surplus wächst weiter. Was noch fehlt? „Ein Gastbeitrag von
       Zohran Mamdani oder Bernie Sanders, das wäre ein Traum“, sagt Gründer und
       Chefredakteur Scholle.
       
       19 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Magazin-fuer-Wirtschaft/!6107513
 (DIR) [2] /Neue-linke-Oekonomiezeitschrift-Surplus/!6061115
 (DIR) [3] /Erben-in-Deutschland/!6144339
 (DIR) [4] /Antifaschistische-Wirtschaftpolitik/!6219373
 (DIR) [5] /Software-Palantir/!6170143
 (DIR) [6] /Jacobin-Gruender-ueber-Linke-in-den-USA/!6216546
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anastasia Zejneli
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Wirtschaft
 (DIR) Journalismus
 (DIR) Keynesianismus
 (DIR) Marxismus
 (DIR) Social-Auswahl
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) „Jacobin“-Gründer über Linke in den USA: „Die Linke strebte nicht nach Macht“
       
       „Jacobin“-Gründer Bhaskar Sunkara will die großen Fragen nach
       Transformation angehen. Wie kann eine sozialistische Welt aussehen?
       
 (DIR) Magazin für Wirtschaft: Lässig, links, Lohnarbeit
       
       Wirtschaftsberichterstattung von links? Das Magazin „Surplus“ will es den
       verstaubten Bilanzleser*innen zeigen und kommt im hippen Design daher.
       
 (DIR) Neue linke Ökonomiezeitschrift „Surplus“: Piketty und Mazzucato mit Mehrwert gegen Merz und Trump
       
       Das Wirtschaftsmagazin Surplus will eine Stimme gegen den Rechtsruck sein.
       Herausgegeben wird es von Isabella Weber, Adam Tooze und Maurice Höfgen.