# taz.de -- Lena Müller „Club der Verschwenderinnen“: Dieser Sommer, der sich nicht beeilt
       
       > Eine Kneipe wird zum Zufluchtsort einer improvisierten Gemeinschaft in
       > Lena Müllers Roman „Club der Verschwenderinnen“.
       
 (IMG) Bild: Die Kneipe als Zufluchtsort einer improvisierten Gemeinschaft
       
       Es ist heiß. Schrecklich heiß. So heiß, dass das Wasser auf dem Asphalt vor
       Gundas Kneipe verdampft. Hier verbringen Eli und ihr Sohn Esra die Tage
       eines schier endlosen Sommers – zusammen mit anderen, die aus ihren
       überhitzten Wohnungen fliehen, um gemeinsam zu essen und einander
       Geschichten zu erzählen. Die Kneipe wird zu einem Ort jenseits des Alltags,
       einer Art Zwischenraum, in dem die Regeln des sonstigen Lebens für ein paar
       Stunden außer Kraft gesetzt sind.
       
       Eli, die gerade ihren Job als Übersetzerin verloren hat, findet in dieser
       improvisierten Gemeinschaft einen Halt, den das eigene Leben ihr gerade
       nicht bietet. Der Verlust der Arbeit hat eine Lücke hinterlassen, die nicht
       nur finanzieller Natur ist, es ist auch der Verlust einer Struktur, eines
       Sich-Verortens in der Welt. Hinzu kommt eine tiefer sitzende Sorge: Dass KI
       immer größere Teile ihrer Arbeit übernimmt, dass ein Beruf, den sie einmal
       gelernt und geliebt hat, sich unter ihren Händen auflöst.
       
       Dass ausgerechnet eine Übersetzerin im Zentrum des Romans steht, überrascht
       kaum, wenn man weiß, dass auch Lena Müller selbst als Übersetzerin
       arbeitet: Unter anderem übertrug sie zuletzt die Romane von Hugo Lindenberg
       ins Deutsche.
       
       ## Zeit, Nähe und Geschichtenerzählen
       
       Die Runde um Gundas Kneipe füllt die entstandene Lücke, zumindest
       vorübergehend, mit etwas anderem: mit Zeit, mit Nähe, mit dem Erzählen von
       Geschichten, die vielleicht wichtiger sind als das, was man „eigentlich“
       tun sollte. Die 1982 geborene Lena Müller hat mit „Club der
       Verschwenderinnen“ ein feinfühliges Buch über das Zusammenkommen in der
       Krise geschrieben – in einem Sommer, in dem selbst die „Mirabellen schon
       bei leichten Berührungen“ aufplatzen.
       
       Diese Bildsprache ist bezeichnend für den gesamten Roman: Alles scheint
       kurz vor dem Überkochen, kurz vor dem Zerplatzen zu stehen – wie der
       Asphalt, den die Frauen zeitweise aufhacken –, und doch bleibt die
       Erzählung erstaunlich ruhig, fast schwebend in ihrem Ton.
       
       Einen Gegenpol zu Elis Zukunftssorgen bilden die Erzählungen Gundas und der
       anderen, die immer wieder von der DDR berichten. Geschichten, die eine
       andere Zeitlichkeit in die schwüle Gegenwart der Kneipe tragen und die
       Frage aufwerfen, was von einem Leben, einer Arbeit, einer Ordnung bleibt,
       wenn sich die Verhältnisse grundlegend ändern.
       
       ## Exkurs in politische Situation im Osten
       
       Zeitweise fragt man sich, wo dieses Buch noch hin will, wo es enden wird.
       Es gibt keinen klaren Spannungsbogen im klassischen Sinne, keine Auflösung,
       auf die man zielstrebig zusteuert. Selbst ein Exkurs zur heutigen
       politischen Situation im Osten – ein Zwischenfall am Rande – vermag die
       Grundstruktur kaum zu erschüttern.
       
       Für Lena Müller, die als Autorin bereits 2021 mit ihrem Debütroman
       „Restlöcher“ in Erscheinung getreten ist, scheint die Frage nach dem Wohin
       auch nicht zentral zu sein. Ihre Figuren existieren einfach, unaufgeregt
       und eigensinnig zugleich, und man folgt ihnen als Lesende dabei – durch die
       Hitze, durch die Kneipe, durch einen Sommer, der sich nicht beeilen will.
       Gerade in diesem Verzicht auf plotgetriebene Dramatik liegt die eigentliche
       Stärke des Buches: Es vertraut seinen Figuren und ihrer Beiläufigkeit.
       
       So wird „Club der Verschwenderinnen“ zu einem Buch, das weniger von dem
       lebt, was passiert, als von der Atmosphäre, die es erzeugt – von der
       Schwüle eines Sommers, der zum Sinnbild für einen ganzen Lebensabschnitt
       wird, in dem Altes verschwindet und Neues sich noch nicht gezeigt hat.
       
       11 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sophia Zessnik
       
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