# taz.de -- Die Wahrheit: Schlüpfriges aus der Mottenkiste
> Haustiere? Nur möglichst klein und flattrig! Der wahre Erfahrungsbericht
> aus deutschen Stuben.
Haustiere hatte ich bislang keine. Und jetzt habe ich eins ausgesetzt. In
meiner eigenen Wohnung. Normalerweise werden Haustiere nicht dort
ausgesetzt, wo Frauchen oder Herrchen leben. Sondern eher beim
Zwischenstopp in die Feriendestination. Aber ich habe ja auch nicht bloß
ein einziges Exemplar an die Luft verbracht. Nein, wenn schon, denn schon.
Mir war halt nach was Exotischem: Nicht Hund, Katze oder Maus. Nein,
Schlupfwespen sollten es werden. Auf einem Schlag bin ich so Herrchen von
18.000 Haustieren geworden. Wobei, durchgezählt habe ich nicht. Und auch
keine Namen vergeben. Achtzehntausend! Da fehlt mir die Fantasie. Die
Geschöpfe auseinanderzuhalten wird schwierig. Schlimmer noch: Ich sehe sie
nicht einmal.
Schlupfwespen sind so winzig, dass sie allesamt in einen handelsüblichen
Briefumschlag passen. Ich habe die gefalteten Pappkarten – auf jeweils
knapp elf Quadratzentimetern sollen dreitausend Exemplare hocken – in
meiner Wohnung verteilt. Dort, wo sie ausreichend Kost finden, nämlich im
Kleiderschrank, an der Garderobe und auf dem Perserteppich.
Wer gern an frischer Luft warmen Kot in Plastiktüten füllt, greift zur
Hundeleine. Wer lieber mit flauschigen Wesen schmust, die er noch weniger
durchschaut als jeden Mitmenschen, lebt unter Katzen. Und wer Löcher in
seinen Pullovern findet, legt sich Schlupfwespen zu.
Eine Weile hatte es schon gedauert, bis ich mir eingestand, dass ich mit
meiner Kleidung nicht permanent irgendwo hängen blieb, sondern mir bereits
Haustiere eingefangen hatte, heimisch gewordene Wildtiere. Die versuchte
ich zunächst zu ignorieren. Immerhin verzichteten sie aufs Surren und
Jaulen, und sie durchwühlten auch nicht meinen Müll. Trotzdem, der
Textilschaden war da.
Und er sorgt für Gesprächsstoff mit ebenfalls Betroffenen. Langzeitopfer
erkennen einander und sind nicht anders als Hundebesitzer, bloß ohne Leine.
Nur über die Verdauung der Motten wird eher selten geredet, eher schon über
ihre Nahrung.
Wehmütig denke ich an meinen katzenweichen Kaschmirschal, den ich einst
unter beispielloser Lebensgefahr im Berliner Luxuskaufhaus KaDeWe gekauft
habe. Der Blick der Verkäuferin war damals so misstrauisch, als wüsste sie
bereits, dass es mit dem Schal kein gutes Ende nähme. Und jetzt könnte ich
ihn als Einkaufsnetz benützen, zumindest beinahe.
## Selbsthilfegruppe für Menschen mit imaginierten Freunden
Schlupfwespenhalter begegnen sich eher selten, allenfalls in der
Selbsthilfegruppe für Menschen mit imaginierten Freunden. An meiner Seite
ist kein unsichtbarer Hase namens Harvey, ich bin Schlupfwespenherrchen.
Sehen kann ich die auch nicht. Dabei sind es 18.000, und es werden immer
mehr. Alle drei Wochen bekomme ich neue, dank meines
Schlupfwespen-Abonnements.
Wie konnte es so weit kommen? „Kind, du kriegst die Motten!“ Das wusste
bereits meine Großmutter. Und eines Tages hatte ich sie tatsächlich. Damals
kein großes Problem, einfach eine Dose Insekten-Ex aus dem Baumarkt besorgt
und im Schrank hingen nur noch tote Hemden und Hosen. Nichts ging mehr in
meinem Schlafzimmer. Betreten lediglich möglich mit Beatmungsgerät. Erst
Jahre später wagten vereinzelte Motten den erneuten Vorstoß. Löchlein
tauchten auf. Immer in den Lieblingskleidungsstücken. Die Motten und ich
haben den gleichen Geschmack.
Bin ich Mottenmann, oder was? Zu Schlupfwespen hatte ich nie einen rechten
Draht. Ich scheute sie auch. Motten allerdings genauso. Zu seltsam ist es,
einen Pullover zu tragen, in dem Mottenlarven nisten. Werdendes Leben am
eigenen Leib kennt Mann sonst gar nicht. Muttergefühle kamen mir trotzdem
nicht. So fror ich den Pullover ein. Kein Lebewesen überlebt Schockfrost.
Siehe Fischstäbchen. Für die war bald kein Platz mehr im Tiefkühlfach, weil
noch mehr aus dem Kleiderschrank dorthin wechselte. Ich erwog, den
Kleiderschrank durch eine Gefriertruhe auszutauschen.
Bis dahin würde meine Garderobe halt aus so hässlichen wie löchrigen Teilen
bestehen. Gern hätte ich wieder zum Dosengift gegriffen, Umweltsau hin oder
her. Leider bekommt man keine anständigen Pestizide mehr. Biologische
Schädlingsbekämpfung jedoch erfordert Geduld. Die Verkäuferin im Baumarkt
meinte, das sei so, als würde man jede einzelne Motte persönlich
totstreicheln. „Also im übertragenen Sinne. Ist eher was für Liebhaber.“
Sie schüttelte traurig das Haupt. „Zeug, das richtig ballert, kriegen Sie
offiziell nicht mal mehr in Polen, ist auch EU.“ Da müsste ich schon im
Internet gucken. Doch zögerte ich, denn was man von Bestelltem aus dem
Internet zu halten hat, weiß man ja – aus dem Internet.
Weil ich ungern in Konflikt mit dem Kriegswaffenkontrollgesetz geraten
wollte, entschied ich mich für die Ökovariante, bei der man nicht selbst
totstreicheln muss. Das übernehmen 18.000 Schlupfwespen. Und weil das so
seine Zeit dauert, bräuchten die Tierchen halt Verstärkung. Und schon hatte
man mir ein Schlupfwespenabonnement aufgeschwatzt. Typisch Internet. Nach
vier Wochen waren es 36.000, bald 54.000.
Schlupfwespen spüren jedes Mottenei auf und legen ihr eigenes Ei dort
hinein. So fressen Schlupfwespenlarven dann Mottenembryos. Zugegeben, keine
schöne Vorstellung. Mit so etwas läuft man auch nicht so gern umher.
Beileibe kein gutes Gesprächsthema. „Übrigens, in meiner Kleidung findet
gerade der Kindermord von Kaschmir statt.“ Dann doch lieber
Doggendünnschiss.
Auch wegen so etwas sind mir meine Schlupfwespen suspekt geblieben. Und zu
Gesicht habe ich sie nie bekommen. Keine Ahnung, ob jemals wirklich welche
bei mir waren. Und dann gleich 72.000! Wer's glaubt!
Vielleicht ist das mit den Schlupfwespen auch ein großer Hoax. Die
Schlupfwespenmafia erzählt uns verzweifelten Mottenopfern von diesen
Wundertierchen und schickt uns lediglich leere Pappkärtchen ins Haus. Würde
mich nicht wundern, schließlich bestellt man die ja im Internet.
Die Motten sind bislang nicht wieder aufgetaucht. Weder sie noch neue
Löcher. Ich habe daher das Schlupfwespenabo gekündigt. Mit 90.000
Schlupfwespen – ob nun real oder eingebildet – in einem Haushalt zu leben
im Wissen, dass es keine Motten mehr gibt für sie, wäre doch unmenschlich.
Ich bin kurz davor, im Bekanntenkreis zu fragen, ob mir wer was
Mottenbefallenes ausleiht, um die restlichen Schlupfwespen nicht verhungern
zu lassen. Oder wer weiß, vielleicht stellen auch Schlupfwespen von der
Evolution getrieben ihre Ernährung um und finden Geschmack an diesem einen
hässlichen braunen Pullover von mir.
17 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Thilo Bock
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