# taz.de -- Linke fordert Aufklärung: Wer hat Gaza die Daten gestohlen – und wozu?
       
       > Das Welternährungsprogramm wurde im Mai Opfer eines gigantischen
       > Cyber-Angriffs. Es dürften praktisch alle Menschen im Gazastreifen
       > betroffen sein.
       
 (IMG) Bild: Welternährungsprogramm verteilt Lebensmittelhilfe im Gazastreifen, die Daten der Empfänger wurden gehackt. Täter und Motiv unklar
       
       Das Welternährungsprogramm (WFP) [1][ist für die Menschen im Gazastreifen
       überlebenswichtig, es ist im Krieg mit Israel die wichtigste Säule für die
       Versorgung mit grundlegenden Nahrungsmitteln wie Brot]. Aber: Im Mai wurde
       die Institution, die zu den Vereinten Nationen gehört, Opfer eines
       Cyberangriffs – und erlitt das größte Datenleck in der Geschichte der
       humanitären Hilfe. Das dürfte große Teile der Bevölkerung in Gaza
       betreffen. Die Linke kritisiert nun die Bundesregierung: Deutschland müsse
       sich stärker für eine Aufarbeitung einsetzen.
       
       Abgeordnete der Partei hatten das Bundesentwicklungsministerium danach
       [2][gefragt], was die Regierung über den Vorfall wisse. „Die
       Bundesregierung verfügt nur in begrenztem Umfang über Kenntnisse der bei
       WFP eingesetzten technischen Systemlandschaft“, steht in der Antwort. Und
       weiter: „Die Art und Weise der Nutzung der für die Arbeit eingesetzten
       technischen Systeme obliegt WFP in eigener Verantwortung“.
       
       Das sieht die linke Bundestagsabgeordnete Charlotte Neuhäuser anders.
       „Hunderttausende sensible Daten einer UN-Organisation werden gehackt, und
       die Bundesregierung schaut einfach zu: Das ist grob fahrlässig und
       gefährlich für die Betroffenen“, sagt Neuhäuser, die in ihrer Fraktion
       Sprecherin für globale Gerechtigkeit ist.
       
       Am 14. Mai 2026 waren Hacker in die Datenbanken des Welternährungsprogramms
       (WFP) eingebrochen. Sie stahlen die persönlichen Daten von über 600.000
       Haushalten in Gaza, die bei der Agentur der Vereinten Nationen registriert
       waren: Namen, Ausweis- und Handynummern, Standorte.
       
       ## WFP informierte spät über den Angriff
       
       Wie viele Menschen genau betroffen sind, darüber macht das WFP keine
       genauen Angaben. Rechnet man mit drei Mitgliedern pro Haushalt, wären 1,8
       Millionen Menschen betroffen, fast die gesamte Bevölkerung. Brisant ist der
       Fall auch deswegen, weil das WFP über zwei Wochen gebraucht hat, um die
       Betroffenen zu informieren. Erst im Juni trat es damit an die
       Öffentlichkeit.
       
       Immer noch ist vollkommen unklar, wer die Daten gestohlen hat und zu
       welchem Zweck. Expert*innen befürchten, dass diese Informationen von
       Militär oder Geheimdiensten genutzt werden können, um Personen zu orten und
       sie beispielsweise als Ziele für Angriffe zu markieren.
       
       Das WFP schweigt. Auch gegenüber der taz. Auf eine Anfrage zu dem Vorfall
       reagierte die UN-Behörde nicht.
       
       Charlotte Neuhäuser will, dass die Regierung ihre Stellung als großer
       Geldgeber und Exekutivratsmitglied nutzt, um Druck auf das
       Welternährungsprogramm auszuüben. Das solle seine Cybersicherheit stärken.
       Kritisch sieht sie in dem Zusammenhang auch die Zusammenarbeit mit dem
       US-Konzern [3][Palantir]. Mit dem betreibt das WFP die Softwareplattform
       DOTS zum Management von Logistikdaten, um die Lebensmitteltransporte in
       Krisengebiete zu planen.
       
       Palantir arbeitet gleichzeitig eng mit dem israelischen
       Verteidigungsministerium und der israelischen Armee zusammen, stellt
       Datenanalyse- und KI-gestützte Systeme für militärische Zwecke bereit. Ein
       Risiko für Menschen in Gaza, meint Neuhäuser. Deutschland müsse beim
       Welternährungsprogramm sein Veto für die Kooperation einlegen.
       
       Aber: Von dem Cyberangriff im Mai war DOTS nicht betroffen. Das Datenleck
       betraf stattdessen die App, mit der sich vertriebene Menschen in Gaza für
       Lebensmittelhilfen registrieren. Sie stammt nicht von Palantir.
       
       Die Bundesregierung schreibt in ihrer Antwort auf die Linken-Anfrage, sie
       nehme „die möglichen Risiken, die mit einer Zusammenarbeit von WFP mit
       Palantir im Gazastreifen verbunden sind, ernst“. Die UN-Organisation habe
       der Bundesregierung jedoch versichert, dass der Datenzugang für Palantir
       wie für jeden anderen Anbieter vertraglich abgesichert und auf die zur
       Erbringung der Dienstleistung unbedingt erforderlichen Informationen
       beschränkt sei. „Es werden keine persönlichen Informationen der von WFP
       unterstützten Personen auf Plattformen von Palantir verarbeitet.“
       
       Auf Nachfrage der taz schreibt das Bundesentwicklungsministerium, die
       Bundesregierung setze sich gegenüber dem WFP „nachdrücklich dafür ein, dass
       es hohe Standards bei Datenschutz, Datensicherheit, digitaler
       Unabhängigkeit“ wahrt und diese „im Lichte neuer Erkenntnisse
       fortentwickelt“.
       
       ## Mängel bei der IT-Sicherheit schon lange bekannt
       
       Hinweise darauf, dass das nötig ist, gibt es schon lange. Sie stammen teils
       aus internen Gutachten des Welternährungsprogramms, aber etwa auch vom
       Bundesrechnungshof in Deutschland. Der hat seit 2022 ein Mandat als
       externer Prüfer des WFP und beklagte bereits erhebliche Mängel in der
       IT-Landschaft der Organisation.
       
       Könnte aber Deutschland mehr dagegen tun? Die Antwort ist kompliziert. Im
       Alleingang könne Deutschland schließlich nicht über IT-Vorgänge einer
       UN-Institution entscheiden oder die Nutzung von gewissen Programmen
       verbieten, erklärt Matthias Goldmann, Professor für Internationales Recht
       an der EBS Universität für Wirtschaft und Recht in Hessen.
       
       Der finanzielle Hebel sei zweischneidig. „Man könnte natürlich sagen:
       ‚Okay, wir zahlen für dieses Projekt keinen freiwilligen Beitrag mehr, wenn
       ihr nicht dies oder das macht‘“, so der Jurist. „Aber dann muss man auch
       sagen: Man spielt letzten Endes mit dem Leben von Menschen, gerade beim
       Welternährungsprogramm.“
       
       Die Bundesregierung könne aber zum Beispiel einen Antrag im Exekutivrat des
       Welternährungsprogramms stellen und ihre Verhandlungskraft nutzen.
       Informell könne man schon versuchen, politisch Einfluss zu nehmen. „Und
       natürlich haben die Staaten, die am meisten zahlen, einen großen Einfluss.“
       So könne man auch vorgehen, um eine unabhängige Kommission zum Datenleck zu
       fordern. Deutschland könne auch Einsicht in die IT-Infrastruktur des WFP
       verlangen. Allerdings darf sich das WFP unter Umständen weigern, die
       Informationen herausgeben.
       
       Axel Dreher, der an der Universität Heidelberg Professor für Internationale
       Wirtschafts- und Entwicklungspolitik ist, sieht das ähnlich. Außerhalb des
       Stellens von Anträgen im Exekutivrat bleibe Deutschland nur, freiwillige
       Geldbeiträgen an Bedingungen zu knüpfen. Ob das WFP sie akzeptiert, sei
       „Verhandlungssache“. Zudem könne der Präsident des Bundesrechnungshofs
       Verwaltung und Management prüfen. Das Prüfmandat der deutschen Institution
       läuft noch bis Mitte 2028.
       
       28 Sep 2026
       
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