# taz.de -- A24-Doku über Elizabeth Holmes: Der perfekte Trailer
       
       > Es gibt selten gute Filmtrailer. Der von „You Can See Everything“ macht
       > selbst diejenigen heiß auf die Doku, die noch nie von Elizabeth Holmes
       > gehört haben.
       
 (IMG) Bild: Elizabeth Holmes, heute 42 Jahre alt, war die erste Selfmade-Milliardärin der Welt
       
       Ich bin verabredet, um [1][„Synecdoche, New York“] von [2][Charlie Kaufman]
       erneut anzusehen. Ein Theaterregisseur, der sich in einer
       existenziell-hypochondrisch-depressiven Krise befindet, will darin ein
       realistisches Stück inszenieren und baut dafür eine lebensgroße Replik von
       New York in einer gigantischen Lagerhalle nach.
       
       Jede noch so kleine Alltagsszene findet Platz, jede Person kommt als Figur
       vor, auch der Regisseur wird gespielt – irgendwann castet dieser
       Schauspieler einen weiteren Schauspieler, der ihn verkörpern soll.
       
       Eine Synekdoche ist eine rhetorische Figur, bei der ein Wort durch ein
       anderes ähnliches ersetzt wird, das das Gleiche bedeuten soll. Oft ist
       dieses Wort nur ein kleinerer Teil des ursprünglichen Wortes, zum Beispiel
       Tropfen für Wein, das Dach für das Haus, oder pro Nase für pro Person. Ein
       kleiner Ausschnitt soll auf was Großes deuten.
       
       Aus Neugier suche ich [3][den Trailer] für den Film – ebenfalls ein kleiner
       Ausschnitt eines Ganzen, der dieses Ganze beschreiben soll. Und wie die
       Synekdochen im Film ebenfalls zutiefst unvollkommen. Der Trailer hat es
       nicht gerade leicht, die surreale Handlung einzufangen, und dennoch merke
       ich mal wieder: Ich verabscheue Trailer. Sie nehmen die besten Momente zur
       schlechtesten Musik vorweg und wollen mir vorher sagen, wie ich den Film zu
       verstehen habe. Jede Szene ist ein Spoiler.
       
       ## Die erste Selfmade-Milliardärin der Welt
       
       Aber es gibt sie auch, die guten Trailer. Das sind sie dann, wenn sie nicht
       der Formel „Schnelle Schnitte + dramatische Musik + den gesamten Plot
       verraten + WOOOOOM WOOOOOM“ folgen, sondern wenn sie sich etwa trauen, nur
       eine einzige starke Szene zu präsentieren.
       
       Eine Frau, die wie eine Puppe wirkt, ein unheimliches Lächeln, weit
       aufgerissene, blaue Augen, sagt den Satz: „Natürlich täusche ich dich
       nicht. Warum würde ich das tun?“ Sie blinzelt dabei kein einziges Mal,
       starrt ihr Gegenüber, den Comedian und Regisseur Nathan Fielder, an, der
       sichtlich verunsichert ist.
       
       [4][Die Szene aus „You Can See Everything“] wurde millionenfach angesehen
       und könnte aus einem Psychofilm stammen. Tatsächlich handelt es sich um
       eine Doku. Darin geht es um die erste Selfmade-Milliardärin der Welt, die
       heute 42-jährige [5][Elizabeth Holmes], deren Biotech-Unternehmen Theranos
       als Betrug enttarnt und 2018 aufgelöst wurde. Seit 2023 sitzt sie im
       Gefängnis in Texas.
       
       Dass es sich bei der Szene nicht um zwei Schauspieler_innen handelt,
       sondern um reale Menschen in einer kurzen, beklemmenden Interaktion, dass
       nicht klar ist, worum es geht, dass Holmes beteuert, die Wahrheit zu sagen,
       und dabei irre aussieht, macht, dass diese Vorschau funktioniert. [6][Ein
       neuer, ausführlicher Trailer], der nun erschien, folgt zwar etwas mehr der
       Trailerformel (besonders schnelle Schnitte und Wooooom Wooooom), bleibt
       aber wenigstens mysteriös.
       
       Als ich neulich mit einem Freund einen Film raussuchen möchte, schlägt er
       vor, den Trailer anzusehen. Ich bin entsetzt. Mit einer weiteren Person
       einen Film gucken ist ohnehin heikel: Guckt sie dabei aufs Handy? (Ich
       auch, aber legitim, da ich nachschlage, wo der Regisseur zuvor Regie
       führte.) Redet sie zu viel? (Bei mir in Ordnung, wenn ich bei jeder neuen
       Figur sage: „Ah, das ist doch der von diesem und jenem Film“.)
       
       Jedes Verhalten, das von den in meinem Fall natürlich harmlosen bis
       niedlichen Marotten abweicht, könnte zum Problem werden. Genau wie das
       absurde Wort „Trailer“ in die Youtube-Suchleiste einzutippen.
       
       29 Sep 2026
       
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