# taz.de -- Die Wahrheit: Endlich unsichtbar
       
       > Trotz Tarnkappe vom Spätimann durchschaut. Berliner Nächte sind
       > gefährlich. Ein kriminell kalter Ausflug.
       
 (IMG) Bild: Unsichtbar in der Nacht: In Berlin kein Wunder Foto: ap
       
       In der Nachspielzeit eines hitzigen Sommertages sitze ich im total
       heruntergekühlten Nachtbus, in dem es so kalt ist, als würden die Berliner
       Verkehrsbetriebe, die BVG, ihre Fahrgäste einfrieren wollen, damit die
       nicht mitbekommen, mit welcher Verspätung sie ihr Ziel nie erreichen.
       
       Ein junger Mann entert von hinten das Oberdeck und reißt sämtliche Fenster
       auf, woraufhin ein frischer Fahrtwind das eisige Gefühl noch verstärkt.
       Keiner der Umsitzenden reagiert. Vermutlich sind alle schockgefrostet.
       
       Ich dagegen habe die Hoffnung nicht aufgegeben, heile aus dieser fahrenden
       Doppelstockkühltruhe zu kommen und ohne Nackenschmerzen am nächsten Morgen
       aufzuwachen. Diesbezüglich bin ich leider anfälliger als ein junger Hund
       beim Herannahen Joggender. Also folge ich dem Fensteraufreißer und schließe
       zwei davon wieder, bemüht um Unauffälligkeit. Was gehörig misslingt. Die
       Fenster knallen nämlich laut zurück in ihre Rahmen. Das holt sogar selbst
       einige Mitfahrende aus ihrer Schockfroststarre.
       
       Ich kann mich gerade noch setzen, da fährt der Fensteraufreißer herum und
       beginnt, mich wüst zu beschimpfen. Gekonnt ignoriere ich ihn. Das hat mich
       das Leben in dieser Stadt gelehrt: Bloß nicht gucken, wenn dich einer
       anbölkt, es könnte ein Wahnsinniger sein, der dich zum Teil seines Problems
       macht. Da wäre mir ein steifer Nacken deutlich lieber.
       
       ## Unbekannte Sprache
       
       Der Mann schmäht mich in einer mir unbekannten Sprache. Ich ahne,
       inhaltlich nicht gut wegzukommen. Trotzdem bleibe ich stur,
       erstaunlicherweise mit Erfolg. Der Herr ist wohl ein unerfahrener Tourist.
       Als letzte Geste der Verachtung zieht er mit bösem Blick einen Ring von
       seinem Finger und wirft ihn mir an den Kopf. Also beinahe. Der Ring trifft
       lediglich den Sitz vor mir. Was der Werfer nicht mitbekommt. Er ist bereits
       gen Unterdeck verschwunden.
       
       Ich nehme den Ring an mich. In sein Silber sind gekreuzte Säbel graviert.
       War das gerade eine Einladung zum Duell? Heiteres Klingenschwingen auf dem
       Mittelstreifen nach Mitternacht? Während ich darüber nachsinne, stecke ich
       mir das Ding unbedacht an den Finger. Mein erster Ring. In meinen Besitz
       übergegangen durch Zuwurf.
       
       Er hat einen tiefblauen Stein. Lapislazuli! Mein Schatz, denke ich, dich
       gebe ich nicht wieder her! Er geht sowieso nicht über den Knöchel. Auf ein
       Duell habe ich allerdings keine gesteigerte Lust. Dafür bin ich zu müde.
       Und den Finger will ich erst recht nicht hergeben, falls der Ringwerfer das
       gute Stück zurückfordert. Also schleiche ich die Treppe herab und halte
       Ausschau nach ihm. Er ist nirgends zu entdecken.
       
       Da bremst der Bus und mich drückt es an den Rücken des Mannes vor mir. Er
       fährt mit einem unangenehmen Laut herum. Verdammt, das ist er! Ich versuche
       ein entschuldigendes Lächeln. Er aber scheint durch mich hindurchzusehen
       mit glasigem Blick. Hach, diese jungen Leute! Er steigt aus. Ich auch.
       Endstation Mordor, formerly known as Bahnhof Zoo. Darauf einen Mampe Halb
       und Halb.
       
       ## Perlendes Kaltgetränk
       
       Mit weichen Knien betrete ich den nächsten Späti und hole mir lieber ein
       perlendes Kaltgetränk. Ich stelle es auf den Tresen, doch der Verkäufer
       macht keine Anstalten, zu kassieren. Krass, der Ring macht mich echt
       unsichtbar!
       
       Ganz neue Möglichkeiten tun sich da auf. Busfenster schließen, ohne gleich
       zum Duell herausgefordert zu werden. Nie wieder im Späti zahlen. Überhaupt
       kein Geld mehr ausgeben müssen. Schon gar nicht für Klamotten. Wenn mir
       danach ist, kann ich splitterfasernackt durch die Stadt tanzen und keiner
       sieht mich. Hurra!
       
       Frohgemut öffne ich erneut den Kühlschrank und nehme mir weitere Flaschen,
       so viele, wie in meine Taschen passen. An der Spätitür steht ein weiterer
       Verkäufer und raucht. Schon ein seltsames Gefühl, einfach so an ihm
       vorbeigehen zu können.
       
       Aus reiner Gewohnheit nicke ich ihm zu, bringt ja nichts. Er aber nickt
       zurück. Ulkig, denke ich, hat der den siebten Sinn? Da wirft er die
       Zigarette auf die Straße und stellt sich mir in den Weg. „Ey, Großer,
       denkst du, ich bin blind, wie mein Bruder da hinten?“ Damit hatte ich jetzt
       nicht gerechnet. Jedenfalls nicht mit einer Ansprache.
       
       „Nee, ich, ähm, ich dachte halt, ich bin …“ Der Spätimann hilft mir, den
       Satz zu vervollständigen. „… unsichtbar? Du dachtest, du bist unsichtbar?
       Da bist du in dieser Stadt nicht der einzige.“ Ich seufze. „Ich war gerade
       dabei, mich daran zu gewöhnen.“
       
       „Ist bestimmt das Beste, Großer!“ Er taxiert die Flaschen in meinen Händen
       und Taschen. „Bitte bleib unsichtbar. Kein Problem, Großer! Kostet auch
       bloß zwölf Euro. Freundschaftspreis, sag’ ich mal.“
       
       18 Aug 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Thilo Bock
       
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