# taz.de -- Jetzt auch Metro: Putin konfisziert ausländische Firmen
       
       > Russlands Präsident ‌hat die Vermögenswerte des deutschen Handelskonzerns
       > Metro per Dekret unter staatliche Verwaltung gestellt. Das ist ein Trend.
       
 (IMG) Bild: Das Danone-Milchwerk bei Moskau soll an einen Neffen des tschetschenischen Machthabers übergeben worden sein
       
       Der ‌russische Präsident Wladimir ‌Putin hat die Vermögenswerte des
       deutschen Handelskonzerns Metro in Russland unter vorübergehende staatliche
       Verwaltung gestellt. Das geht aus einem Präsidialdekret hervor, das am
       Montag veröffentlicht wurde. Einen Grund für den Schritt nennt das Dokument
       nicht. Der Großhändler hat noch 91 Märkte in Russland.
       
       Metro ist kein Einzelfall. Wenn russische Geschäftsleute nicht spuren,
       werden ihnen ihre Unternehmen entzogen. Werte ausländischer Konzerne, die
       in [1][Russland] Begehrlichkeiten wecken, landen in den Fängen kremltreuer
       Gefolgsleute. Kremlherrscher [2][Wladimir Putin] nannte die so übernommenen
       in Russland ansässigen Töchter ausländischer Unternehmen schon mal ein
       „ziemlich gutes Erbe“ – vor allem was die so erlangte Ausrüstung,
       Infrastruktur, geschultes Personal, westliche Businessprozesse angehe.
       
       Während die EU davor zurückschreckt, die in Europa eingefrorenen Hunderte
       Milliarden Euro russischer Vermögen für die Ukraine einzusetzen, will
       Putins Stellvertreter im Nationalen Sicherheitsrat, Dmitri Medwedew, noch
       mehr Beute machen: Man solle sich „an die ersten Akte der Sowjetmacht
       erinnern, auf deren Grundlage ausländische Fabriken zwangsweise
       unentgeltlich in Staatseigentum überführt wurden. Niemand hat jemals
       irgendetwas zurückgegeben“, schrieb der einstige russische Präsident und
       Premier auf seinem Telegram-Kanal am Sonnabend vorige Woche.
       
       Die Flut von Verstaatlichungen steigt immer höher: Seit der russischen
       [3][Vollinvasion in der Ukraine im Februar 2022] wurden bis Ende 2025 nach
       Angaben der führenden Moskauer Wirtschaftskanzlei Nektors, Saweljew und
       Partner (NSP) 805 Firmen mit Vermögenswerten im Wert von über 6,5 Billionen
       Rubel (68 Milliarden Euro zum aktuellen Wechselkurs) beschlagnahmt.
       
       Dass die Verstaatlichungen abgekartete Spiele sind, darauf deutet die
       anwaltliche Praxis der NSP-Advokaten hin: Ihnen zufolge dauere „der gesamte
       Enteignungsprozess etwa zwei Monate, die Sache wird meist in einer einzigen
       Gerichtsverhandlung entschieden“ – hochgradig ungewöhnlich in oft komplexen
       Fällen.
       
       ## Beschlagnahme wegen mangelnden Drohnenschutzes
       
       Vor Kurzem unterzeichnete Putin ein Dekret, dem zufolge „kritische
       Infrastruktureinrichtungen“ an den staatlichen Vermögensfonds
       Rosimuschestwo übergehen können, falls „unwirksame Maßnahmen zur Abwehr von
       Angriffen unter Einsatz unbemannter Luftfahrzeuge“ ergriffen würden.
       
       Zuletzt wurden immer wieder Raffinerien – auch des größten privaten
       Ölkonzerns Lukoil – oder Logistikzentren der Onlinehändler Wildberries und
       Ozon von ukrainischen Drohnen getroffen. Auch die „verspätete
       Wiederherstellung“ von Objekten kann laut dem Erlass ein Grund für die
       Beschlagnahme sein.
       
       Der Politologe Kirill Rogow indes fragt sich, wer eine getroffene
       Raffinerie reparieren solle, wenn in Kürze die nächste Drohne drohe. Er
       sieht Putins Ukas als Handlung von „Erbschleichern. Der Sinn des Dekrets
       ist: Wenn Ihr Objekt von ukrainischen Drohnen bombardiert wurde, ist nicht
       Putin schuld, der diesen Krieg angezettelt hat – sondern Sie selbst.“
       
       Am Wochenende wurde bekannt, dass der Ukas erstmals angewandt werden soll:
       Das Tankstellennetz Trassa, das zweitgrößte private im Großraum Moskau,
       soll daran glauben. Das berichtete die Moskauer Wirtschaftsagentur.
       Insgesamt gebe es eine – noch geheime – Liste von 167 infrage kommender
       Unternehmen, sagte Vizepremier Denis Manturow.
       
       Laut dem US-Thinktank Institute for the Study of War schaffe das Dekret
       „Voraussetzungen für eine breite Nationalisierung unter dem Vorwand des
       Schutzes vor Drohnen“. Ziel seien „zusätzliche Einnahmen für den Haushalt“.
       
       Geld in der Kremlkasse klingelt, wenn die verstaatlichten Firmen
       weiterverkauft werden oder Oligarchen dafür zahlen, dass ihre Unternehmen
       nicht unter Staatskontrolle geraten. Dafür gebe es ein „System aus
       Zuckerbrot und Peitsche“, so Maria Snegovaya, Russland-Expertin beim Center
       for Strategic and International Studies: „Der Kreml verlässt sich auf die
       unerschütterliche Loyalität seiner Leute und der wichtigsten Akteure des
       Systems.“ Oligarchen verkündeten nach einem Treffen mit Putin, „freiwillig“
       2,3 Milliarden Euro für das Staatsbudget „gespendet“ zu haben. Andere wie
       der Banker Oleg Tinkow verkauften praktisch für [4][Kopeken]: „Ich konnte
       über den Preis nicht verhandeln.“
       
       Russische Medien berichten, dass die Fabriken des US-Verpackungskonzerns
       Aptar und des französischen Molkereiriesen Danone an einen Neffen des
       Herrschers der Teilrepublik Tschetschenien gegangen sein sollen. Andere
       große ausländische Tochterunternehmen und russische Konzerne – wie die
       Agrarholding Rusagro, Flughäfen, der größte Autohändler Rolf, Goldminen,
       der schwedische Möbelhändler Ikea, Dutzende Häfen und weitere – sollen laut
       russischen Medien in den Händen von Holdings enger Putin-Freunde gelandet
       sein.
       
       VW – wo im Werk Kaluga jetzt chinesische Autos montiert werden –, die
       Baumarktkette Obi, die französische Handelskette Auchan und den Schweizer
       Lebensmittelriesen Nestlé sollen in Russland heute Bekannte wichtiger
       russischer Beamter kontrollieren. Die von Ökonom Rogow als „leuchtendes
       Beispiel staatlichen Irrsinns“ gegeißelte Umverteilung wird inzwischen
       sogar von Zentralbank-Chefin Elvira Nabiullina wegen der Enteignung von
       Kleinaktionären kritisiert.
       
       Großunternehmen versuchten, die Welle der Verstaatlichungen, die kurz nach
       Beginn der Vollinvasion in der Ukraine einsetzte und bereits zur größten
       Umverteilung von Eigentum im Land seit der Privatisierung in den 1990er
       Jahren wurde, bei ihrem jährlichen Treffen mit Putin zu stoppen. Der
       Kremlchef lehnte ab. Und Alexander Schochin, Chef vom Unternehmerverband,
       bettelte: „Wenn der Staat etwas braucht, dann gut, soll er es
       verstaatlichen – aber er soll dafür bezahlen und es vom Eigentümer kaufen.“
       
       28 Sep 2026
       
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