# taz.de -- Seltene Erkrankung: Eine Einzige von 83 Millionen
> Die sechsjährige Caroline leidet am PUS3-Syndrom - als einzig bekannte
> Betroffene in Deutschland. Ihre Eltern haben wenig Hoffnung auf Besserung
> – aber einen Plan.
(IMG) Bild: Constanze Rethberg und André Arnold in ihrem Wohnzimmer mit Tochter Caroline
Ohne zu zögern drückt Caroline die Nummer 2 im Fahrstuhl. Der Fahrdienst
hat die Sechsjährige eben von der Schule nach Hause gebracht. Obwohl sie
seit frühmorgens auf den Beinen ist, wirkt sie putzmunter – und drückt
gleich noch zwei weitere Tasten. „Aufzugfahren liebt sie“, sagt Carolines
Vater André Arnold.
Draußen: Auf den Straßen schieben sich die Trams und Autos durch den
Dresdner Feierabendverkehr. „Wir hatten auch mal überlegt, aufs Dorf zu
ziehen, irgendwohin, wo es ruhiger ist“, erzählt Arnold. „Aber mit Caroline
ist das keine Option für uns.“ Zwei, drei Autominuten entfernt von ihrer
Wohnung im Stadtteil Striesen liegt die nächste Rettungswache, bis zum
Uniklinikum sind es nur sieben Minuten. Auch der Fahrstuhl war einer der
Gründe, warum die Familie vor drei Jahren in den Neubau an der Glashütter
Straße zog. Damals konnte Caroline noch nicht laufen, ihre Eltern mussten
sie die Treppen hochtragen. Hier ist das Grundstück außerdem umzäunt,
sodass die Erstklässlerin im Garten toben, aber dabei nicht weglaufen kann.
Drinnen: Die Regenjacke abgelegt, rast Caroline in der Wohnung von einem
Zimmer ins andere. Oft zeigt sie dabei, wohin sie will. Oder auf etwas, was
sie haben möchte, zum Beispiel ihren Tiptoi. Das weiß-orangefarbige Gerät
erinnert ein bisschen an eine elektrische Zahnbürste. Setzt Caroline die
Spitze des Tiptois auf einen Punkt in einem ihrer Kinderbücher, ertönt ein
Lied oder eine Stimme. Genau wie es auch das Busy-Board-Lernspiel im
Wohnzimmer kann, das Carolines Vater für sie gebaut hat. Je nachdem an
welchem Knopf auf dem Holzbrett man dreht, startet ein anderes Lied. „Musik
ist ihr Ding“, sagt André Arnold, der als Ingenieur am Helmholtz-Zentrum
Dresden-Rossendorf arbeitet.
PUS3: Dass seine Tochter sich mal frei zur Musik bewegen würde, war nicht
klar. Caroline ist von dem extrem seltenen PUS3-Syndrom betroffen, das
durch [1][eine Genmutation] am Pseudouridin-Synthase-3-Gen ausgelöst wird.
Der PUS3-Foundation, die sich für Betroffene einsetzt, sind weltweit nur
etwa ein Dutzend diagnostizierte Fälle bekannt. Caroline ist in Deutschland
aktuell die einzig bekannte Betroffene, erzählt ihre Mutter Constanze
Rethberg. Sie erinnert sich noch an den Moment, in dem ihr klar wurde, dass
mit ihrer Tochter etwas nicht in Ordnung ist. „Wir saßen in der Küche, da
war Caroline neun Monate alt, und etwas war vom Tisch gefallen. Aber
Caroline reagierte überhaupt nicht, als ich es aufhob, sie schaute mich
nicht einmal an.“
Der Anfall: Eine Diagnose bekamen die Eltern erst Jahre später, nachdem
ihre Tochter unter anderem einen schweren epileptischen Anfall erlitten
hatte. Epilepsie gehört zu den häufigsten Symptomen des PUS3-Syndroms.
Hinzu kommt eine verzögerte Entwicklung. Caroline wird von ihren Eltern
gefüttert und gewickelt. Sie gibt Laute von sich, aber keine Wörter.
Überraschungen: „Es gibt nur vier oder fünf Paper zum PUS3-Syndrom und kaum
Ärzte, die sich damit auskennen“, erzählt Constanze Rethberg, die aktuell
in ihrer Ausbildung zur Internistin steckt. Welche Entwicklungsschritte
Caroline machen wird und wann, ob sie ihre neuen Fähigkeiten behält oder
wieder verliert, ob sie alt werden kann oder ihre Erkrankung
lebensverkürzend ist: Auf keine dieser Fragen bekamen die Eltern eine
Antwort nach der Diagnose. Umso größer war die Freude, als Caroline mit 17
Monaten zu krabbeln begann, vor zwei Jahren erste Schritte machte und mit
Stützrädern eine sichere Runde mit dem Laufrad drehen konnte.
Erschöpfung: Während Carolines Mutter von diesen Momenten erzählt, trägt
sie einen breiten silbernen Ring am Finger. Er trackt ihren Schlaf. Für
letzte Nacht zeigt der Ring 6,38 Stunden an, dabei lag Constanze Rethberg
über zehn Stunden mit ihrer Tochter im Bett. „Das war eine der schlechteren
Nächte“, sagt Rethberg. Durch ihre Erkrankung hat Caroline eine schwere
Schlafstörung. Ihre Eltern wechseln sich ab, damit immer jemand bei ihr im
Bett schläft, um sie zu beruhigen, wenn sie aufwacht. Für Carolines Mutter
ist der Schlafmangel eine besondere Belastung, sie arbeitet als
Assistenzärztin im Schichtsystem im Krankenhaus. So eine Situation wie
jetzt, in der sie fürs Foto auf dem Sofa sitzen und Caroline beim Spielen
zuschauen, gebe es in ihrem Alltag nicht, sagt André Arnold.
Alarm: Caroline ist auf dem Entwicklungsstand einer Ein- bis Zweijährigen,
Gefahren kann sie nicht einschätzen. Dadurch sind ihre Eltern immer in
Alarmbereitschaft. Hinzu kommt ihr zehnjähriger Sohn Caspar, für den sie
ebenfalls da sein wollen, etwa, wenn er von der Schule erzählt oder Hilfe
bei den Hausaufgaben braucht. „Unser System funktioniert nur, wenn wir
beide fit sind“, sagt Constanze Rethberg.
Versorgung: Neben einer Eins-zu-eins-Betreuung – eine Person ist nur für
sie da – ist Caroline auf Hilfsmittel angewiesen. Weil sie schwächere
Muskeln hat als gesunde Kinder, trägt sie spezielle Schienen um die
Unterschenkel, damit sie nicht umknickt. Außerdem braucht sie eine Brille
und täglich mehrere Medikamente. Hinzu kommen ein Sprechcomputer, um sich
mitzuteilen, Notfallmedikamente, Windeln, Babyphone und Urinteststreifen,
weil Caroline durch eine Nierenfehlbildung im Rahmen ihrer Erkrankung zu
Harnwegsinfekten neigt. Viele ihrer Ausgaben würden übernommen, erklärt
André Arnold, auch dank der aktuellen Regelung der Pflegegrade. „Aber wir
wissen ja nicht, wie lange das politische System das noch mitmacht.“
Die Politik: Nicht nur die AfD mit ihrer Haltung gegenüber Menschen mit
Behinderung mache ihm Sorgen, sondern auch die CDU mit einem Kanzler, der
unter anderem die Notwendigkeit der Eins-zu-eins-Betreuung von Kindern mit
Behinderung infrage stellt. Für Arnolds Partnerin geht es auch um die
Eltern. „Menschen mit Behinderung haben das Recht auf einen
Nachteilsausgleich, aber was ist mit denen, die dahinter stehen?“, fragt
sie. „Eigentlich müssten wir als Pflegende das Recht haben, bei ausreichend
Gehalt weniger zu arbeiten.“ Stattdessen müsse sie sich immer wieder
erklären, warum sie eine Schicht nicht annehmen oder eine Stunde länger
arbeiten könne.
Hoffnung: Wie bei den meisten seltenen Erkrankungen fehlt der
Pharmaindustrie auch bei PUS3 der Anreiz, Therapiemöglichkeiten zu
erforschen. Deshalb haben Rethberg und Arnold im Frühjahr den [2][Verein
„kleine Gene, große Hoffnung “] gegründet. Mit ihm wollen sie auf
Betroffene aufmerksam machen und die Entwicklung einer Therapie
voranbringen. Dafür haben sie sich mit der PUS3-Foundation in Polen
zusammengetan, wo weltweit die meisten Fälle bekannt sind. Gemeinsam wollen
sie eine Therapie entwickeln lassen, die direkt an der genetischen Ursache
der Erkrankung ansetzt. [3][Die Forschung] übernimmt die
Gene2Cure-Foundation in den USA, die sich laut eigenen Angaben auf die
Entwicklung von Therapien für extrem seltene Erkrankungen spezialisiert
hat. Bis Ende 2026 ist das Vorhaben durchfinanziert, erzählt André Arnold.
Damit es danach weitergehen kann, ist das Projekt auf Spenden angewiesen.
2029 könnte die Therapie zum ersten Mal am Menschen eingesetzt werden. „Wir
machen uns nicht allzu viel Hoffnung“, sagt Arnold, „Aber zu sagen, wir
legen einfach die Hände in den Schoß, war für uns auch keine Option.“
Glück: Caroline hat sich inzwischen zu ihren Eltern an den Esstisch
gesetzt, auf den blonden Haaren Kopfhörer. Immer wieder nimmt sie die Hände
hoch und bewegt sich mit dem Beat auf ihren Ohren mit. „Das Leben mit
Caroline ist wie mit einem tapsigen Einjährigen, das gerade die Welt
entdeckt. Deshalb lachen wir sehr viel mit ihr“, sagt André Arnold, während
er seiner Tochter zuschaut. Seine Partnerin fasst es so zusammen: „Wir
haben vielleicht ein anderes Leben, aber wir sind nicht weniger glücklich.“
22 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Laura Catoni
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