# taz.de -- Theaterabend über Hannah Arendt: Von Bäumen zeugen nur noch Stümpfe
> Fulminant und bewegend: Das Schauspiel Stuttgart zeigt einen langen Abend
> zum Erbe Hannah Arendts, der zugleich eine Warnung für unsere Gegenwart
> ist.
(IMG) Bild: Felix Strobel als Günter Gaus und Katharina Hauter als Hannah Arendt am Schauspiel Stuttgart
Zeigen, was ist und war – diesen Ansatz, der das zu Unrecht als verstaubt
geltende Dokumentartheater reaktiviert, verfolgt das Schauspiel Stuttgart
konsequent. Wohl auch, um den Verschwörungstheorien rechter Demagogie mit
einem Wahrheitsanspruch zu begegnen.
Dafür stand auch [1][Leben und Werk der Philosophin Hannah Arendt
(1906–1975)], weswegen ihr Regisseur und Intendant Burkhard Kosminski mit
dem Stück „Zwischen zwei Menschen entsteht manchmal, wie selten, eine Welt“
einen Abend in Stuttgart widmet. Genau genommen ein knapp fünfstündiger,
mehrteiliger Marathon.
Nachdem zunächst eines der bekanntesten Fernsehinterviews mit der Autorin
nachgestellt wird, tragen Sylvana Krappatsch und Matthias Leja den
Briefwechsel zwischen ihr und ihrem akademischen Ziehvater und zeitweiligen
Liebhaber Martin Heidegger vor. Auf einer Bank sitzend, entschweben die
beiden sichtlich den realen Personen Ähnelnden nach oben. Ansonsten hält
sich die Inszenierung mit Effekten zurück.
## Der Geschichte Raum geben
Man gibt vielmehr der Geschichte Raum. In der nächsten Szene sitzt Arendt
an der Schreibmaschine, während [2][Adolf Eichmann] inmitten der Drehbühne
im Glaskasten sitzt. Er ist jener NS-Kriegsverbrecher, über dessen Prozess
die Intellektuelle 1961 in Israel berichtet. In der blinden Gefolgschaft
des von ihr als Hanswurst bezeichneten Täters identifiziert sie die
Banalität des Bösen. Durch diese Aussage sollte sie zu einer der
kontroversesten und meistdiskutierten jüdischen Denker:innen des 20.
Jahrhunderts avancieren.
Dass ihre Betrachtungen weit über die bloße Analyse des Nazi-Regimes
hinausreichten, zeigt auf lebendige Weise der zweite große Part der
Aufführung. Die Bühne betritt Daniel Cohn-Bendit. Der ehemalige
Europaabgeordnete der Grünen kannte Arendt noch persönlich und verkörpert
mit seiner Biografie ihre bereits 1940 entworfene Utopie eines geeinten
Europas. Ergreifend spannt der Politiker einen Bogen von der
Verfolgungsgeschichte seiner Eltern bis zum aktuellen Gaza-Konflikt und dem
Triumphzug der Rechtsextremisten. „Mir ist egal, was sie sagen“, so der
Ex-Politiker, „mir ist aber nicht egal, dass die anderen schweigen.“
[3][Elfriede Jelineks] frühes Werk „Totenauberg“ von 1991, eine
scharfzüngige Reflexion der Verstrickungen Martin Heideggers im Dritten
Reich, thematisiert als fulminantes Finale, worin sich der Faschismus
fortsetzt, wenn man ihn nicht bekämpft. Zum Beispiel in der Unterdrückung
der Natur. Passend zum Wohnort des Hochschullehrers, Todtnauberg im
Schwarzwald, erscheint die Landschaft von Anfang an als eine morbide.
Von Bäumen zeugen nur noch Stümpfe, auf die Holzfäller einschlagen,
dazwischen Tiertrophäen. Wichtiger als eine vitale Flora und Fauna sind ja
ohnehin die Projektionen. Daher ziehen auf der gigantischen Leinwand im
Hintergrund immer wieder Modelleisenbahnen zu Schunkelmusik und vor der
Alpenkulisse ihre Kreise.
## Volksbegehren im Dirndl
Eine nette Idylle für Tourist:innen, die am liebsten die gezähmte Wildnis
mögen. Wenn einer von ihnen (grandios: Felix Strobel) mit einem Seil die
Fläche hinaufklettert, sehen wir in den Filmstills, die mit der
Riefenstahl-Ästhetik spielen, auch nur ihn statt der Gebirge. In der
Selbstbespiegelung lässt sich eben gut verdrängen, wer unter der Heimaterde
liegt, nämlich die Ermordeten der Konzentrationslager. Als sie später mit
Totengesichtern aus dem Boden nach oben fahren, sitzt hinter ihnen das
versammelte, bierselige Wirtshaus. Im lovely Dirndl wirbt sodann noch
Katharina Hauter mit Volksbegehren gegen den Zuzug von Fremden. Nur
zahlende Gäste bitteschön!
Einen Höhepunkt dieser galligen Abrechnung mit Nationalismus und Rassismus
stellt übrigens die Aufrichtung einer zuvor umgeworfenen riesigen
Heidegger-Figur dar. Zur pathetischen Wagner-Musik und Winteraufnahmen
feiern die Jäger damit ihren Todesrausch. Krasser könnte eine Anklage
rechter, großdeutscher Sieges- und Unterdrückungsfantasien kaum ausfallen.
Obschon die spektakuläre Inszenierung zeitlich ausufert, überzeugt sie auf
ganzer Linie. Ohne ins Plakative abzugleiten, liest sie sich als souveräner
Kommentar auf autoritäre Verführungsversprechen der Gegenwart, auf die
Arendt eine Antwort gegeben hätte: Widerstand!
28 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Björn Hayer
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