# taz.de -- Buch von Hendrik Bolz aka Testo: Jutebeutel und platzende Träume
> Hendrik Bolz kommt aus der ostdeutschen Platte ins Studentenmilieu
> Berlins. Sein Roman „Aus Ruinen“ beschreibt eine unwahrscheinliche
> Transformation.
(IMG) Bild: Raphörer, Kraftsportfan, Plattenbaukind: An der FU war Hendrik Bolz eine Ausnahme
Die Schirme nützen wenig. Es gibt keinen Platz, an dem es nicht von der
Seite reinregnet. Tropfen für Tropfen wird die Kaffeespezialität mit dem
liebevoll gegossenen Schaum durch den dreckigen Berliner Niederschlag
verdünnt. Die Gäste verlassen nach und nach den Freisitz. Hendrik Bolz
bleibt sitzen. „Wenn es nicht regnet, sind sehr witzige Leute hier“, sagt
er, fast enttäuscht.
Das Soziotop des Berliner Westens ist ihm nicht fremd. Der gebürtige
Leipziger wuchs in Stralsund auf, verließ nach der Schule seine ostdeutsche
Heimat fürs Studium an der Freien Universität Berlin. Der Umzug in die
Hauptstadt bildet den Schluss in seinem 2022 erschienenen autobiografischen
Roman „Nullerjahre“, der sein Aufwachsen im nicht mehr ganz so frisch
wiedervereinigten Ostdeutschland thematisiert. Das Buch war erfolgreich.
2024 wurde es in Leipzig für die Theaterbühne inszeniert.
## Trauma der Nullerjahre
Dem Autor ging es damit nicht nur gut. Während der Arbeit an „Nullerjahre“,
so schreibt es Bolz auf den ersten Seiten seines neuen Romans, „Aus Ruinen.
Junger Mann in Krisenzeiten“, habe er sich „so eine Art kleine
Retraumatisierung eingehandelt“. Wer den Vorgänger kennt, kann das
nachvollziehen: In „Nullerjahre“ knacken Knochen, spritzt Blut und fließt
viel Alkohol. Die Coming-of-Age-Story ist keine freundliche.
„Aber dann ist er nach Berlin gezogen und dann wurde alles super!“,
imitiert der heute 38-Jährige scherzhaft einen Teil der Resonanz auf sein
Debüt. Anfangs habe er eigentlich keine Lust gehabt, für sein neues Buch
noch einmal seine Vergangenheit zu bemühen, noch einmal in belastenden
Erinnerungen zu kramen, noch eine „Dunkeldeutschland-Erzählung“ zu
schreiben, wie er es nennt. Dann sei ihm klar geworden, dass der Schmerz
auch anzeigt, dass es wichtig ist, sagt er, „und mir macht es irgendwie ja
auch Spaß.“
Ganz so disruptionsfrei lief der Übergang von der Plattenbausiedlung in die
Studentenstadt Schlachtensee nämlich nicht. Der junge Protagonist in „Aus
Ruinen“ erfährt nach seiner Ankunft in Berlin einen mittelmäßigen
Kulturschock. Er kommt aus einer Welt der soldatischen Männlichkeit, der
„Körperpanzer“, wie der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit es nennen würde.
Er trainiert viel, ist Gewalt mindestens genauso gewohnt wie Konsum: „Der
Beste, das ist der Härteste, der alle verkloppen und am meisten saufen
kann“, schildert Bolz.
## Schlägertypen sind bei Uni-Frauen nicht gefragt
Aber ein gestählter Körper, Gewaltbereitschaft und Trinkfestigkeit gelten
im studentischen Kosmos nicht als soziale Währung. Stattdessen ist der
Protagonist irritiert von Frauen, die Schlägertypen eher abstoßend finden
und sich zu sensiblen Männern mit langen Haaren und Jutebeutel statt
Sporttasche hingezogen fühlen.
Auch andere Vorstellungen vom Leben in der Hauptstadt materialisieren sich
nicht. „Mein Berlin-Bild war von Deutschrap geprägt und von der
Bild-Zeitung. Da ging es um Massenschlägereien, Tilidin, die Rütli-Schule“,
sagt Bolz. Er beschreibt eine Stadt, in der das Gesetz der Stärkeren,
Erfolgreicheren und Schöneren gilt, und zitiert frei den Berliner Rapper
Sido: „Du brauchst ein Auto so groß wie ein Schiff, ich hab gehört, dass du
sonst ein Niemand bist. Du brauchst ein Schiff so groß wie ein Haus, ich
weiß nicht, warum, doch man sagt, dass du das brauchst.“
Sein Protagonist bewegt sich befremdet durch Berlin, scannt aus der
Kleinstadtgewohnheit heraus ständig seine Umwelt: Wer ist gut angezogen,
trägt die richtigen Marken? Wer kann mir gefährlich werden? Wer ist ein
„Opfer“? Zweifel, Ängste oder die wiederkehrenden Panikattacken versucht er
mit Krafttraining oder Alkohol zu betäuben. „Wegdrücken“, „groß machen“,
„breit machen“ – das sind Worte, die ihm immer wieder in den Kopf kommen,
wenn er unliebsame Gefühle in sich aufsteigen spürt.
„Hi und herzlich willkommen zu ‚Kulturschock‘, freut mich sehr, dass ihr
wieder dabei seid. Ich bin [1][Hendrik Bolz] und ich treffe mich hier jede
Woche mit tollen Menschen aus dem Kulturbetrieb.“ Der Autor sitzt vor einem
Bücherregal, ein Standmikrofon ist auf ihn gerichtet. Bolz moderiert seinen
neuen Podcast. Wie auch „Springerstiefel“, den er zusammen mit Don Pablo
Mulemba moderiert und für den beide vergangenes Jahr den Deutschen
Hörbuchpreis gewannen, ist er vom MDR produziert. Zu Gast ist der
TV-Moderator Louis Klamroth. Die beiden reden über „Looksmaxxer“, eine
männliche Online-Subkultur, die sich auf teils extreme Art mit der
Optimierung des eigenen Aussehens beschäftigt. Bolz spricht über seine
Vergangenheit, die auch von einem bestimmten Schönheitsideal für Männer
geprägt war. Dass dieser freundliche, humorvolle Mann im blauen Fleecepulli
mal ein Schlägertyp mit Boxerhaarschnitt und Messer in der Tasche gewesen
sein soll, braucht Fantasie.
## Rap mit Augenzwinkern
Auf Instagram bewirbt er seinen Roman. „Mit welchen Songs kann man sich auf
das Buch einstimmen?“, fragt ein Follower. Bolz empfiehlt „Steig ein!“ von
Sidos Solo-Debütalbum aus dem Jahr 2004: „Steig ein, ich will dir was
zeigen // Den Platz an dem sich meine Leute rumtreiben // Hohe Häuser,
dicke Luft, ein paar Bäume // Menschen auf Drogen, hier platzen Träume.“
Nach einer holprigen Kennenlernphase mit der Hauptstadt widmete sich Bolz
dem Rappen. Mit den Gewalt-, Sex- und Drogenerzählungen des klassischen
Gangster Rap konnte er sich da aber schon weniger identifizieren. „Die
Distanz war da bei mir auch daraus gespeist, dass es irgendwie peinlich
gewesen wäre, als jemand aus der ostdeutschen Kleinstadt, der jetzt in
Berlin studiert, auf krasser Typ zu machen.“ Eine andere Berliner
Rapgruppe, K.I.Z., habe ihm gezeigt, dass man „coole und harte Musik machen
kann, die trotzdem irgendwie schlau ist und ein Augenzwinkern hat.“
Zusammen mit dem [2][Rapper grim104] gründet er ein Duo, das dieses
Augenzwinkern schon im Namen trägt: Zugezogen Maskulin. Bolz gibt sich den
Künstlernamen Testo, in Anlehnung an das Muskelaufbauhormon Testosteron.
2013 erscheint eine Solo-EP unter dem Pseudonym. Im Track „Töte deine
Helden“ heißt es: „Machte Abi, Studium, für Kumpels nicht mehr cool genug
[…] wollten leben wie’s Bushido tut, Gangster oder Rapper, Schule
schmeißen, super Plan, heut kackt ihr auf der Couch ab und Bushido kackt im
Bundestag, gut gemacht.“
Die Zeile passt zu „Aus Ruinen“. Trotz gelegentlicher Eskapaden in der
Heimat freundet sich der Protagonist mit dem Hauptstadtstudentenleben immer
mehr an, wenngleich ihn verschrobene Mathe- und Ethik-Kommiliton*innen
genau so nerven wie linke Revolutionsrollenspiele am 1. Mai in Kreuzberg.
„Ich hatte dann eine Phase, wo ich Therapie gemacht hatte. Und mein erster
Schritt war, dass ich dachte: Dieses ganze Männlichkeitsbild von mir hat
mich krank gemacht, das will ich jetzt total ablegen. Ich ziehe mir jetzt
die engsten Hosen an und lasse mir die Haare lang wachsen und gehe nicht
mehr zum Sport, ich will jetzt der Weiche sein“, sagt er. „Irgendwann habe
ich dann gemerkt: Nee, so richtig passt das aber auch nicht.“
## In Bomberjacke vor dem FU-Campus
Mittlerweile hat es aufgehört zu regnen. Es geht mit Bus und Bahn zur
„Rost- und Silberlaube“, einem zentralen Gebäude der Freien Universität,
die „mit Hilfe der Amerikaner als Antwort auf die sowjetische Einflussnahme
an der Humboldt-Universität gegründet wurde“, wie Bolz im Roman erwähnt.
Für die Promo zum Buch hat er einen kurzen Film mitproduziert. Ein junger
Mann, dargestellt vom Berliner Schauspieler Beren Zint, ist darin an
Schauplätzen der Geschichte zu sehen, unter anderem auch auf dem FU-Campus.
Er trägt dort exakt die Marken, die auch im Buch immer wieder betont werden
und die der Protagonist für den Style seiner Zeit hält: schwarze
Alpha-Bomberjacke, weißes Shirt, breite hellblaue Jeans, weiße
Nike-Shox-Schuhe. In manchen Szenen ist der Jackenkragen hochgestellt.
„Besser kann man nicht aussehen, das finde ich eigentlich auch heute noch“,
sagt Bolz amüsiert.
Folgt man seinen Schilderungen, muss er hier einst hervorgestochen haben.
Heute fällt nur auf, dass er sich deutlich schneller bewegt als die
Student*innen. Hier, unter den immerhin über 30.000 Immatrikulierten, hat
er keinen kennengelernt, der ein bisschen so war wie er – Raphörer,
Kraftsportfan, Plattenbaukind? „Nein“, antwortet Bolz, „niemand“.
In seinem Roman begutachtet der Protagonist das Schwarze Brett der Uni und
entdeckt dort unter anderem einen Aufruf zur Demonstration gegen das damals
neu eingeführte Bachelor-Master-System. Von den politischen Agitationen am
Campus hält er aber wenig: „Ausbeutung, Imperialismus, Kriegstreiberei,
wenn man sich das alles durchliest, kommt man richtig in
Weltuntergangsstimmung, das macht richtig depressiv […].“
Bolz’ Schreibstil ist dem in „Nullerjahre“ nicht unähnlich: oft knapp, oft
trocken, manchmal düster, manchmal vulgär. Wieder lernt das Publikum den
Protagonisten vor allem durch dessen innere Monologe kennen, wieder sind
diese öfter lose Assoziationsketten als immerzu klare Gedanken. Die
manchmal drastische Brutalität, die im Vorgänger vielfach präsent war,
taucht in „Aus Ruinen“ dosierter auf. Zudem zoomt der Autor hin und wieder
aus der Egoperspektive heraus und schreibt sachlich über die politische und
gesellschaftliche Realität der Zehnerjahre.
En passant zeichnet er so auch ein Generationenpsychogramm: Die heute als
[3][„Millennials“] bezeichnete Alterskohorte wurde erwachsen in einer Welt
der sich entfaltenden Globalisierung. Es folgten ein Bildungs-Schock
(„Pisa“), die Dotcom-Blase, der 11. September, eine Finanzkrise. Das
kapitalistische Aufstiegsversprechen klang hohler. Wer mit Mühe Erfolg
hatte, konnte ihn ohne Mühe wieder verlieren. Jugendliche dieser Ära galten
als politikmüde, suchten Wettbewerb in anderen Arenen. „Irgendwas knirscht
immer, irgendwie hat es was mit mir zu tun und irgendwie auch nicht“,
grübelt Bolz’ Figur angesichts der Nachrichtenlage, „Eine fremde Welt, die
eigentlich meine sein sollte“.
Heute hängen am Schwarzen Brett der FU unter anderem ein schwarz-weißer
Flyer der DKP, ein Infoplakat zu „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“
und ein Aufruf zur Demonstration gegen „Hochrüstung und Wehrpflicht und
Krieg“. Ein paar Meter weiter ist das „Projekt-Café Kauderwelsch“, das
veganes Gebäck und fair gehandelten Biokaffee anbietet.
„War ich auch nie drin“, sagt Bolz. Kurz darauf verabschiedet er sich, zum
Training.
1 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Konstantin Nowotny
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