# taz.de -- 25 Jahre nach 9/11: Der langsame Niedergang al-Qaidas
> 25 Jahre nach dem 11. September spielt das Terrornetzwerk al-Qaida in der
> arabischen Welt kaum noch eine Rolle. Die Region beschäftigt heute vor
> allem die Palästinafrage.
(IMG) Bild: 9/11 und Al-Kaida: Der Westen war nicht ihr einziger Feind
Ein Vierteljahrhundert nachdem 19 Attentäter in die Flugzeuge stiegen,
[1][um ihre tödliche Mission im Auftrag des Terrornetzwerks al-Qaida zu
erfüllen], ist die Nahostregion eine andere. Al-Qaida und deren
Konkurrenten und Nachfolger vom IS, dem sogenannten Islamischen Staat,
haben ihren Zenit lange überschritten. Ihre Idee, mit Militanz und einer
islamischen Steinzeit-Ideologie die Region verändern zu wollen, ist
gescheitert.
Man darf nicht vergessen: Bevor sich al-Qaida gegen den Westen richtete,
bekämpfte es die arabischen Regimes in der Region, die es als unislamisch
brandmarkte, und ihre Gesellschaften. In der westlichen Nabelschau wird
gerne vergessen, dass die mit Abstand meisten Opfer des militanten
Islamismus selbst Muslime in der Region waren.
Ein Vierteljahrhundert nach 9/11 ist klar, dass eine große Mehrheit der
Menschen in der Region islamistische Militanz ablehnt. Mit einer Ausnahme:
wenn sie sich gegen eine als illegitim empfundene Besatzungsmacht richtet,
sei es gegen die US-Besatzung des Irak oder die israelische Besatzung im
Westjordanland, in Gaza oder im Südlibanon.
## Wie man die Herzen der Menschen erobert
Aber auch alle anderen Versuche, die Region mit Gewalt zu verändern, sind
gescheitert. Auch die USA haben es selbst mit der stärksten Armee der Welt
nicht geschafft, die Kräfteverhältnisse im Irak langfristig in ihrem Sinne
zu verändern. Und auch im Krieg mit dem Iran zeichnet sich ab, dass die USA
und Israel als stärkste Militärmacht der Region erneut an ihre Grenzen
stoßen. Mit Gewalt Veränderungen zu erzwingen, hat sich als nicht
nachhaltig erwiesen. Die Herzen der Menschen erobert man so ohnehin nicht.
[2][Der „Arabische Frühling“ im Jahr 2011], der fast zehn Jahre nach dem
11. September 2001 die Region ergriff, war die Antithese zu al-Qaida. Die
friedliche „Arabellion“ war eine Massenbewegung für Demokratie und
Menschenrechte. Auf dem Tahrirplatz und anderswo gingen die Menschen damals
weitgehend friedlich auf die Barrikaden, weil sie sahen, dass die
verknöcherten autokratischen Systeme der Region keines ihre Probleme lösten
und sie nur in die eigene Tasche wirtschafteten. Das Herz eines großen
Teils der arabischen Welt schlug damals auf dem Tahrirplatz in Kairo.
Der Aufbruch scheiterte auch daran, dass es den verschiedenen
gesellschaftlichen Strömungen – von säkular, links, liberal bis zu
konservativ und islamistisch – nicht gelang, Kompromisse zu finden. In
Ägypten riss das Militär wieder mit Repression und Gewalt die Macht an
sich. Unterstützt wurde es dabei von den reichen Golfstaaten, denen jedes
arabisch-demokratische Experiment ein Dorn im Auge ist, weil es auch die
eigene autokratische Herrschaft bedroht.
## Saudi-Arabien ist kein ideologischer Sponsor mehr
Für den langsamen Niedergang al-Qaidas gibt es aber noch einen weiteren
Grund. Saudi-Arabien – das Land, aus dem 15 der 19 Attentäter des 11.
Septembers stammten –, hat sich [3][in den letzten 25 Jahren
gesellschaftlich stark verändert]. Es ist zwar immer noch ein
autokratischer Staat, in dem der Kronprinz Muhammad Bin Salman, kurz MBS
genannt, den Kurs bestimmt. Aber er hat im Zuge seiner Mission, sein Land
zu modernisieren, die jahrzehntelange Allianz zwischen dem saudischen
Königshaus und den erzkonservativen Wahhabiten aufgekündigt.
Die Wahhabiten bestimmten lange das religiöse und gesellschaftliche Leben
Saudi-Arabiens und lieferten den ideologischen Überbau. MBS hat ihren
Einfluss inzwischen stark zurückgedrängt. Damit verlor auch der militante
sunnitische Islamismus einen wichtigen ideologischen Bezugspunkt.
Dafür hat sich der Konflikt schiitischer Milizen mit dem Westen durch den
[4][israelisch-amerikanischen Angriff auf Iran] wieder verschärft. Das ist
bemerkenswert, denn trotz der antiamerikanischen Rhetorik und Ideologie des
iranischen Regimes gab es da zuletzt durchaus Zwischentöne. So feierten
viele Schiiten im Irak zunächst den [5][Sturz des von ihnen gehassten
irakischen Diktators Saddan Husseins] und jubelten den US-Truppen anfangs
als Befreier von dessen Tyrannei zu.
## Schiitische Milizen kämpfen wieder gegen die USA
Je mehr sich die US-Besatzung des Irak in die Länge zog, um so mehr erhoben
auch schiitische Milizen ihre Waffen gegen sie. Als der
sunnitisch-islamistische IS, der auch Schiiten als „Ungläubige“ ansah und
bedrohte, große Teile des Irak und Syriens übernahm, wurde die USA dann
wieder zu einem Partner. Die schiitischen Milizen im Irak stellten einen
großen Teil der Bodentruppen in der Anti-IS-Allianz, die – mit tatkräftiger
Unterstützung der US-Luftwaffe – gegen die militanten sunnitischen
IS-Dschihadisten vorging.
Es war eine kurzlebige Zweckallianz. Heute schießen die gleichen
schiitischen Milizen ihre Raketen, als Reaktion auf den Angriff der USA auf
den Iran, auf US-Stützpunkte im Irak und in dessen Nachbarländern am Golf.
Noch etwas anderes hat sich in der Region verschoben. Auch die
Palästinafrage rückte für die meisten arabischen Regimes zunehmend in den
Hintergrund. Einige von ihnen, darunter die Vereinigten Arabischen Emirate
und Marokko, normalisierten vor sechs Jahren ihre Beziehungen zu Israel.
Viel Gegenwind gab es dafür damals nicht.
## Die Rückkehr der Palästinafrage
Heute ist die Palästinenserfrage wieder [6][mit Wucht auf der Tagesordnung
zurückgekehrt]. Saudi-Arabien, von dem Israel und die USA gehofft hatten,
es als Nächstes zu einer Unterschrift unter das „Abraham-Abkommen“ bewegen
zu können, will davon nichts mehr wissen. Und die arabische Öffentlichkeit
verfolgt mit Grauen die ethnische Säuberung des Westjordanlands und die
immer noch täglichen israelischen Angriffe im Gazastreifen und im Libanon.
Militante Organisationen wie die Hamas oder die Hisbollah, die in Teilen
der arabischen Welt vor allem als Widerstandsbewegungen wahrgenommen
werden, wurden durch die israelischen Kriege in Gaza und im Libanon zwar
geschwächt, existieren aber weiter. Beide wollen ihre Waffen nicht ablegen,
solange Israel große Teile des Gazastreifens [7][und des Libanon besetzt
hält].
Al-Qaida & Co aber sind Geschichte. Das ist wohl der Grund, warum sie in
der Region heute nur noch als Randnotiz wahrgenommen werden.
11 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Karim El-Gawhary
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