# taz.de -- Die Wahrheit: Herner Werzog in Nevedig
       
       > Wer steht auf der Fahrt mit dem Wasserbus durch die Lagunenstadt neben
       > einem? Der berühmte grimmige deutsche Regisseur!
       
       Das erste, was ich in Venedig am Bahnhof Santa Lucia sehe, ist Werner
       Herzog, der mit Rollkoffer vorbeirollert. Ist ganz schön alt geworden. Aber
       ich kenn ihn ja auch nur aus dem Fernsehen, aus diesem Film, wo er erzählt,
       wie es war, damals mit Klaus Kinski im Amazonas.
       
       Als ich die Reise gebucht hatte, wunderte ich mich zwar, dass sie so teuer
       war, aber, na ja, Venedig eben. Dass Kunstbiennale ist, habe ich nicht
       bedacht. Und Filmfestival, o donna mia!
       
       So war klar, dass alles voll sein würde mit gut aussehenden und komisch
       frisierten Menschen. Und das ist dann auch so. Wobei nicht ganz klar ist,
       ob alle wirklich wegen der erwähnten Anlässe hier sind. Im Zug vor mir saß
       eine Amerikanerin, die sich ab Verona aufwändig schminkte und dabei mit dem
       Smartphone filmte.
       
       Jetzt also Werner Herzog. Der nicht aussieht wie ein Filmstar. Er trägt
       Rentnerbeige. Vielleicht ist es auch gar nicht Werner Herzog. So wie manche
       Italiener Filmstars ähneln, obwohl sie eigentlich nur die Post austragen.
       Womöglich ist das einfach nur ein älterer Herr aus Idar-Oberstein. Trotzdem
       simse ich meinen Freunden, dass ich jetzt in Venedig bin und Werner Herzog
       gesehen habe.
       
       ## Sonst verzehrt er Schuhe
       
       Beim Ticketkauf fürs Vaporetto verliere ich den Mann aus den Augen. Umso
       überraschender daher, dass Werner Herzog kurze Zeit später im Wasserbus
       neben mir steht. Falls es Werner Herzog ist. Wird der nicht im Privatboot
       abgeholt? Erstaunlich. Allerdings wandert Werner Herzog auch über die Alpen
       und verzehrt hinterher seine Schuhsohlen. Da pfeift er bestimmt auch auf
       Privilegien und sagt niemandem, wann er mit dem Zug ankommt.
       
       Allein deshalb habe ich inzwischen keinen Zweifel mehr, dass wirklich
       Werner Herzog neben mir steht. Er muss es einfach sein. Ich werde es nur
       nie erfahren, denn ich werde ihn selbstverständlich nicht ansprechen. Ich
       verhalte mich einfach ganz natürlich.
       
       Dann aber spricht er mich an. „Warum starren Sie mich die ganze Zeit so
       an?“ – „O, tu ich das? Pardon, ich hab mich nur gefragt, ob Sie Werner
       Herzog sind.“ – „Ah ja? Wäre das denn von Bedeutung?“ – „Aber hallo! Ich
       bin ein großer Fan!“ – „So so, und welche Filme von mir haben Sie gesehen?“
       – „Alle! Also den mit Klaus Kinski. Den, wo Sie über ihn erzählen. Und
       natürlich die mit ihm. Die laufen ja regelmäßig auf Arte.“
       
       Er nickt. Er betrachtet scheinbar intensiv die Marmorfassade einer Kirche.
       Wobei, ist das jetzt wirklich Werner Herzog? Spricht der nicht anders?
       Bayerischer? Einen Akzent hatte er jedenfalls.
       
       Wir steuern die nächste Haltestelle an. Hier muss ich raus. Da dreht sich
       der Mann, der vielleicht Werner Herzog ist, zu mir. „‚Bucking Fastard‘ ist
       auch ganz gut. Kommt bestimmt bald auf Arte.“
       
       Ich verspreche, mir seinen neuen Film ganz bald anzuschauen. Dann muss ich
       von Bord und sehe noch lange dem Vaporetto nach. Es fährt weiter Richtung
       Lido.
       
       16 Sep 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Thilo Bock
       
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