# taz.de -- Psychiatrie in der U-Haft: Notlösung hinter Gittern
> Hamburg eröffnet eine psychiatrische Kurzzeitstation im Knast. Das
> begegnet akuter Not – löst aber das Grundproblem der überforderten
> Forensik nicht.
(IMG) Bild: Kein gutes Umfeld, um gesund zu werden: Zellentrakt im C-Flügel der Hamburger Untersuchungshaftanstalt
Wer psychisch schwer erkrankt ist, braucht auch [1][hinter Gittern eine
angemessene psychiatrische Versorgung]. Hamburg hat deshalb 14 neue
Behandlungsplätze für Gefangene im Zentralkrankenhaus der
Untersuchungshaftanstalt (UHA) eingerichtet. Betrieben wird die Station
gemeinsam mit dem Universitätskrankenhaus (UKE). Sie bietet einen
Wohngruppenbereich mit Gemeinschaftsräumen und -küche sowie
Patientenzimmer. Dazu kommen Räume für Bewegungs-, Gesprächs-, Ergo- und
Musiktherapie.
Aufgenommen werden dort [2][akut erkrankte Gefangene, „die auf einen
externen Klinikplatz warten] oder aber keine externe vollstationäre
Betreuung benötigen“, schreibt die Justizbehörde zur Eröffnung mit
Senatorin Anna Gallina (Grüne) am Mittwoch. Auch Gefangene, „die nach einem
externen Klinikaufenthalt noch nicht stabil genug für die Rückkehr in den
Regelvollzug sind“, sollen dort für maximal zwölf Wochen einen Platz
finden. Die Station steht allen sechs Hamburger Gefängnissen zur Verfügung.
Die Zuständigkeiten sind dabei getrennt: Für den Straf- und
Untersuchungsvollzug ist die Justizbehörde zuständig, für den
Maßregelvollzug aber die Sozialbehörde. Dorthin gehören auch Menschen, die
ein Gericht einstweilig untergebracht hat, weil sie eine Tat womöglich im
Zustand der Schuldunfähigkeit begangen haben und ihnen eine dauerhafte
Unterbringung droht.
Diese Menschen sind nicht in Haft, sondern sollen in einer psychiatrischen
Klinik oder Entziehungsanstalt behandelt werden. Fehlen dort die Plätze,
landen manche von ihnen aber trotzdem dort, wo gerade etwas frei ist: in
der Untersuchungshaftanstalt. Die Justizbehörde springt dann im Rahmen
einer Amtshilfe ein, obwohl sie dafür gar nicht zuständig ist. Noch im
Frühjahr war der Maßregelvollzug in der Asklepios-Klinik Ochsenzoll so
dramatisch überbelegt, dass [3][psychisch schwerkranke Beschuldigte in der
UHA „geparkt“] wurden – teilweise über 200 Tage lang.
Gallina präsentiert mit der psychiatrischen Kurzzeitstation nun eine
Antwort auf eine Notlage, die in Hamburg seit Jahren ungelöst ist: Die
neuen Betten im Knast sind eine pragmatische Schadensbegrenzung. Denn die
Zahl psychisch erkrankter Menschen im Justizvollzug ist drastisch
gestiegen. Bislang mussten Menschen in einer akuten Krise dabei oft
unzureichend versorgt oder unter schwierigen Bedingungen in den Anstalten
gehalten werden, bevor sie in externe Kliniken verlegt werden konnten.
Dass der Senat jetzt handelt und dabei das UKE ins Boot holt, ist also gut.
Wenn schwer psychisch erkrankten Gefangenen in einer Kurzzeitstation in der
Untersuchungshaft professionell geholfen werden kann, ist das um Längen
besser als eine reine Notversorgung an der Zellentür. Das schafft zumindest
da Linderung, wo das Problem am drängendsten erscheint, fängt akute Krisen
ab und entlastet das Knastpersonal.
## Forensik am Limit
Aber die Lösung bleibt brüchig: Die Untersuchungshaftanstalt ist eben ein
Knast und kein Krankenhaus. Sie kann nicht zum Ersatz für die Fachklinik
werden, wenn eine längerfristige Behandlung erforderlich ist. Die neue
Einrichtung verbessert die medizinische Versorgung, aber sie bleibt eine
Wartestation – ein kleines Pflaster auf einer strukturell viel größeren
Wunde.
Hamburg steht mit diesem Dilemma im Norden nicht alleine da. [4][In
Schleswig-Holstein ist der Maßregelvollzug in Schleswig und Neustadt seit
Jahren überbelegt]. In der Justizvollzugsanstalt Lübeck entsteht eine
[5][neue psychiatrische Abteilung] mit 25 Einzelhafträumen und einem
[6][separaten Akutbereich mit sechs Intensiv-Sonderhafträumen]. Der Bau
soll Ende 2028 fertig sein.
## Das Problem entsteht viel früher
[7][In Bremen ist die Forensik ebenfalls überbelegt], aber es fehlen
Ausbauflächen, [8][weshalb das Land Plätze in anderen Bundesländern
einkauft]. Auch [9][Niedersachsen hinkt dem Anstieg der Einweisungen mit
seinen Bauprojekten hinterher] und versucht, [10][mit forensischen
Ambulanzen gegenzusteuern].
Aber das Problem entsteht viel früher: Immer mehr Menschen mit psychischen
Erkrankungen und zusätzlichen Suchtproblemen – [11][sogenannten
Doppeldiagnosen] – bringen die Regelsysteme zunehmend an ihre Grenzen. Weil
niedrigschwellige Hilfen und schnelle Kriseninterventionen fehlen, wird die
Forensik zum Auffangbecken für das soziale Hilfesystem.
Die neuen 14 Therapieplätze in der U-Haft verschaffen Hamburg also nur eine
Atempause. Sie verhindern, dass das System unmittelbar implodiert. Aber die
nachhaltigste Entlastung der Forensik bleibt die unspektakuläre und teure
soziale Prävention: niedrigschwellige Hilfen, aufsuchende Krisenteams,
geschützter Wohnraum und Konsumräume mit psychologischer Anbindung.
30 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Massregelvollzug/!t5035574
(DIR) [2] https://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/behoerden/bjv/aktuelles/2026-09-30-bjv-hamburg-staerkt-psychiatrische-versorgung-von-gefangenen-1223870
(DIR) [3] /Krise-im-Massregelvollzug/!6159716
(DIR) [4] https://www.landtag.ltsh.de/infothek/wahl20/drucks/03900/drucksache-20-03990.pdf
(DIR) [5] /Gefangene-bekommen-eigene-Psychiatrie/!6016779/
(DIR) [6] https://www.gmsh.de/pressemitteilung/jva-luebeck-erhaelt-eine-vollstationaere-psychiatrische-abteilung/
(DIR) [7] https://www.senatspressestelle.bremen.de/pressemitteilungen/gutachten-wird-in-auftrag-gegeben-477309
(DIR) [8] https://www.senatspressestelle.bremen.de/sixcms/media.php/13/20231212_KA_Ma%25C3%259Fregelvollzug.pdf
(DIR) [9] /Psychische-Ambulanz-fuer-Straftaeter-/!6099938
(DIR) [10] https://psychiatrie-wunstorf.krh.de/kliniken/forensische-psychiatrie-und-psychotherapie
(DIR) [11] /Krankenpfleger-ueber-seinen-Beruf/!6162880
## AUTOREN
(DIR) Robert Matthies
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