# taz.de -- Schillers Räuber am Schauspiel Stuttgart: Mein Bruder, der Wutbürger!
> Stefan Pucher inszeniert einen erwartbaren Familienzwist. Schillers
> „Räuber“ werden am Schauspiel Stuttgart zu Extremisten der Gegenwart.
(IMG) Bild: Die Räuberbande erscheint in Stefan Puchers „Räuber“-Inszenierung im zeitgenössischen Gewand
Ehrlich gesagt geben sich beide nichts. Der eine intrigiert, wiegelt den
Vater auf, um allein an das Erbe und die Macht in der Familie zu gelangen.
Der andere gründet daraufhin eine Schlägerbande, um einen Rachefeldzug zu
beginnen. Die Rede ist von den rivalisierenden Brüdern Karl und Franz Moor
in Friedrich Schillers furiosem Debütdrama „Die Räuber“. [1][Ein
kraftvoller Sturm-und-Drang-Text über die Möglichkeiten und Grenzen der
Freiheit]. Dass dieser insbesondere in einer Epoche wiedererstarkender
autoritärer Tendenzen reichlich Anschlusspotenzial birgt, ist für jede
Regie verführerisch. Rasch drängen sich plakative Bilder auf, nach denen
letztlich auch Stefan Pucher in seiner Inszenierung für das Schauspiel
Stuttgart gegriffen hat.
Vollends erwartbar begegnet uns Karl (Felix Jordan) als Extremist mit
Raubkatzenhose. Er wähnt sich in einem übergriffigen Staat, in dem
Meinungen unterdrückt werden. Sein daraus resultierender wutbürgerlicher
Größenwahn spiegelt sich in einem eindrucksvollen Bühnenbild: Wir blicken
auf eine Wand mit langbärtigem Koloss (Bühne: Nina Peller).
Während der Systemsprenger mordend und brandstiftend durch das Land zieht,
illustrieren Projektionen auf dem Riesen sämtliche überschäumenden
Emotionen. Mal sehen wir Feuer auf dem Giganten. Mal bröckelt sein Körper
oder verwandelt sich in ein den schauerlichen Ausgang des Ganzen
vorwegnehmendes Skelett mit Totenkopf. Mitunter wird man Kampf-Helikopter
auf ihm gewahr, die recht platt die heutigen Kriege in der Gewalt des
Rebellen widerspiegeln.
## In Herrscherpose auf dem Balkon
Auf der anderen Seite der Drehbühne tauchen wir in die Einflusssphäre von
Franz (Therese Dörr) ein. Das felsige, monochrome Gebirge weist die
Silhouette eines zur Raffgier des Protagonisten passenden Raubvogels auf.
Steht Franz nicht in Herrscherpose auf dem oben gelegenen Balkon, bewegt er
sich häufig in einem vornehmlich durch Kameraaufnahmen zu sehenden Raum in
der Mitte der Kulisse. In dem buchstäblich goldenen Käfig residierte
anfangs noch sein Vater, bis Franz nach und nach dessen Besitz an sich
reißt.
Insgesamt also eine solide, wenn auch unpassionierte Realisierung des
Stoffs. Sie setzt auf stimmungsvolle Effekte. Zum Beispiel tritt die
Räuberbande nach der Pause als Hardrock-Band mit Flammenspiel auf. Ebenso
trägt die durchweg düster-psychedelische Musik zu einer atmosphärischen
Dichte bei. Gleichwohl gelingt es der Regie kaum, das Stück jenseits recht
abgegriffener Bilder zu transzendieren. Wir bekommen vor allem
Schaufenstertheater geboten, hell ausgeleuchtet, ohne besondere
Überraschungen oder ungewöhnliche Perspektiven auf einen häufig
aufgeführten Klassiker.
## Das Stück ins Hier und Heute holen
Ein wenig Neues bietet der Abend aber doch. Denn in das ursprüngliche Werk
sind Passagen des Erfolgsautors Thomas Melle eingewoben. Texte, die das
Stück ins Hier und Heute holen. Ihnen ist zu verdanken, dass eine in der
Originalfassung eher abseitige Figur, nämlich Amalia, in ein neues Licht
gerückt wird. Ursprünglich eher das verliebte Anhängsel von Karl, erscheint
sie nunmehr als emanzipierte Frau. Inmitten des geballten
Testosteronüberschusses bezieht sie Haltung. Weder gibt sie den bemühten
Avancen Franzens nach, noch will sie am Ende zu Karl zurück. Und ein Suizid
(wie bei Schiller) kommt erst recht nicht infrage.
Nein, diese Heldin problematisiert souverän die Strukturen des
Chauvinismus. Nach zähem Schlussdialog der Kontrahenten gipfelt dieser bei
Pucher in deren gegenseitiger Auslöschung. In der Umarmung töten sich die
Brüder, wissend um die auf sich geladene Schuld, die sie eint. Schillers
Tragik, sie wird damit gedoppelt. Eine entsprechend gesteigerte Intensität
vermisst man an dieser Premiere dennoch.
6 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Björn Hayer
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