# taz.de -- Söldner für den Ukraine-Feldzug: Russland rekrutiert Afrikas Jugend für seinen Krieg
       
       > Russland lockt junge Menschen an die Ukraine-Front. Die Strategie dabei:
       > vermeintliche Jobangebote und finanzielle Versprechen.
       
 (IMG) Bild: Die Kenianerin Grace Kagombe zeigt das Bild ihres Mannes Martin Mburu, der für Russland gegen die Ukraine kämpfte
       
       Er wolle nicht zurück nach Senegal, sagte Maleck Diope. „Ich betrachte mich
       als Russen.“ Wenn Senegal ihn aus dem Gefängnis in Kyjiw holen wolle, habe
       er nichts dagegen. „Aber ich werde nicht dorthin zurückgehen.“
       
       Im Mai 2026 durfte Diope in einer Videokonferenz aus dem Gefängnis mit
       einigen afrikanischen Journalisten, darunter auch mir, sprechen. Diope war
       von der ukrainischen Armee gefangen genommen worden, als er auf der Seite
       der russischen Armee kämpfte.
       
       Einst war der junge Mann Student in Dakar. Nach seinem ersten Abschluss
       suchte er nach einer Möglichkeit, sein Studium fortzusetzen. 2021 erhielt
       er ein Stipendium für ein Studium in Russland. Doch als das Land 2022 die
       Ukraine überfiel, schloss er sich der russischen Armee an.
       
       Diope ist kein Einzelfall. In großer Zahl wurden [1][Afrikaner von Russlad
       rekrutiert,] um gegen die Ukraine zu kämpfen. Ukrainische Stellen sprechen
       von insgesamt 2.982 Rekruten aus 37 afrikanischen Ländern. 772 von ihnen
       sollen aus Kenia stammen, 420 aus Ägypten, 74 aus Algerien, 73 aus Mali, 48
       aus Marokko,19 aus Senegal, 17 aus Tunesien, 6 aus Libyen und 3 aus
       Mauretanien. 486 seien an der Front getötet worden, 35 Kriegsgefangene aus
       17 afrikanischen Ländern habe die Ukraine gemacht.
       
       Diope ist einer von ihnen. Er und die anderen afrikanischen Gefangenen
       geben bei der Videokonferenz verschiedene Gründe an, weshalb sie sich
       entschieden haben, auf russischer Seite zu kämpfen: Ein besseres Leben
       etwa, der Lohn sei attraktiv gewesen. In ihren Herkunftsländern in Afrika
       hätten sie wegen der grassierenden Korruption keine Perspektive für sich
       gesehen.
       
       ## Drei Kämpfer aus Mauretanien
       
       Lange hat das Geschehen in der Ukraine die meisten Menschen in Westafrika
       nicht interessiert, obwohl der Krieg sich durch gestiegene Preise für
       Lebensmittel und andere Importgüter direkt auf ihr Leben auswirkt. Doch nun
       hat sich die Situation geändert. [2][Denn Russland rekrutiert massiv
       Afrikaner für seine Armee.]
       
       Auch Mauretanien mit seinen nur gut fünf Millionen Einwohnern ist dabei ins
       Visier geraten. Nach Angaben ukrainischer Behörden haben sich mindestens
       drei Kämpfer aus Mauretanien der russischen Armee angeschlossen und kämpfen
       an der Front. Die tatsächliche Zahl könnte noch höher liegen.
       
       Russland wendet bei der Rekrutierung verschiedene Taktiken an, um junge
       Menschen anzusprechen. Am häufigsten kommen Betrugsmaschen zum Einsatz –
       und zwar meist über soziale Medien. Die NGO Truth Hounds in Kyjiw
       dokumentiert das Vorgehen. Demnach gibt es auf Facebook und Instagram
       Konten, die junge Menschen in Afrika auffordern, sich auf offene Stellen in
       Russland zu bewerben.
       
       Die Verträge sind in einer Sprache verfasst, die die Rekrutierten nicht
       verstehen. Und nachdem sie unterschrieben haben, finden sich die jungen
       Männer in der Armee wieder – ohne eine Chance, zurückzukehren. Truth Hounds
       berichtet, dass viele Menschen nach Russland kommen, ohne zu wissen, dass
       sie in den Krieg ziehen würden. Früher habe es einige Freiwillige gegeben,
       die sich aus „ideologischen Gründen“ der Armee anschlossen, so Truth
       Hounds. Heute spielten vor allem wirtschaftliche Gründe eine Rolle. Vielen
       werden ein Reisepass und die russische Staatsangehörigkeit versprochen.
       
       Erhalten würden sie diese jedoch nicht. Mouhamed Jiop ist ein in
       Mauretanien ansässiger senegalesischer Journalist, der für nationale und
       internationale Medien, darunter Voice of Africa, über die Sahelzone
       berichtet. „Die afrikanischen Regierungen müssen junge Menschen durch
       Aufklärungskampagnen über die Folgen und Gefahren informieren, die es für
       sie haben kann, wenn sie sich während eines militärischen Konflikts der
       russischen Armee anschließen“, sagt er.
       
       ## Russland nimmt die Kriegsgefangenen nicht zurück
       
       Einige der Rekruten, so sagt Jiop, verglichen ihre Entscheidung mit der
       Entscheidung, als Ortskräfte für Armeen anderer Länder, etwa der USA, zu
       arbeiten. Doch das sei irreführend, sagt Jiop. „Viele haben sich dem
       russischen Militär erst angeschlossen, als der Krieg bereits begonnen
       hatte. Das ist etwas völlig anderes als in Friedenszeiten.“ Es sei sehr
       wichtig, die Aktivitäten dieser Kämpfer zu beobachten und gleichzeitig die
       Kommunikation zwischen ihren Heimatregierungen und ihren Familien zu
       stärken. Solche Bemühungen, so glaubt er, könnten die Rechenschaftspflicht
       stärken, größeren Druck auf die Beteiligten ausüben und dazu beitragen,
       weitere Rekrutierungen zu verhindern.
       
       Die „Koordinierungsstelle für die Behandlung von Kriegsgefangenen“ erklärt
       bei einem Treffen in ihrem Hauptquartier in Kyjiw, dass die Ukraine die
       Informationen über alle Gefangenen an die Botschaften ihrer jeweiligen
       Länder weitergeleitet habe. Einige dieser Länder hätten jedoch noch
       keinerlei Schritte unternommen, um das Thema zu erörtern.
       
       Russland würde im Rahmen von Gefangenenaustauschen mit der Ukraine keine
       Kriegsgefangenen aus Afrika zurücknehmen. Das sei für deren Lage kritisch:
       Sie kämpfen auf russischer Seite, es gibt jedoch weder die Möglichkeit, sie
       nach Russland noch in ihre Heimatländer zurückzuschicken.
       
       ## Eine Kultur der Gewalt
       
       Der mauretanische Publizist Eghrini Meinouh verweist auf die „erheblichen
       geostrategischen Herausforderungen“, die die russische Präsenz in der
       Sahelzone nach sich gezogen hat. Russland hat die Beziehungen zu
       Putschregierungen in Mali, Niger und Burkina Faso in den vergangenen Jahren
       intensiviert. Das aus der Wagner-Söldnergruppe hervorgegangene
       „Afrikakorps“ Russlands hat seine Aktivitäten in der Region ausgeweitet.
       Meinouh sieht einen Zusammenhang zur „systematischen Rekrutierung“ junger
       Menschen aus diesen Ländern – durch finanzielle Anreize und militärische
       oder technische Ausbildung.
       
       Er fürchtet, dass diese Aktivitäten die Sicherheitslage in der Region
       verschärfen. „Das fördert eine Kultur, in der Gewalt als Mittel des
       politischen Wandels angesehen wird“, sagt Meinouh. So könnten Jugendliche
       künftig eher bereit sein, staatliche Autorität mit Gewalt infrage zu
       stellen – und die Region so anhaltenden Instabilität und Konflikten
       aussetzen.
       
       Die afrikanischen Länder sind sich mittlerweile darüber bewusst, dass
       Russland mit seiner Rekrutierung auf junge Afrikaner zielt. Doch nur wenige
       Regierungen haben Maßnahmen ergriffen, um diese zu stoppen. Mauretanien und
       seine Nachbarstaaten gehören nicht dazu, was dazu führen könnte, dass noch
       mehr Menschen an die Front geschickt werden.
       
       Der Gefangene Maleck Diope berichtet, in der ukrainischen Haft als
       Kriegsgefangener gut behandelt zu werden. Er warte jedoch darauf, dass
       Russland Schritte zu seiner Freilassung unternimmt. „Ich glaube, dass sich
       noch mehr junge Menschen dem Krieg anschließen werden, wenn die
       afrikanischen Regierungen sich nicht ändern“, sagt er am Ende des
       Videocalls. Sie würden es versäumen, der Jugend des Kontinents Perspektiven
       zu bieten.
       
       23 Sep 2026
       
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