# taz.de -- Philosophin über Autorität: „Wir müssen einander wieder mehr zumuten“
       
       > Lisz Hirn ist Philosophin und Autorin. Ihr neues Buch heißt „Gehorchen“.
       > Ein Gespräch über Autorität als Chance und Gegenwehr gegen Manipulation.
       
 (IMG) Bild: Gibt es ein Recht zu gehorchen oder eine Pflicht zum Widerstand?
       
       taz: Frau Hirn, Friedrich Nietzsche hat einmal gesagt: „Dem wird befohlen,
       der sich nicht selber gehorchen kann.“ Wie verstehen Sie diese Aussage? 
       
       Lisz Hirn: Nietzsche definiert Autorität ähnlich wie Hannah Arendt: Um
       einer Autorität von innen oder außen freiwillig zu gehorchen, braucht es
       Mündigkeit. Nicht eine Mündigkeit, die im aufklärerischen Sinne angeboren
       ist, sondern eine, die wir gemeinsam üben. Unmündigkeit führt dazu, dass
       wir für Befehle von außen anfällig werden.
       
       taz: Lässt sich Autorität überhaupt üben? 
       
       Hirn: Sie lässt sich zumindest nicht erzwingen. Autorität, die auf
       Mündigkeit baut, wird nicht durch einen Titel oder vom Staat verliehen, sie
       ist vielmehr anerkannter Teil des Wesens der Autoritätsperson und schafft
       Räume für freie Entfaltung.
       
       taz: Autorität, die Freiheit schafft. Das müssen Sie erklären… 
       
       Hirn: Freiheit ist etwas, das wir heutzutage ständig im politischen Kontext
       serviert bekommen, meist überschwänglich und unumstößlich. Mir fällt aber
       bei Freiheit vor allem Slavoj Žižeks Buch „Freedom: A disease without cure“
       ein, in dem er Autorität als notwendig ansieht, um Freiheit zu ermöglichen,
       gleichzeitig aber davor warnt, dass Autorität im Zuge dessen auch als wahr
       und unanfechtbar präsentiert wird. Deswegen ist Autorität in einem
       politischen Kontext auch so gefährlich, vor allem, wenn ihre Entfaltung
       nicht mehr nachvollziehbar ist.
       
       taz: Wie kann Autorität legitimer werden? 
       
       Hirn: Wir müssen sie als strukturelle Gegebenheit ansehen, egal ob in der
       Politik oder im Erziehungs- und Bildungsbereich, die Freiräume schafft.
       Eine Notwendigkeit, die gleichzeitig orientiert und auf Einverständnis
       beruht. Als Kind bin ich dem elterlichen und schulischem Zwang noch
       unterworfen, weil meine Mündigkeit sich noch ausbildet. Auf Universitäten
       geht es darum, mich, mit Hilfe von Autorität, zu bilden, nicht mich
       erziehen zu lassen.
       
       In meinem Buch spreche ich in diesem Zusammenhang digitale Autorität an,
       die eben keine Mündigkeit oder Meinungsbildung fördert, sondern auf
       Gefälligkeiten regiert und meinen Horizont, meine Wahlmöglichkeiten und
       somit meine Freiheit einschränkt. Digitale Medien fordern nicht heraus,
       sich weiterzuentwickeln, sondern halten User auf dem Level, auf dem sie
       gerade sind. Das ist das Gegenteil dessen, was Autorität tun sollte.
       
       taz: Sie sprachen Erziehung an. Wie autoritär sollten Eltern heutzutage
       sein? 
       
       Hirn: Ich empfinde ein Autoritätsverständnis als zuträglich, in dem ein
       Erziehungsberechtigter sich als mitverantwortlicher Teil der Umwelt sieht
       und den Kindern dabei hilft, sich einzufinden, statt eine
       Erziehungsvorstellung zu vertreten, bei der man die Welt als unwirtlichen
       Ort präsentiert, mit dem man eigentlich nichts zu tun haben will, in dem
       man aber irgendwie durchkommen muss.
       
       Die Frage für mich ist: Wie schafft es elterliche Autorität jenseits von
       klassischem autoritären Fingerzeig und Disziplinierung, im Sinne von
       Arendt, das Gedeihen zu fördern? Erziehung ist auch die Zeit, in der
       Ungehorsam erprobt wird, eine Fertigkeit, die später wichtig ist. Dazu
       braucht es auch Autorität als Übungsobjekt.
       
       taz: Wo steht Autorität heute? 
       
       Hirn: Wir haben uns in unserer neoliberalen Welt daran gewöhnt, uns immer
       vermeintlich treu zu bleiben und auf das Bauchgefühl zu hören, ohne dass
       jemand von außen dazwischenfunkt. Das hat sich in den letzten 10 bis 15
       Jahren, vorsichtig ausgedrückt, als ziemlich fehleranfällig erweisen. Ein
       Akt des Ungehorsams, um alte Strukturen aufzubrechen und sich
       weiterzuentwickeln, ist schwierig zu platzieren, wenn sowieso alle machen,
       was sie wollen.
       
       Philosophisch gesehen ist ein Aufbegehren gegen das Establishment
       heutzutage somit ein radikales Hinterfragen seiner selbst – ein gesundes
       Misstrauen gegenüber den eigenen eingefahrenen Überzeugungen. Es geht
       darum, sich selbst und den anderen wieder mehr zuzumuten, sich gegenseitig
       zuzuhören, zu streiten und neues Vertrauen zu schaffen. Gegen den Begriff
       des Vertrauens habe ich mich lange gewehrt.
       
       taz: Warum? 
       
       Hirn: Weil er mich an Selbsthilfebücher erinnert. Aber in Vertrauen steckt
       auch Zumuten, Wagen und Verfehlungen einräumen. Das ist die Grundlage für
       das Schaffen von Beziehungen, eine Fähigkeit, die uns immer mehr abhanden
       zu kommen scheint. Ich glaube, daran können wir arbeiten, nicht nur im
       Privaten, sondern auch in Politik und Wissenschaft.
       
       taz: Vertrauen bedeutet, auch Risiken einzugehen? 
       
       Hirn: Ja, das gezielte Zumuten ist auch eine Art Ethik des Abenteuers,
       nicht im Sinne von „Thrill-Seeking“ und kurzweiligen Adrenalinstößen, mehr
       im Sinne von „Skill-Seeking“, also der Erweiterung individueller
       Handlungsspielräume und kollektiver Beziehungsfähigkeit mit jeder
       Herausforderung. In der Antike gab es die Kunstform der Kommunikation, sich
       also anderen zuzumuten und zu verhandeln. Daraus entsteht verantwortliche
       und informierte Autorität, die den Menschen in den Mittelpunkt rückt. So
       könnten wir auch KI und sonstige Technologien besser steuern.
       
       taz: Sie schreiben: „Lichtverhältnisse ordnen unser Leben, während
       Hörverhältnisse unsere Beziehung bestimmen.“ Unterschätzen wir das Hören? 
       
       Hirn: Autorität und Beziehungen entstehen durch das Hören. Die Frage ist,
       warum höre ich auf den einen und auf den anderen nicht? Und dieses Horchen
       und Zuhören ist tatsächlich etwas, das mit Stimmlichkeit und mit Präsenz zu
       tun hat, die sich in digitalen Kontexten nicht produzieren lassen. Dort
       hören wir wieder nur auf uns selbst. Wir leben zunehmend in einem Umfeld,
       in dem Zuhören aus der Mode kommt.
       
       Man ruft nicht mehr einfach so an, viele Menschen laufen den ganzen Tag mit
       Kopfhörern herum. Damit verschließen sich viele Formen des Kontaktknüpfens
       und Verstehens. Interessanterweise schauen wir in der Politik noch auf
       Situationen, in denen geredet und gehört wird. Wir möchten nicht nur
       Wahlplakate sehen, sondern auch Reden oder TV-Debatten lauschen oder mit
       Wahlkämpfern diskutieren.
       
       taz: Ist das eine Art Autoritätscheck? 
       
       Hirn: Ganz genau, ein Autoritätscheck, der uns auf einer Ebene überzeugt,
       die wir rational nicht nachvollziehen können. Diese kommunikativen
       Feinheiten und Grauzonen bergen die Möglichkeit, Beziehungen zu schaffen
       und Vertrauen aufzubauen, können aber auch manipuliert werden. Deswegen ist
       es wichtig, dass wir wieder lernen, zu horchen, vor allem in einer Zeit, in
       der alles Schriftliche zunehmend von Algorithmen erledigt wird.
       
       taz: Erich Fromm bezeichnete negative Autoritätsformen als anonyme
       Autorität, also gesichtslose, manipulative Institutionen oder, im heutigen
       Kontext, wohl KI-generierte Reels mit schädigenden Inhalten. Wie
       unterscheidet man das von förderlicher Autorität? 
       
       Hirn: Es wäre schon sehr gut, wenn wir unsere analoge Existenz nicht
       abschafften, etwa indem wir uns fragen, was der Zweck hinter dem Einsatz
       gewisser Algorithmen, Avatare und anderen Spielereien ist. Müssen wir alle
       unsere Systeme digital abhängig machen, weil wir sonst als
       technologiefeindlich gelten? Wem gegenüber eigentlich?
       
       Wir brauchen einen Gegenpol, eine Autorität, die Effizienzwahn hinterfragt,
       die uns selbstbewusster werden lässt gegenüber einer Gesellschaft, die
       Messbarkeit und Kostenersparnis über Resonanz und Effektivität stellt. Im
       Sinne einer vermeintlich digitalen Objetivität ersetzen wir Menschliches
       durch Binäres ohne Spielraum und legen den Grundstein für ein totalitäres
       System.
       
       taz: Ist der Erhalt menschlicher Resonanz der Unterschied zwischen
       Autorität und einem totalitären System? 
       
       Hirn: Es ist ein wesentlicher Aspekt davon. Technokraten sind nicht auf
       menschliche Resonanz angewiesen. Somit braucht Autorität im digitalen
       Umfeld nicht mehr verhandelt zu werden, sondern weicht Zwang und Gewalt.
       
       taz: Denken Sie, wir können Autorität dazu nutzen, Macht und Aggression zu
       regulieren? 
       
       Hirn: Autorität kann dazu beitragen, Aggressionspotenzial anders zu bündeln
       und es in Wettbewerb, Wissenschaft und Kunst zu manifestieren, statt in
       Kriegen und Konflikten.
       
       taz: Wie wollen Sie mit Ihrem Buch zur Diskussion um einen zeitgemäßen
       Umgang mit Autorität beitragen? 
       
       Hirn: Ich wünsche mir, dass die Konnotation des Autoritätsbegriffs mit
       Unterdrückung oder konservativen und rechten Weltbildern beseitelegt wird
       und ein neues Verständnis ermöglicht. Bestenfalls trägt ein philosophisches
       Buch zu einem radikalen Perspektivenwechsel bei.
       
       taz: Welche Stimmen würden Sie gern lauter im Diskurs hören? 
       
       Hirn: Die meisten Fragen bekomme ich von der Wirtschaft. Ich hingegen halte
       den Kunst- und Kulturbereich in diesem Zusammenhang für prädestiniert, weil
       es eine Disziplin ist, die sich seit jeher mit dem Thema Autorität,
       Ungehorsam und Verantwortung auseinandersetzt und in all ihren radikalen
       Formen zum Ausdruck bringt. Künstler sind auch Meister darin, unter
       Autorität zu wachsen, Mündigkeit zu entwickeln und neue Denkweisen
       aufzuzeigen.
       
       1 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Miguel Peromingo
       
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