# taz.de -- US-Truppen verlassen Irak: Eine neue Phase der Ungewissheit
> Diktator Saddam Hussein ist gestürzt, die IS-Terrormiliz gilt als besiegt
> – nun zieht das US-Militär aus dem Irak ab. Von dauerhafter Stabilität
> ist das Land aber weit entfernt.
(IMG) Bild: Soldaten 2020 auf dem Weg von den USA in den Irak, um dort die Botschaft zu schützen. Jetzt will das US-Militär sich aus dem Irak zurückziehen
dpa | Es ist eine Zäsur: Mehr als 20 Jahre nach dem Sturz von Saddam
Hussein im Irak und nach jahrelangen erbitterten Kämpfen gegen die
Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) ziehen die letzten US-Soldaten aus dem
Irak ab. Am Mittwoch soll der Abzug formell abgeschlossen sein. Kriege,
Vertreibung, Terrorismus und politische Unruhen haben tiefe Spuren
hinterlassen. Ohne das US-Militär beginnt eine neue Phase der Ungewissheit.
## Warum ziehen die US-Truppen jetzt ab?
Formell beschlossen wurde der Schritt 2024. Der US-Kampfeinsatz endete
bereits 2021, und die zuletzt etwa 2.500 US-Soldaten waren nur noch als
Berater und Ausbilder im Land. Schon 2011 waren die Truppen komplett
abgezogen – doch dann rückte die IS-Terrormiliz von 2014 an im Irak und in
Syrien vor und stellte auch die USA und den Rest der Welt vor eine neue
Bedrohung.
Der Abzug ist eine der wichtigsten Forderungen von Iraks
Ministerpräsidenten Ali al-Saidi und den mächtigen, mit Iran verbündeten
Milizen im Land. Diese sollten eigentlich parallel zum US-Abzug ihre Waffen
abgeben. Der Schritt wurde nun aber auf Juni 2027 verschoben –
Erfolgschancen ungewiss.
## Wie begann der US-Militäreinsatz im Irak?
Das hat mit den Terroranschlägen im September 2001 in den USA zu tun. Der
damalige US-Präsident George W. Bush rief einen globalen „Krieg gegen den
Terror“ aus und prägte den Begriff der „Achse des Bösen“: Damit brandmarkte
er den Iran, den Irak und Nordkorea, Terrornetzwerke zu unterstützen.
Die USA warfen dem damaligen [1][irakischen Machthaber Saddam Hussein] vor,
[2][Verbindungen zu Al-Qaida] zu haben und Massenvernichtungswaffen
anzustreben. Beides stellte sich später als falsch heraus. Dennoch
marschierten die USA 2003 mit Verbündeten im Irak ein und stürzten Hussein,
[3][während dessen brutaler Herrschaft Hunderttausende ums Leben kamen].
## Was war die Bilanz bis 2011?
Der Einmarsch gilt unter vielen Historikern als schlechteste Entscheidung
der US-Außenpolitik der Geschichte. Es folgten Jahre von Aufständen, Chaos
und Gewalt zwischen schiitischen und sunnitischen Gruppen, bei denen etwa
4.500 US-Soldaten und Zehntausende Iraker getötet wurden. Auch Fotos von
Häftlingen im irakischen Gefängnis Abu Ghraib gingen um die Welt, gefoltert
und misshandelt von US-Militär.
In dem Krieg und danach steigerten der Iran und mit ihm verbündete Milizen
ihren Einfluss deutlich. Das Machtvakuum stärkte auch Al-Qaida und führte
später zum Entstehen des IS. Die Gesamtkosten des Kriegs wurden auf bis zu
3 Billionen US-Dollar beziffert. Zeitweise waren mehr als 160.000
US-Soldaten im Land stationiert.
## Warum folgte 2014 ein weiterer Einsatz?
Mit der blitzartigen Expansion der sunnitischen IS-Terrormiliz ab 2014
kehrten US-Truppen auf Gesuch Bagdads zurück. Im ausgerufenen „Kalifat“ des
IS wurden Schiiten und die jesidische Minderheit ermordet und die Welt mit
Videos von Hinrichtungen in Schrecken versetzt. Terroranschläge brachten
die Gefahr des IS bis nach Europa und in die USA.
Mit der US-geführten „Operation Inherent Resolve“ (OIR), der sich mehr als
80 Länder anschlossen, begann der Kampf um die Befreiung Iraks und Syriens
von der IS-Gewaltherrschaft. Die verlustreichen Schlachten zogen sich teils
über Wochen und Monate. Die britische Organisation Airwars zählte 1.400
Tote der US-Koalition und schätzungsweise bis zu 13.000 getötete
Zivilisten. Auch die Bundeswehr beteiligte sich seit 2015 an dem Einsatz.
Der Sieg nach Zehntausenden Luftangriffen war nur möglich mit Hilfe
[4][örtlicher Bodenkämpfer, darunter kurdische Peschmerga]. Heute
konzentriere sich der IS im Irak auf „das eigene Überleben“ heißt es im
aktuellen OIR-Bericht. Dort wie in Syrien, von wo das US-Militär im April
abzog, gebe es so wenig Angriffe wie zuletzt 2013. Tausende IS-Gefangene
sitzen heute in irakischen Gefängnissen.
## Welche Rolle spielt der Abzug im Irankrieg?
Der Schritt spielt dem Iran in die Hände, denn er kann seine Macht im Irak
erhalten oder ausbauen. Die Milizen können weiter US-Einrichtungen oder
Energie-Infrastruktur in den Golfstaaten angreifen. Kritiker fürchten eine
Wiederholung des US-Abzugs aus Afghanistan: ein militärischer Abschied,
ohne Gefahren ausreichend einzudämmen. Die Milizen verlieren mit den
US-Soldaten aber auch eines ihrer Hauptargumente für den bewaffneten
„Widerstand“.
Washington wird weiter auf deren Entwaffnung dringen. Das Ziel sollte nicht
sein, den Irak gegen den Iran aufzubringen, sagt Lahib Higel von der Crisis
Group. Dafür sei der Iran im Irak politisch zu mächtig und auch ein zu
wichtiger Wirtschaftspartner. „Der Irak braucht Raum, um seine eigene
Balance zu finden“, sagt Higel zum Spagat zwischen Teheran und Washington.
Noch stärker gefährdet sind jetzt vor allem die Kurden, die im Krieg
hundertfach angegriffen wurden und die nun ihren wichtigsten Schutzschild
verlieren. Sie müssen wie in Syrien auch um ihr Projekt für eine
Selbstverwaltung bangen, die vor allem mit Schutz des Westens entstand,
schreibt die Denkfabrik Atlantic Council. Der kurdische Ministerpräsident
Masrur Barsani spricht in einem Interview von einer „Schande“.
## Wie blicken die USA heute auf den Irakkrieg zurück?
Die Mehrheit der Amerikaner geht Umfragen zufolge nicht davon aus, dass der
Krieg die USA sicherer gemacht hat. Der Abzug passt zum erklärten Ziel
Trumps, US-Militäreinsätze im Nahen Osten herunterzufahren und die „ewigen
Kriege“ zu beenden. Allerdings könnte auch der Irankrieg, den Trump
gemeinsam mit Israel begann, ein solcher „forever war“ werden.
28 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Film-Ein-Kuchen-fuer-den-Praesidenten-zeigt-den-Irakkrieg-aus-der-Sicht-eines-Kindes/!6151999
(DIR) [2] /25-Jahre-9/11/!6208155
(DIR) [3] /Massengraeber-im-Irak/!6059155
(DIR) [4] /!vn6162796/
## TAGS
(DIR) Irak-Krieg
(DIR) Irak
(DIR) Saddam Hussein
(DIR) „Islamischer Staat“ (IS)
(DIR) Schwerpunkt Iran-Krieg
(DIR) Schwerpunkt USA unter Trump
(DIR) GNS
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Türkisches Militär im Irak: Truppenrückzug in der Variante light
Die Türkei will ihre Truppen aus einer Basis im Irak abziehen. Doch die
Stellungen an der Grenze, die dem Kampf gegen die PKK dienten, bleiben
weiterhin.
(DIR) Konflikt zwischen Saudis und Huthis: Saudi-Arabien blickt sich hilfesuchend um
Der Angriff auf Riad markiert den Höhepunkt der Eskalation zwischen der
Huthi-Miliz und den Saudis. Können Letztere auf internationalen Beistand
setzen?
(DIR) 25 Jahre nach 9/11: Der langsame Niedergang al-Qaidas
25 Jahre nach dem 11. September spielt das Terrornetzwerk al-Qaida in der
arabischen Welt kaum noch eine Rolle. Die Region beschäftigt heute vor
allem die Palästinafrage.