# taz.de -- Gus Van Sants „Dead Man’s Wire“: Na immerhin
       
       > Statt im Kino kann man Gus Van Sant Thriller „Dead Man’s Wire“ jetzt
       > wenigstens on Demand sehen. Und das trotz einer eindrucksvollen
       > Nebenrolle Al Pacinos.
       
 (IMG) Bild: Richard Hall (Dacre Montgomery) und Tony Kiritsis (Bill Skarsgård) in „Dead Man’s Wire“
       
       Die Bilder aus der historischen Wirklichkeit gibt es erst im Abspann. Die
       Wirklichkeit: Indianapolis, 1977, ein Schuldner nimmt den Präsidenten der
       Firma, die ihn ruiniert hat, als Geisel, fast drei Tage lang, in aller
       Öffentlichkeit, das Fernsehen ist die ganze Zeit live dabei. Der besondere
       Clou: Der Entführer, Tony Kiritsis, hat eine Konstruktion
       zusammengebastelt, mit einer Drahtschlinge und einem Gewehr, die so
       funktioniert, dass das Gewehr, würde der mit dem Entführten verdrahtete
       Tony niedergeschossen, von selbst ausgelöst wird: das Dead Man’s Wire, der
       Titel des Films.
       
       Und so zog Tony Kiritsis, nicht alles lief ganz nach Plan, mit der Geisel
       durch die Straßen von Indianapolis, die Polizei hinterher, die Medien auch
       hinterher, live übertragen, ein Fall, der in den USA fast so viel Aufsehen
       erregte wie in Deutschland das [1][Geiseldrama von Gladbeck]; der auch zu
       Diskussionen geführt hat, wie sich die Live-Medien verantwortungsvoller bei
       einem solchen Drama verhalten. Vor acht Jahren entstand eine Dokumentation
       – „Dead Man’s Line“ –, die den Fall mit viel Archivmaterial rekonstruierte.
       
       Es entstand darauf ein Drehbuch für einen Spielfilm. Eine Weile lang war
       Werner Herzog als Regisseur vorgesehen, mit Nicolas Cage als Tony Kiritsis.
       [2][Herzog hat dann aber lieber seinen Spielfilm „Bucking Fastard“ gedreht]
       (demnächst im Wettbewerb in Venedig, wo „Dead Man’s Wire“ letztes Jahr
       außer Konkurrenz lief). An seiner Stelle übernahm Gus Van Sant, der für die
       Hauptrolle Bill Skarsgård wollte und bekam. An deutscher Beteiligung fehlt
       es dennoch nicht, Veronica Ferres hat den Film koproduziert. Kleiner
       Besetzungscoup am Rande: Die Rolle des Vaters des Entführten, der es sich
       in Florida gut gehen lässt, übernahm Al Pacino, an einem Tag abgedreht, die
       ganze Zeit sitzend, eindrucksvoll nichtsdestotrotz.
       
       Trotz des Spektakels auf den Straßen wird der Film schnell zum Kammerspiel.
       Tony Koritsis, ein redseliger Kohlhaas, der vor allem eine Entschuldigung
       und Genugtuung will. Sein Opfer: Richard Hall (Dacre Montgomery), mit den
       Nerven am Ende, geduckt, träumt (wir sehen die Bilder), von einem blutigen
       Ende.
       
       ## Tight und slick und dicht
       
       Van Sant lässt das Archivmaterial sehr bewusst außen vor. Er hat
       stattdessen mit umwerfender Liebe zu den Details einen Film als veritable
       Siebziger-Jahre-Zeitkapsel inszeniert: mit allem Kleidungs-Drum und
       Musik-Dran, mit verwaschenen Fernsehaufnahmen und Splitscreens, mit
       Original-Sound und -Slang und -Bart und -Frisur, Sprung vom
       Drinnen-Schauplatz nach draußen und wieder zurück. Das ist so tight und
       slick und dicht, in seiner Künstlichkeit fast hyperreal, ein zur
       Beinahe-Halluzination gesteigertes Ausstattungsstück.
       
       Ein schwarzer Radio-Host (Colman Domingo) ist ebenso mit im Spiel wie eine
       ehrgeizige junge Fernsehjournalistin, die Polizei marschiert auf, mit dem
       ersten ist der Entführer noch per Du, aber die Bundespolizei lässt nicht
       lange auf sich warten. Bedingungen werden diktiert, eine öffentliche
       Entschuldigung wird verlangt, Immunität, auch Tonys Bruder muss helfen,
       Telefonate, eine live übertragene Pressekonferenz, bei allen Auftritten hat
       der Entführte den Toter-Mann-Draht stets um den Hals.
       
       Gus Van Sant setzt bei seiner Inszenierung mehr auf Dichte und Intensität
       als auf Spannung. Der Blick auf die Figuren, über deren Agieren sich der
       Kriminalfall zum öffentlichen Spektakel entgrenzt, bleibt bei aller
       Fiebrigkeit analytisch genau. Sarkastisch der Musik-Kommentar im Abspann,
       zu dem Gil Scott-Herons Protestsong „The Revolution Will Not Be Televised“
       läuft: Eine Revolution ist das dem rasenden Kohlhaas zum Trotz ganz sicher
       nicht; nur eine mediale Steigerungsform der Gesellschaft des Spektakels.
       
       5 Aug 2026
       
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