# taz.de -- Film „Rains Over Babel“: Er will in seinen Körper zurück
> Zwischen Punk, Drag und Dante inszeniert Regisseurin Gala del Sol „Rains
> Over Babel“. Lebende, Tote und Untote treiben sich darin herum.
(IMG) Bild: La Flaca (Saray Rebolledo) treibt – wie viele andere Figuren – in „Rains Over Babel“ ihr Unwesen
Das mit Abstand Farbloseste an diesem Film ist Rosa, ein albinoartiger
Gecko. Aber immerhin ist Rosa ein Gecko, der spricht. Der Rest von „Rains
Over Babel“: eine verdammt bunte, noch im Dunkeln grelle, fantastisch
unerwartbare Hölle, und zwar in Gestalt eines Nachtclubs, eben des
titelgebenden Hauptschauplatzes namens Babel. Wobei „Hölle“, das trifft es
nicht ganz. Produzentin, Drehbuchautorin, Regisseurin, Ko-Schnittmeisterin
Gala del Sol hat sich [1][Inspirationen bei Dante] geholt und jagt ihre
Figuren durch eine queere Purgatorium-Zwischenwelt, weder Leben noch Tod,
auch wenn dieser Übergangsraum ganz klar in Calí, Kolumbien liegt.
Babel, so heißt der Nachtclub, man wartet gespannt auf den Auftritt einer
Dragtruppe mit Namen Black Mamba. Hof hält hier eine Person namens La Flaca
(Saray Rebolledo), Fingernägel sehr lang, Fluppe im Mund und auf dem Kopf
mächtiger Afro, der Tod persönlich, der*die im Würfelspiel auch mal Gnade
walten lässt, meist aber nicht. Hinter der Bar in Babel steht der
Bartender-Teufel El Boticario (Santiago Pineda), gemeinsam mit seiner
Schutzengel-Gattin Erato der Erzähler des Ganzen.
Dazu kommen allerlei Menschen, Lebende, Untote, Tote, die in Babel ihr
Wesen und Unwesen treiben. [2][Eine Figur heißt tatsächlich Dante], das ist
der hochattraktive Sensenmann (Felipe Aguilar Rodriguez), der die frisch
verstorbenen, nicht immer einverstandenen Seelen abholt, oder genauer
gesagt, zur Pforte ins Jenseits führt, die als schnöde Tür unvermittelt in
Innen- und Außenräumen herumsteht. Ganz besonders uneinverstanden ist ein
Typ namens Monet (Johan Zapata), an einer Überdosis gestorben, der um jeden
Preis in seinen Körper zurückwill, bevor der zu verwesen beginnt.
Eine Art roter Faden: die Geschichte von Jacob (William Hurtado), Sohn
eines evangelikalen Priesters. Dieser Jacob erlebt ihm ganz und gar nicht
geheure Stigmatisierungswunder am eigenen Körper, bevor er zum
Happy-End-Coming-Out mit einer Babel-Truppe vor dem entsetzten Vater im
Kirchenraum als Dragqueen mit Leuchtkörpern in der Perücke performt.
## Zwischen Eros und Thanatos
„Rains Over Babel“ ist nicht unbedingt ein Film, der viel Zusammenhang
produziert. Eher einer, der mit jeder Szene, jedem Raum, jeder Figur immer
aufs Neue mit einer Staunen machenden sensorischen Überlast fasziniert.
Ständiges Flackern zwischen Dunkel und Hell, kaltes Neonlicht gegen sehr
warme Farben, berauschende Kostüme und wild geschminkte, bemalte, mehr oder
weniger bekleidete Körper, immer neue sich öffnende und schließende Räume,
fantastische Ausstattungsorgien zwischen Eros und Thanatos,
Pharaonen-Zimmer Nummer 777 irgendwo oben, oder auch Wiederbegegnung von
zwei Lovern, aber als Begegnung eines Lebenden mit einem schon sehr lange
Toten.
Das ist einerseits queerer Dante-Camp, aber andererseits umwerfend
professionell gespielt, ausgestattet und inszeniert – und da ist die tolle
Soundspur, auf der es immerzu, aber nie bis zum Überdruss, zischt,
raschelt, knallt, noch gar nicht erwähnt. Eine filmische Sinneswelt, in der
man sich nur zu gerne verliert, weil hier alles immer aufs Neue
überraschende, zwischen Punk, Drag und Dante schillernden Razzle und Dazzle
performt.
Debüt-Regisseurin Gala del Sol (bürgerlich: Natalia Hermida) ist gerade mal
dreißig, der Film feierte in Sundance Triumphe. Lief in Kolumbien mit
riesigem Erfolg in den Kinos und wurde – was der neuen hart rechten
Regierung sicher nicht passt – ins Oscar-Rennen geschickt. Die Fachpresse
feiert Gala del Sol als kommenden Regiestar, und angesichts dieses
Erstlings kann man nur sagen: völlig zu Recht.
15 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Ekkehard Knörer
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