# taz.de -- Film „Nachbeben“: Das zweite Opfer ist sie selbst
       
       > Das dänische Krankenhausdrama „Nachbeben“ erzählt vom enormen Druck,
       > unter dem das Personal arbeitet. Im Mittelpunkt steht eine der Ärztinnen.
       
 (IMG) Bild: Die Ärztin Alexandra (Özlem Sağlanmak) am Limit in „Nachbeben“
       
       Die ganz zu Recht mit Lob und Emmys überschüttete [1][Fernsehserie „The
       Pitt“, die in der Notaufnahme eines US-Krankenhauses spielt], haben manche,
       nicht ganz zu Unrecht, als Kompetenz-Porno bezeichnet. Trotz aller Hektik,
       Personalknappheit, Geldnot werden am laufenden Band Leben gerettet, wird
       hier jemand in letzter Sekunde wiederbelebt, dort mit einer riskanten
       Operation das Schlimmste verhindert. Das Tempo ist hoch, die Spannung
       enorm, ein paar Schicksale, reihenweise seidene Fäden pro Folge. Noch der
       Umgang mit dem zwischendurch unvermeidlichen Sterben und Tod ist
       hochkompetent.
       
       Das dänische Krankenhausdrama „Nachbeben“ bietet dazu einen Kontrast. Es
       konzentriert sich neunzig Minuten lang im Wesentlichen auf einen einzigen
       Fall, eine Ärztin, ja, eine Entscheidung. Der Ort ist eine
       Neurologiestation. Auch hier ist das Personal knapp. Ein Arzt fällt aus,
       eine junge Assistenzärztin rutscht in seine Rolle und fühlt sich
       überfordert damit, erste Diagnosen zu treffen.
       
       Im Zentrum des Films steht eine weitere Ärztin, Alexandra (Özlem
       Sağlanmak), erfahrener, aber auch noch jung, zwei kleine Kinder zu Hause.
       Das jüngste hat sie gerade abgestillt, noch in der Umkleide am Morgen wird
       ihr Shirt durch den BH hindurch muttermilchnass.
       
       Ein junger Mann, gerade achtzehn, kommt auf die Station, von seiner Mutter
       (Trine Dyrholm) begleitet. Er hatte heftige Kopfschmerzen, Alexandra wird
       von der jungen Ärztin zu Hilfe gerufen, die gängigen Tests deuten nicht auf
       eine schwere Erkrankung. Ein Detail, auf das die junge Ärztin hinweist,
       geht dabei unter.
       
       Der junge Mann wird entlassen, bricht noch auf dem Gang des Krankenhauses
       zusammen und fällt ins Koma. Beim MRT wird eine lebensgefährliche
       Hirnblutung entdeckt. Der Neurochirurg hält eine Operation für übermäßig
       riskant, die Überlebenschancen beim Unterlassen für größer. Es stellt sich
       heraus: Er ist nicht mehr zu retten.
       
       ## Äußerer Ausdruck von innerem Stress
       
       Die Regisseurin Zinnini Elkington, deren Debüt „Nachbeben“ ist, war
       zunächst Schauspielerin. Sie spielt hier nicht mit, aber „Nachbeben“ ist
       ganz klar ein Film, der sich auf die Darstellung konzentriert. Das Drehbuch
       interessiert sich nicht primär für die Institution, sondern für die Ärztin
       als Person, ihre in Sekunden getroffenen Entscheidungen und deren
       weitreichende Folgen.
       
       Gravierender selbstverständlich für den Patienten, aber auch schrecklich
       für sie, die jeden Fehler, der passiert, und die damit verbundenen
       Schuldgefühle verarbeiten muss. „Das zweite Opfer“ des Originaltitels: Das
       ist sie selbst.
       
       Vom ersten bis zum letzten Bild liegt darum der Fokus auf ihr. Das
       Krankenhaus ist dabei zugleich realer und symbolischer Ort. Noch die bunten
       Muster an der Wand, erst recht das knallrote Treppenhaus sind psychische
       Räume, auf die die Figur reagiert. Die Schläge, die der Soundtrack immer
       wieder auf sie einprasseln lässt, sind äußerer Ausdruck von innerem Stress.
       Özlem Sağlanmak spielt ihre Ärztin Alexandra als Frau, deren Souveränität
       dieser Situation auf Leben und Tod nicht standhalten kann.
       
       „Jeder Arzt hat seinen Friedhof“, sagt ein Kollege zum Trost. Ein anderer
       macht ihr klar, wie unwahrscheinlich eine solche Gehirnblutung bei einem
       jungen Mann war. Zur Balance bringt das Drehbuch an diesem einen Tag, von
       dem „Nachbeben“ erzählt, eine zweite Krankengeschichte ins Spiel. Eine
       ältere Frau, deren Symptome auf Schlaganfall deuten.
       
       Auch hier muss Alexandra binnen kürzester Zeit und ohne letzte Sicherheit
       über die Behandlung entscheiden. In diesem Fall geht es gut, ihr ist die
       ewige Dankbarkeit der Überlebenden sicher. „Das ist mein Job“, sagt die
       Ärztin. Vor allem von der anderen Hälfte der Wahrheit erzählt dieser Film.
       
       1 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Die-Skrupellosigkeit-der-Reichen/!6163354
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ekkehard Knörer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Spielfilm
 (DIR) Dänemark
 (DIR) Klinik
 (DIR) Neurologie
 (DIR) DVD
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Film „Oh What a Lovely War“: Aus fünf Brüdern im Gras werden fünf weiße Kreuze
       
       Das Antikriegsmusical „Oh! What a Lovely War“ war das Regiedebüt des
       Schauspielers Richard Attenborough. In dieser Satire passt wunderbarerweise
       nichts zum anderen.
       
 (DIR) Gus Van Sants „Dead Man’s Wire“: Na immerhin
       
       Statt im Kino kann man Gus Van Sant Thriller „Dead Man’s Wire“ jetzt
       wenigstens on Demand sehen. Und das trotz einer eindrucksvollen Nebenrolle
       Al Pacinos.
       
 (DIR) Film „Slanted“: Und schon ist sie eine Weiße
       
       In der Science-Fiction-Satire „Slanted“ tauscht eine Schülerin den Körper,
       um dazuzugehören. Die Kritik am Anpassungswahn verzichtet aufs Subtile.