# taz.de -- Krise im Maßregelvollzug: In Hamburg wird Therapie zur Haft
> Im Maßregelvollzug fehlen Betten, in der Untersuchungshaft warten Kranke
> monatelang auf Hilfe. Der Senat reagiert mit Notbelegungen.
(IMG) Bild: Kein Platz mehr frei: Maßregelvollzug in Hamburg-Ochsenzoll
Eine Gefängniszelle ist kein Krankenhaus. Dort zu sitzen, ist eine Strafe,
keine Grundlage für eine Heilung. In Hamburg wird die
Untersuchungshaftanstalt (UHA) am Holstenglacis aber derzeit zur
Ausweichstation für eine überforderte Forensik im zentralen Maßregelvollzug
der Stadt [1][in der privaten Asklepios-Klinik im Stadtteil Ochsenzoll].
Die Zahlen, die die Sozialbehörde auf Anfrage der CDU-Bürgerschaftsfraktion
jetzt dazu vorlegen musste, sind deutlich: Anfang Februar wurden im
Maßregelvollzug 425 Patient:innen versorgt – ausgelegt ist die
Einrichtung für nur 375 Personen. Rechnet man jene hinzu, die beurlaubt
sind, weil sie sich beispielsweise zur Erprobung in betreuten Wohngruppen
befinden, betreut das System aktuell 460 Menschen. Das entspricht einer
[2][Steigerung um rund 30 Prozent in nur drei Jahren].
Dieser Zuwachs ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Entwicklung, bei
der gerichtliche Einweisungen die Ausbaukapazitäten der Stadt systematisch
überholen. Allein im Jahr 2024 ordneten Hamburger Gerichte [3][in 76 Fällen
die Unterbringung im Maßregelvollzug an].
Besonders auffällig ist dabei die Zunahme komplexer Krankheitsbilder: Die
Kombination aus schweren Psychosen und massivem Drogenkonsum, sogenannte
Doppeldiagnosen, überfordert die Regelpsychiatrie zunehmend.
## Auffangbecken für erodierendes Hilfesystem
Hier zeigt sich auch ein sozialpolitisches Versagen: [4][Weil
niedrigschwellige Therapieangebote und Kriseninterventionen in den
Stadtteilen fehlen], landen Menschen in einer Eskalationsspirale, die am
Ende nur noch die Forensik als letzte Instanz kennt. Die Fachklinik wird so
zum unfreiwilligen Auffangbecken für ein erodierendes allgemeines
Hilfssystem. Wenn die Prävention draußen versagt, sollen es die Gitter in
Ochsenzoll richten.
Wer schwerkranke Menschen monatelang hinter Gittern „parkt“, erschwert
jedoch nicht nur ihre Heilungschancen, sondern unterspült auch das
Fundament des Rechtsstaats. Der Maßregelvollzug ist gesetzlich
verpflichtet, schwerkranke Straftäter:innen in einem therapeutischen
Umfeld zu heilen und zu sichern.
Aber in Hamburg verkommt dieser staatliche Auftrag zur Verwahrung. Wenn
Patient:innen monatelang in reguläre Gefängniszellen „ausgelagert“
werden, bricht nicht nur das medizinische Konzept in sich zusammen, sondern
[5][auch die verfassungsrechtliche Rechtfertigung für den Freiheitsentzug].
## Jahrelange Fehlplanung
Neu ist dieser Engpass nicht; er ist das Ergebnis einer jahrelangen
politischen Fehlplanung. Aktuell zeigt sich das strukturelle Defizit in der
Belegungsplanung auch in der [6][Wiederbelebung des sogenannten
Haftexports]: Um den massiven Platzmangel in den Hamburger Anstalten zu
lindern, hat der Senat eine [7][Kooperation mit Mecklenburg-Vorpommern]
geschlossen: Seit Ende 2024 werden bis zu 40 Haftplätze in der JVA Waldeck
für Hamburger Gefangene angemietet.
Dass die Stadt ihre verfassungsrechtliche Kernaufgabe – den Strafvollzug –
erneut geografisch auslagern muss, belegt, dass die bauliche Infrastruktur
mit der realen Belegungssituation seit Jahren nicht Schritt hält.
[8][Verschärft wird die Lage durch eine restriktive Vollzugspolitik], die
unter anderem bei den Ersatzfreiheitsstrafen sichtbar wird. Während andere
Bundesländer verstärkt auf Alternativen setzen, verharrte Hamburg lange auf
einem Kurs, der auch Menschen wegen geringfügiger Delikte – wie dem Fahren
ohne Fahrschein – systematisch hinter Gitter bringt.
Diese Praxis blockiert Haftplätze und personelle Ressourcen, die an anderer
Stelle, auch bei der fachgerechten Unterbringung psychisch kranker
Straftäter:innen, fehlen.
## Grundversorgung ist keine Therapie
Das Nadelöhr des Systems liegt jedoch nicht allein in Ochsenzoll, sondern
im „Wartesaal“ am Holstenglacis. Mitte Februar saßen dort 18 Personen ein,
gegen die ein einstweiliger Unterbringungsbefehl nach Paragraf 126a der
Strafprozessordnung (StPO) vorlag.
Eigentlich müssten diese Menschen sofort in eine Fachklinik: Sie wurden als
schuldunfähig, aber gefährlich eingestuft. Doch weil in Ochsenzoll kein
Bett frei war, [9][blieben sie im regulären Vollzug – teilweise über 200
Tage lang].
Die Sozialbehörde versucht, die Situation sprachlich zu glätten. Man helfe
sich angesichts „des anhaltend hohen Belegungsdrucks im Maßregelvollzug“
mit [10][„Amtshilfe“ durch die Justizbehörde] aus, antwortet sie der taz.
In der UHA stehe eine „psychiatrische Grundversorgung“ durch
Fachärzt:innen bereit, inklusive täglicher Visiten und Medikamentengabe,
„vergleichbar zum stationär-forensischen Vorgehen im Maßregelvollzug“.
Doch dieser Vergleich hinkt. Eine psychiatrische Grundversorgung in einer
Haftanstalt ist keine Therapie. Eine tägliche Visite hinter der Zellentür
kann eine komplexe forensische Versorgung nicht ersetzen. Das
Bundesverfassungsgericht [11][fordert für den Maßregelvollzug ein
„therapeutisches Milieu“] – eine Umgebung, die auf Heilung ausgerichtet
ist, nicht auf Disziplinierung und Einschluss. In der UHA findet keine
Resozialisierung statt, sondern bloßes Zeitabsitzen auf Kosten der
psychischen Gesundheit.
## Kurzfristige Besserung kaum in Sicht
Damit provoziert der Senat ein juristisches Organisationsverschulden mit
Ansage. In anderen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen [12][mussten
Obergerichte bereits Zwangsfreilassungen anordnen], weil die staatliche
Unterbringung den verfassungsrechtlichen Mindeststandards nicht mehr
entsprach: Werden Kranke nicht therapiert, entfällt die Rechtsgrundlage,
sie festzuhalten.
Hamburg steuert sehenden Auges auf dieses Szenario zu: Am Ende könnten
gefährliche Täter:innen frei herumlaufen, weil die Stadt zu langsam beim
Kapazitätsausbau war. Und kurzfristige Besserung durch Bauprojekte ist kaum
in Sicht.
Bis zum Frühjahr 2026 entstehen gerade mal 16 zusätzliche Plätze –
angesichts der Warteliste ein Tropfen auf den heißen Stein. Ein geplanter
Neubau mit 80 Plätzen befindet sich noch in der Phase der Bauvoranfrage.
Bis dort der erste Patient einzieht, könnten Jahre vergehen.
10 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Geschlossene-Unterbringung-in-Hamburg/!5206571
(DIR) [2] /Personalmangel-und-Ueberbelegung/!6041136
(DIR) [3] https://www.abendblatt.de/hamburg/politik/article406962894/justiz-platzprobleme-immer-mehr-psychisch-kranke-straftaeter-in-hamburg.html
(DIR) [4] /Repressive-Drogenpolitik-in-Hamburg/!5902050
(DIR) [5] https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2024/07/rk20240723_2bvr161423.html
(DIR) [6] /Hamburg-will-Gefangene-exportieren/!6130314
(DIR) [7] https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/hamburg-psychisch-kranke-wegen-kapazitaetsmangel-in-u-haft,massregelvollzug-100.html
(DIR) [8] /Hamburg-sperrt-wieder-weg/!6093784
(DIR) [9] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/dokument/91190/23_00564_unterbringung_gefaehrlicher_schuldunfaehiger_taeter_platzt_hamburgs_massregelvollzug_aus_allen_naehten
(DIR) [10] /Zustaende-im-Massregelvollzug/!6029875
(DIR) [11] https://link.springer.com/article/10.1007/s00115-017-0382-3
(DIR) [12] https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2024/bvg24-100.html
## AUTOREN
(DIR) Robert Matthies
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