# taz.de -- Die Wahrheit: Kampfschrei von ganz unten
       
       > Gegen Nachbarn und überhaupt alles hilft das sagenhafte
       > Multifunktionsspray WD-40 mit seiner Antiquietschstärke.
       
       In meiner Zimmerwand steckt jemand drin. Ich höre deutlich, wie er sich in
       einem fort räuspert. Nein, er hustet. Vielleicht ist es auch ein Stöhnen.
       Manchmal bin ich mir mit mir einig, das könnte ein Kung-Fu-Ruf sein, ein
       Kampfschrei, ein Kiai, als stünde dieser Jemand in meiner Wand kurz davor,
       eben diese aufzubrechen. „Hügg … Hügg … Hügg …“
       
       Natürlich ist da niemand in meiner Wand. Wirklich nicht. Ich habe das
       überprüft und mit meiner Bohrmaschine Löcher bis in den Nebenraum gemacht.
       Das ist mein Bad. Ich könnte mir jetzt selber beim Duschen zuschauen. Wenn
       ich schnell genug hin und her zu laufen in der Lage wäre. Aber ich muss
       mich ja erst mal abtrocknen.
       
       Nein, dieses Hügg ist gar nicht in der Wand. Das entsteht unterm Teppich,
       kommt aus dem Fußboden. Auch im Estrich lebt niemand, sondern wohl im
       Stockwerk unter mir. Ich höre ihn Tag und Nacht, vor allem nachts. Ich höre
       längst nicht alles, das nicht, da kann sich dieser Jemand glücklich
       schätzen. Vor allem kann ich mich diesbezüglich glücklich schätzen. Im
       Grunde höre ich nur das fremde Räuspern, das Husten oder Kung-Fu-Rufen.
       
       „Hügg … Hügg … Hügg …“ Manchmal höre ich zudem das Klappen einer Tür,
       wochenlang flankiert von einem infernalischen Quietschen. Ich stand da
       jedes Mal aufrecht im Bett, natürlich nur innerlich, und das ist nicht
       besser als tatsächlich. Schlafen kannst du trotzdem nicht mehr, bist aber
       nicht in der Lage, den Schwung zu nutzen, um unten mal zu klingeln.
       
       Erst am nächsten Tag habe ich meinem Nachbarn eine Dose WD-40
       runtergebracht. Mein Nachbar hat erst skeptisch geguckt. Was war ich froh,
       dass ich lediglich die Quietschetür zur Sprache brachte, nicht aber sein
       Hügg. Die Ticks anderer Leute behält man bekanntlich lieber für sich. Auch
       wusste ich nicht, was gegen notorisches Räuspern hilft. WD-40 jedoch … Ein
       reines Wundermittel und das einzige Männertool, das selbst ich für im
       Haushalt unverzichtbar halte. Mit diesem Multifunktionsöl lässt sich
       einfach alles schmieren, außer vielleicht Politiker.
       
       Mein Nachbar hat trotzdem skeptisch geguckt. „Ihre Tür zum Beispiel!“,
       setzte ich nach. „Ja, die nervt mich auch. Gerade beim Schlafwandeln. Wenn
       man da aufwacht … Also, das tut vielleicht weh!“ Jetzt lächelte er. „Besten
       Dank, sehr, sehr freundlich!“
       
       ## Fehlendes Männertool
       
       Umso überraschter war ich, als ich das WD-40 ein paar Wochen später
       zurückforderte, weil mir mein Männertool zu fehlen begann, zumal ich gerade
       an meinem maskulinen Auftreten arbeitete und aus Erfahrung wusste, dass in
       diesem Fall ein paar Spritzer WD-40 unter die Achseln wahre Wunder wirken.
       
       Mein Nachbar tat wie vor den Kopf gestoßen. „Geschenkt ist geschenkt!“,
       sagte er mit fester Stimme. „Wieder holen ist gestohlen! Und bloß, weil
       meine Tür nicht mehr quietscht …“ Das könne doch kein Grund sein. Also gab
       ich klein bei. „Ich kann mir ja ’ne neue Dose kaufen.“
       
       „Ja, mach das. Ist echt ein tolles Zeug. Selbst in der Küche. Ein Tropfen
       davon ins Bratfett und sogar Gemüse schmeckt. Neulich hatte ein Girl so
       Tofuwürste mitgebracht. Vegan täte auch mir mal ganz gut. Na ja, ich sag
       mal so, mit ordentlich WD-40 hat das tatsächlich geschmeckt wie ein schön
       mariniertes Nackensteak.“
       
       Wieder oben wurde mir bewusst, dass ich seit ein paar Wochen unter meinem
       Teppich Anzeichen von weiblicher Anwesenheit vernahm. Mein Nachbar hatte
       früher nie Besuch! Wobei sein Hügg auch nicht leiser geworden war. Nur die
       Tür quietschte nicht mehr. Immerhin.
       
       Dann habe ich ein Paket für ihn angenommen. Wollte ich zuerst nicht, aber
       irgendwas in mir dachte, mein Nachbar könnte das herausbekommen und wütend
       bei mir klingeln. „Hügg … Hügg … Hügg …“ Er kam jedoch wochenlang nicht
       hoch. Früher hätte ich ihm die Kiste runtergebracht, inzwischen fürchtete
       ich die Frage, warum ich erst jetzt käme. Hügg? Der Laut genügte mir schon
       durchs Gemäuer gedämpft.
       
       Umso erstaunter war ich, als er nach Monaten doch vor meiner Tür stand. Und
       er wirkte erstaunlich kleinlaut. Weibliche Stimmen hatte ich auch lange
       nicht mehr von unten gehört. Ich dagegen fühlte mich gerade besonders
       strong, Testosteron bis zur Schädeldecke. „Ein Paket für dich? Wie kommst
       du denn auf so was?“
       
       ## Verweigertes Paket
       
       Ein bisschen leid tat es mir durchaus, ihn so kläglich im Treppenhaus
       stehen zu sehen. Doch konnte ich ihm unmöglich sein Paket geben. Ich hatte
       es just am gleichen Nachmittag geöffnet, weil es mir irgendwie im Weg
       stand. Und was soll ich sagen? Im Karton befand sich eine Dose WD-40 und
       zwar XXL. Spontan habe ich mir gleich mal zwei Spritzer unter die Achseln
       gegeben. Das fühlte sie so gut an, einfach fantastisch!
       
       „Kein Päckchen? Amazon sagt, sie hätten es bei Ihnen abgegeben.“ Er ließ
       die Arme hängen. „Da kann man wohl nichts machen.“
       
       „Nee“, sagte ich, „kann man nicht. Aber“, fiel mir ein, als er bereits
       Richtung Treppenabsatz geschlurft war. „Du machst immer so seltsame
       Geräusch, klingt nach chronischem Husten. So Hügg … Hügg … Hügg …“ Ich
       fand, die Zeit war reif für dieses Gespräch.
       
       „Echt?“ Er machte ein Gesicht wie eine ausgepresste Zitrone. „Sie hören
       das?“
       
       „Ja, das höre ich sehr gut. Und ich finde, du könntest das mal sein
       lassen!“
       
       „Das tut mir wirklich sehr, sehr leid!“ Er senkte den Kopf. „Das kommt von
       meinem Schreibtischstuhl. Ich wusste nicht … Also, ich spritz’ da gleich
       mal …“ Er schlug die Hand vor die Stirn. „Mist, mein WD-40 ist alle. Sie
       haben nicht zufällig …?“
       
       Was hätte ich anderes tun sollen? Glücklich zog er mit der Dose ab, die ihm
       ja sowieso gehörte. Zu spät fiel mir ein, vorhin ein paar Kumpels zum
       Grillen auf dem Balkon eingeladen zu haben. Denen wollte ich geile
       Nackensteaks kredenzen und mich dafür feiern lassen, dass ich ihnen den
       Geschmack von früher zurück auf die Zungen gezaubert hätte. Früher, als
       fertig mariniertes Fleisch aus dem Kühlregal noch nicht so streng auf
       gesundheitsschädliche Stoffe kontrolliert worden war.
       
       Früher, würden sie sagen, früher, das war eine richtig kernige Männerzeit!
       Da ist Mann zwar nicht alt geworden, aber wenigstens wusste niemand was mit
       dem Wörtchen woke anzufangen, nicht mal die Weiber. Ich würde uns je einen
       Dash WD-40 in die coolen Drinks sprühen und mich freuen, ein paar echte
       Kerle mit Tofu infiziert zu haben.
       
       Das konnte ich jetzt ja wohl knicken und sagte den Kumpels ab. Ohne WD-40
       in der Blutbahn kam mir das Vorhaben ohnehin nicht mehr so verlockend vor.
       Ich kaute an meinem bröckeligen Tofublock und hörte in die Stille.
       Irgendwas fehlte. Aber was? Ich brauchte Stunden, bis ich darauf kam.
       „Hügg“, kam es mir aus tiefster Kehle. „Hügg … Hügg … Hügg …“
       
       Und gleich ging es mir wieder besser.
       
       29 Aug 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Thilo Bock
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Nachbarschaft
 (DIR) Lärm
 (DIR) Groteske
 (DIR) Pakete
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) GNS
 (DIR) Berlin
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Die Wahrheit: Endlich unsichtbar
       
       Trotz Tarnkappe vom Spätimann durchschaut. Berliner Nächte sind gefährlich.
       Ein kriminell kalter Ausflug.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Fränkisch frühstücken
       
       Ein längerer Trip in diesen so seltsamen wie bierlastigen Teil Bayerns
       offenbart beim morgendlichen Essensstopp das Elend des
       Arbeitskräftemangels.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Wie lutschig!
       
       Eine Ausfahrt ins Fränkische offenbart mehr als Hopfenlastiges und
       Biergärten, nein, auch süßliche Erlebniswelten lassen einen nicht los.