# taz.de -- Mitglied der Band „Das Ich“: Bruno Kramm ist tot und ich bin ihm etwas schuldig
> Er war einer der Miterfinder von Dark Wave in Deutschland, stand ewig als
> Untoter auf der Bühne und hat nun auch in der Wirklichkeit Ernst gemacht.
(IMG) Bild: Bruno Kramm auf der Bühne
Bruno Kramm ist in der Nacht zum Samstag nach einem Konzert seiner Band Das
Ich im spanischen Granada gestorben. Nach dem Auftritt brach er in der
Garderobe zusammen; die genaue Todesursache ist bislang nicht
veröffentlicht. Er wurde 58 Jahre alt.
Ich starre auf diese Nachricht und kann nicht aufhören, darüber
nachzudenken. Ernsthaft, Bruno?, denke ich. 58 ist doch kein Alter zum
Sterben. Schon gar nicht als Grufti. Wer jahrzehntelang als Untoter über
Bühnen zieht, könnte wenigstens beim echten Tod ein bisschen weniger
konsequent sein. Und während ich grübele, merke ich, dass mich diese
Nachricht viel härter trifft, als ich erwartet hätte. Sie führt ziemlich
genau dorthin zurück, wo für mich selbst einmal etwas anfing.
Denn vor 31 Jahren, im April 1995, erschien an dieser Stelle mein
allererster Text für diese Zeitung über Bruno Kramms Band Das Ich. Er hieß
[1][„Gruftige Perfektion: Das Ich litt musizierend in Potsdam“]. Ich war 23
und neu im Geschäft. Ich wollte über eine Musik schreiben, die damals von
vielen männlichen Musikjournalisten eher belächelt als ernst genommen
wurde. Dabei war die schwarze Szene längst erfolgreicher als manches,
worüber sie mit jovialem Gestus schrieben.
## Gottes Tod
Bruno Kramm und Stefan Ackermann hatten etwas geschaffen, das kaum in die
feuilletonistischen Schubladen passte: Neue Deutsche Todeskunst nannte man
das. Elektronik, Dark Wave, Pathos, deutsche Texte über Gott, Tod, Schuld,
Körper und andere Abgründe. Und live sah das so aus, wie ich es damals
unbeholfen, wie furchtlos beschrieb: Sänger Stefan Ackermann stand dort
„mit dem wackelnden Schädel eines Gnoms aus der ‚Unendlichen Geschichte‘“,
gemeinsam mit Bruno Kramm ackerte er sich an „unserer Oberflächenwelt“ ab,
an „Krieg und Zerstörung“, an „Bitterkeit und Winterzeit“.
Ein paar Jahre vor ihrem Konzert hatte ich Bruno und Stefan in Bayreuth
kennengelernt. Ihr erstes Album „Satanische Verse“ war noch nicht
erschienen. Sie empfingen mich in Jogginghosen, sehr ungruftig also, und
servierten mitten in der Arbeit für ihr Kassettenlabel stinknormale belegte
Brötchen mit immerhin schwarzem Tee. Hunderte Tapes mussten aufgenommen,
eingetütet und verschickt werden. „Gottes Tod“, einer ihrer berühmtesten
Songs bis heute, war so erfolgreich geworden, dass aus einer Szeneidee
Logistik geworden war. Damals begriff ich, dass hier nicht irgendein
Randphänomen verwaltet wurde. Direkt vor meinen Augen entstand eine
Gegenkultur mit eigenem Publikum und eigener Ästhetik – [2][und mit einer
Reichweite, die viele Musikinteressierte bis heute unterschätzen.]
Bruno war schon damals ganz anders, als seine Musik vermuten ließ – er war
viel mehr als nur der Keyboarder, Komponist und Produzent von Das Ich, ein
Multiinstrumentalist und irrer Tüftler. Er war auch warmherzig und
verbindlich – und er übernahm Verantwortung. Mit seinem Plattenlabel Danse
Macabre baute er eine Infrastruktur für eine ganze Szene auf. Dass diese
heute als eine der ersten gesamtdeutschen betrachtet wird, die sich noch
dazu gehalten hat: Das hat auch mit Leuten wie ihm zu tun.
## Wie eine Nachricht aus einer anderen Welt
Und noch etwas: Bruno dachte Musik auch als Arbeit – und deshalb als Frage
von Urheberrecht, Verteilung und Macht. Er engagierte sich zunächst bei den
Grünen, später bei den Piraten, deren Berliner Landesvorsitzender er
zeitweise war. Ihn beschäftigte, was die Digitalisierung mit
Künstler*innen macht und wer eigentlich an ihrem Zeug verdient. Auch
deshalb gab er sein Label und seine Band bis zum Schluss nicht aus der
Hand.
Dann gingen die Jahre vorbei. Ich verlor Bruno aus den Augen, wie man
Menschen aus den Augen verliert, die einem mal wichtig waren, weil es so
unvorstellbar ist, dass es diese Menschen einfach mal weg sein könnten.
Aber wenn ich auf meinen vergilbten und nach Keller riechenden Text schaue,
den ich mir damals ausgeschnitten und aufgeklebt habe, dann sehe ich nicht
nur Bruno.
Ich sehe mich wie in einer Nachricht aus einer anderen Welt auch selbst am
Beginn von etwas. Dass der Artikel damals gedruckt wurde, war für mich ein
winziger, aber wichtiger Triumph. Offenbar hatten meine zukünftigen
Kollegen Respekt vor einer 23-Jährigen, die plötzlich erklärte, dass der
Kram wichtig sei, über den sie selbst kaum schreiben wollten.
Also: Danke, Bruno. Dafür, dass ihr so seltsam wart. Und dafür, dass ich an
euch ausprobieren durfte, wie es sich anfühlt, journalistisch einer eigenen
Wahrnehmung zu trauen. Ich bleibe weiter hier, in dieser Zeitung, während
du auf die Reise gehst. Meine Gedanken sind bei deiner Familie, deinen
Freunden und Fans. Ich hätte gern noch eine Zugabe gehabt.
28 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Nachschlag/!1514116/
(DIR) [2] /40-Jahre-Gothic-Bewegung/!5868798
## AUTOREN
(DIR) Susanne Messmer
## TAGS
(DIR) Gothic
(DIR) Postpunk
(DIR) Musikmarkt
(DIR) Reden wir darüber
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Berlins Piratenchef Bruno Kramm: „Wir machen jetzt coole Aktionen“
Bei der Berlin-Wahl scheitern die Piraten fast auf ganzer Linie. Landeschef
Kramm ficht das nicht an. Er will sich für die Kultur einsetzen.
(DIR) Bruno Kramm klagt gegen die Gema: Der Künstler kümmert sich selbst
Der Piratenpolitiker und Gothic-Musiker Bruno Kramm zieht
öffentlichkeitswirksam gegen die Gema vor Gericht. Es geht um Tantiemen für
Musikverlage.
(DIR) Petition zum Leistungsschutzrecht: Zum Scheitern verurteilt?
Die E-Petition des Piraten Bruno Kramm hat das Ziel von 50.000 Mitzeichnern
deutlich verfehlt. War das absehbar? Und: Ist das überhaupt schlimm?