# taz.de -- Deutschrapper Grim104: Lieber zu viel Culture als zu wenig Eier
> Mit „No Country for Old Grim“ veröffentlicht der Berliner Rapper Grim104
> ein vibrierendes und detailgesättigtes HipHop-Album.
(IMG) Bild: Rapper Grim104
Einkauf beim Discounter, um die Ecke knallt’s. Da bekommt einer eine Kugel
in den Kopf. Wie bitte erklärt man’s dem Kind, wenn man in der Nähe wohnt?
Und weshalb erklärt man dem Nachwuchs, dass die Luftballons im Gebüsch
keine Überreste einer Geburtstagsparty sind, sondern dass damit jemand
Lachgas eingeatmet hat, um zu vergessen?
Schon sind wir mittendrin in der gewalttätigen Vorstellungswelt des
deutschen Rappers Grim104. Der war schon als Teil des Duos Zugezogen
Maskulin einer, der Krisen zu Reimen sezierte. „No Country For Old Grim“
heißt sein neues Soloalbum.
Es arbeitet sich an politischen Widersprüchen und Gewaltspiralen ab, an der
Frustration eines Indiekünstlers und dem Vatersein als Anstoß zur
Perspektivverschiebung. „Wir marschieren einer großen Mitternacht
entgegen“, rappt Grim104. Wie hält man es aus im anhaltenden Dämmerzustand,
fragen Musik und Texte des Albums.
Zuerst einmal mit der Analyse der Verhältnisse: „Gewalt ist wie ein Brand,
der in die Sprache dringt“. Grim104 ist gut im aphoristischen Songwriting.
Die Auseinandersetzung mit Gewalt und ihren gesellschaftlichen Abgründen
ist eines der Leitmotive seines Albums. Schon der Titel bezieht sich auf
den [1][US-Thriller „No Country for Old Men]“, eine vertrackte Geschichte
um Drogengeld in Texas, ein unschuldiges Paar und einen psychopathischen
Auftragskiller, in der alle Beteiligten immer tiefer in den Abgrund gezogen
werden.
Die Drastik des Films und die darin skizzierte Verrohung lässt sich
natürlich auch auf die Ereignisketten unserer globalisierten Welt
übertragen, die aktuell immer mehr außer Rand und Band gerät. Abgesehen von
einer Verortung im differenzierten Dazwischen, durch Bekundung von
Solidarität sowohl für die israelischen Opfer des Terroranschlags der Hamas
am 7. Oktober als auch mit dem durch die israelische Armee verursachten
Leid in Palästina, geht es Grim104 aber nicht um geopolitische Kommentare.
## Nische forever
Sein Album analysiert stattdessen die eigene Verstrickung ins Chaos. Also:
beobachten, sich selbst befragen, Schlüsse ziehen. „No Country for Old
Grim“ ist die Selbstverortung eines 37-jährigen Rappers, der begriffen hat,
dass er für immer Nische bleiben wird. Wenig Kohle, dafür künstlerische
Freiheit. Das ist die Ausgangslage. Eine Zeile aus dem Song „MF Doom“
[2][(benannt nach einem US-Underground HipHop-Helden)] bringt es auf den
Punkt: „Heute war der Tag, an dem der A&R von Four mir sagte, dass das mit
dem Album da nichts wird, weil es zu ‚Culture‘ ist“. Die Frage ist, was
„Culture“ hier bedeutet und warum gerade das ein Ausschlusskriterium für
das deutsche Majorlabel Four Music/Sony sein soll.
Grims Album gibt die Antwort in 14 wütenden Songs: „Culture“, das bedeutet,
nicht anschlussfähig zu sein um jeden Preis, aber dadurch auch
uninteressant für die Algorithmen von Streamingdiensten. Grims
Erlebnishorizont ist kleinteilig. Es geht um das Leben in
Berlin-Gesundbrunnen und Wedding, Stadtteile also, die seit über einem
Jahrzehnt „kommen“ sollen, wie sogar die New York Times behauptete, in
denen man aber vor allem mit sozialer Ungleichheit konfrontiert ist.
Es geht um die Ambivalenz zwischen der Sozialisation im norddeutschen Dorf
und der Hinwendung zur Metropole. Und natürlich geht es auch um
Überlebensstrategien im Kapitalismus.
„No Country for Old Grim“ ist also „Culture“, weil es einem nicht alles
offenlegt, weil es ein intensives Zuhören voraussetzt. Womit wir beim Mord
vom Anfang des Textes sind. „Die haben einen Mann an der Kühnemannstraße
erschossen / Ich war vorher noch da bei Lidl für Salz und Kartoffeln“,
heißt es.
Die Straße liegt im Berliner Bezirk Reinickendorf und gilt als
„kriminalitätsbelasteter Ort“. Von solchen Realitätsmarkern wimmelt es in
Grims Geschichten. Er ist ein so guter Storyteller, dass die Geschichten
auch ohne Ortskenntnisse funktionieren. Es sind fiktionale Porträts einer
Entfremdung von der Kulturindustrie und der darauf folgenden Selbstsuche.
Außerdem bedeutet „Culture“ ein Potpourri subkultureller Codes. Heißt, dass
zappelnde Breakbeats hier genauso eine Rolle spielen wie klirrend-kühle
Wave-Sounds und Sample-Beats. Dass die stets maskiert gewesene New Yorker
Indierap-Ikone MF Doom in den Songs weiterlebt, dass ein Song des
[3][Indieslackers Mac DeMarco] als Sample fungiert und das dann auch
thematisiert wird. Dass das klandestine „Anarchist Cookbook“ erwähnt wird,
aber auch die Namen von Labels, die jenseits der Rapszene niemand kennt.
Es geht um Details. Diese machen „No Country For Old Grim“ musikalisch und
poetisch originell. Sie speisen sich aus dem angereicherten kulturellen
Kapital eines von Subkulturen geprägten Lebens. Zu „Culture“ für den
Mainstream, aber ein Seelentröster für die „Culture“ – und vermutlich auch
für Grim104 selbst.
17 Apr 2026
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