# taz.de -- Allergische Erkrankungen: Kann Spuren deines Vaters enthalten
> Allergien und Neurodermitis prägen das Leben unseres Autors. Hat seine
> kleine Tochter die Krankheiten geerbt? Eine Spurensuche mit
> Selbsterkenntnis.
(IMG) Bild: Die Eltern schenkten unserem Autor ein Fotoalbum zum 18. Geburtstag, das er lange nicht gern anschaute. Heute ist das anders
An einem sonnigen Frühlingstag sitzen meine Frau und ich im Foyer einer
Kinderklinik, zehn Schritte entfernt von der Notaufnahme. Unsere Tochter,
sechs Monate alt, sitzt auf meinem Schoß. Ihre Wangen sind gerötet von der
Trage, aus der sie gerade geschlüpft ist. Im Wartebereich toben Kleinkinder
um eine Holzlokomotive. Müde Eltern träumen mit Smartphone in der Hand.
Marlene – der Name unserer Tochter wurde für diesen Text geändert – ist
nicht krank. Jedenfalls hoffen wir das. Wir sind hier, um ihr zum ersten
Mal Haselnuss zu geben. Denn wir sorgen uns, dass sie einen
anaphylaktischen Schock bekommen könnte, also eine schwere allergische
Reaktion, die lebensbedrohlich sein kann.
Nina, meine Frau, hält unserer Tochter deren ersten Löffel mit Haselnussmus
hin, aber Marlene will ihn selbst halten. Sie schwingt ihn wie ein Zepter.
Dann, mit sanftem Nachdruck meiner Frau, verschwindet er in ihrem Mund. Mir
reicht schon der Gedanke an Haselnüsse, und ein Schauer rieselt über meinen
Körper. Ich habe Allergien, so lange ich denken kann.
Dass wir unserem Baby zum ersten Mal Nüsse geben, löst in mir Beklemmungen
aus. Doch Fachgesellschaften raten heute, Kindern im ersten Lebensjahr
Allergene wie Erdnuss und Hühnerei früh zu geben – insbesondere, wenn die
Eltern „genetisch vorbelastet“ sind. Meine Kindheit war geprägt von
strikten Diäten. Lebensmittel, die meine Eltern von meinem Speiseplan
streichen sollten, geben wir unserer Tochter heute gezielt. Aber wie können
wir damit umgehen, wenn Studienlage und Bauchgefühl auseinanderklaffen?
Marlene probiert jetzt ihren zweiten Happen. Sie lehnt sich zurück, den
Kopf in den Nacken gelegt. Sie lacht. Der Mund verschmiert, zwei leuchtend
weiße Zähnchen, auf der Nasenspitze ein schwarzbrauner Klecks. Keine
Kurzatmigkeit, keine aufrauschenden Hautrötungen, nichts. „Sieht so aus,
als würde es ihr schmecken“, sagt Nina. Ich nicke. Mir ist schlecht.
## Erstes Lebensjahr, erste Lungenenzündung
Als ich etwa ein Jahr alt war – im Herbst 1986 – knackte meine Mutter im
Garten eine Haselnuss, zerkaute sie und schmierte mir den Brei in den Mund.
Meine Lippen schwollen an. Ich hustete. Japste. Meine Mutter packte mich in
den Kinderwagen, eilte mit mir zum Hausarzt, der mir ein Kortisonzäpfchen
gab. Aufatmen. Ein paar Monate später, als die Haselsträucher blühten, kam
ich mit einer schweren Lungenentzündung ins Krankenhaus. Jeder Atemzug
pfiff. Ich bekam keine Luft, aber ich wehrte mich. Riss mir auf der
Intensivstation den Katheter aus der aufgekratzten Armbeuge. „Das war schon
bedrohlich“, sagt mein Vater. „Wir haben uns wirklich Sorgen gemacht.“
Nach dem Krankenhausaufenthalt, nach all dem Kortison, hatte ich „schöne,
glatte Haut“, wie meine Mutter sagt. Aus dieser Zeit stammt ein Foto.
Februar 1987, ich in blauer Latzhose, einen Löffel mit Erbsenbrei in der
Hand. Es blickt aus dem Einband des Fotoalbums, das meine Eltern mir zum
18. Geburtstag geschenkt haben. Das Album verstaubte seitdem in meinem
ehemaligen Kinderzimmer zwischen Stofftieren und einer Steinesammlung.
Ich habe früh gelernt zu vermeiden, was jucken, brennen, wehtun könnte. Was
der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht, sagt man in Nordhessen, wo ich
aufgewachsen bin. Und die Unmittelbarkeit der allergischen Reaktion macht
es mir leicht zu verzichten. Erwische ich ein Müsli, das mit Nüssen
verunreinigt ist, spüre ich bereits nach dem ersten Bissen dieses Kribbeln
auf der Zunge – als würde ich Teppichboden ablecken. Es breitet sich aus.
Über die Lippen, den Gaumen, den gesamten Rachenraum. Mein Gesicht wird
rot, der Hals schwillt zu. Wenn ich Glück habe, muss ich mich nur
übergeben. Wenn ich Pech habe, bekomme ich keine Luft mehr. Insofern wirkt
ein Löffelchen Nussmus auf mich so verlockend wie ein Häufchen Hundekot.
## Paradigmenwechsel in der Medizin
Über viele Jahre wurde empfohlen, starke Allergene in der Beikost zu
meiden, also in der ersten festen Nahrung, die Säuglinge zusätzlich zur
Milch bekommen. So bin ich aufgewachsen: Nüsse, Sellerie, Eier – alles
verboten. Laut Robert-Koch-Institut wurde bei knapp jedem dritten
Erwachsenen in Deutschland schon einmal eine allergische Erkrankung
diagnostiziert. Rund zwei Millionen Kinder und Jugendliche haben
hierzulande Heuschnupfen, Asthma oder Neurodermitis. Gemeinsam ist diesen
sogenannten atopischen Erkrankungen, dass das Immunsystem überschießend
reagiert – und dass es eine erbliche Komponente gibt. Die Häufigkeit
allergischer Erkrankungen [1][ist seit den 1970er Jahren stark gestiegen].
Und es gibt Hinweise darauf, dass die Vermeidung potenzieller
Nahrungsmittelallergene zu diesem Anstieg beigetragen hat.
Doch seit einigen Jahren vollzieht sich ein [2][Paradigmenwechsel]. Eine
britisch-amerikanische Studie fand 2015 heraus, dass Säuglinge mit erhöhtem
Allergierisiko, die ab einem Alter von vier bis elf Monaten regelmäßig
Erdnüsse aßen, deutlich seltener eine Erdnussallergie entwickelten.
Folgestudien festigten diese Erkenntnis und weiteten sie auf Hühnerei aus.
Als mögliche Erklärung gilt, dass das Immunsystem im ersten Lebensjahr
besonders formbar ist: Kommt der Darm früh und wiederholt mit einem Stoff
in Berührung, lernt er ihn als ungefährlich einzustufen – und entwickelt
Toleranz statt Abwehr.
Mit Marlene folgen wir diesem Rat: Wir führen Fisch, Fleisch, Nüsse und
Milchprodukte mit der Beikost ein und geben sie weiterhin regelmäßig. Zur
selben Zeit gehe ich in Elternzeit. Nina und ich teilen uns die Tage auf,
kreuzen die Allergene im Küchenkalender ab. Doch Marlene sitzt im Hochstuhl
und schreit, weil sie an einem Tag nur Mozzarellakugeln essen will, an
einem anderen nur zerdrückte Heidelbeeren. Oder diese kleinen Dinos aus
Mais, die Opa mitgebracht hat.
In dieser Zeit beobachten wir erste Hautrötungen. Da sind die typischen
Spuren des Sabberns und Zahnens an den Wangen und am Kinn. Aber auch am
Körper: rote, trockene Flecke an den Seiten, wo die Windeln zugeklebt
werden, in den Leisten, am Po.
Ich spreche mit Kirsten Beyer, Leiterin des Kinderallergologischen
Studienzentrums an der Charité in Berlin. Die gleichzeitige Einführung
verschiedener Lebensmittelallergene falle vielen Familien schwer, sagt sie.
„Es kann sich allerdings ungünstig auswirken, wenn ein Lebensmittel nur
zwei- oder dreimal gegeben und dann wieder weggelassen wird.“
Für unseren Ausflug in die Kinderklinik zeigt sie im Videocall Verständnis.
„Sie waren sehr besorgt und haben sich einen Ort gesucht, an dem Sie sich
sicher fühlten. Damit haben Sie nichts falsch gemacht.“ Medizinisch
empfohlen sei bei einem Kind „mit klar erhöhtem Risiko“ jedoch, einen
Allergietest zu machen, bevor potenzielle Lebensmittelallergene eingeführt
werden.
Wie aber lässt sich abschätzen, ob ein „klar erhöhtes Risiko“ besteht? Die
Empfehlung richte sich an Kinder mit einer diagnostizierten mittelschweren
oder schweren Neurodermitis, erklärt Kirsten Beyer. Bei leichten
Hautveränderungen sei die Einordnung schwieriger. Für eine Neurodermitis
sprechen unter anderem Juckreiz, ein über längere Zeit wiederkehrender
Verlauf und bestimmte Hautstellen, bei Säuglingen das Gesicht sowie die
Streckseiten von Armen und Beinen.
Unsere Kinderärztin erklärt uns, was Marlene habe, sehe nach einem
„gewöhnlichen Säuglingsekzem“ aus. Wahrscheinlich das Schwitzen. Es ist
Anfang Mai, die ersten warmen Tage. Das klingt nach nichts. Doch Marlenes
Hautbild beschäftigt mich. Welche Spuren hat die Neurodermitis bei mir
hinterlassen, als ich in Marlenes Alter war?
## Angst als Symptom
Ich fahre nach Nordhessen in den Kurort, in dem ich aufgewachsen bin. Meine
Eltern sitzen etwas verloren auf ihrer Terrasse – wie Gäste in der
Sommerfrische. Mein Vater mit Strohhut im Nacken, meine Mutter mit ihren
grau melierten Locken. Eigentlich sitzen meine Eltern nicht im Garten
herum. Sie gießen die Paprika, mähen den Rasen, lassen den Hund laufen.
Heute hat meine Mutter das Fotoalbum auf den Gartentisch gelegt. „Das hat
auf dich gewartet“, sagt sie. Wir blättern. Bei meiner Geburt wog ich nur
fünf Pfund, ein kleines rotbraunes Etwas im Strampelanzug. Meine Eltern
bauten damals ein Haus.
Die ersten unmissverständlichen Anzeichen, dass mit meiner Haut etwas nicht
stimmt, zeigen sich einige Albumseiten später. Im Januar 1987, damals war
ich knapp anderthalb Jahre alt. Meine Mutter vermutet, dass das Abstillen
und die Haselnusspollen zusammenkamen. Dazu die Baustelle, Staub und
Stress. Sobald sie den Raum verließ, kratzte ich mich blutig. Nachts
klebten meine wunden Wangen an ihr. Sie zog mir Baumwollfäustlinge über,
lag wach und hielt meine Hände fest. Auf einigen Bildern dieser Zeit sehen
wir beide tieftraurig aus.
Im März 1987 lerne ich gerade laufen. Auf einem Foto tapere ich unsicher
über die Terrakottafliesen in unserer Küche, die Hände in die Höhe
gestreckt, meiner Mutter entgegen. In dieser Zeit sagte ich mein erstes
Wort. „Ang.“ Und das ist bis heute das erste Wort, das mir durch den Kopf
geht, wenn ich müde bin. Oder hungrig. Oder gestresst. Angst.
Erst vor einigen Jahren habe ich erfahren, dass Menschen mit Neurodermitis
ein erhöhtes Risiko für Angsterkrankungen haben. Dazu können Schlafentzug,
Diskriminierung und Scham beitragen. In der Forschung rückt zudem die
Verbindung zwischen Haut und Gehirn in den Fokus, die brain-skin axis:
Entzündungsbotenstoffe machen Nervenfasern in der Haut überempfindlich;
psychische Belastung wiederum kann die Hautbarriere und die Immunreaktionen
der Haut verändern und Entzündungen verstärken. Kurz: Stress befeuert
Hautentzündungen, und die juckende Haut stresst das Gehirn.
Auch meine ältere Schwester sagt heute, ich sei „ein kleiner Schisser“
gewesen. Wenn wir als Kinder Baumhäuser bauten – in den Haselsträuchern,
die bis heute in einer schnurgeraden Reihe im Garten meines Elternhauses
stehen –, knotete sie ihre Bretter weit oben in eine Astgabel. Meine
steckten unten, auf Taillenhöhe, wo die Stämme auseinandertreiben.
Von den Haselsträuchern lernte ich, was Pollen bedeutete. Wenn sie im
Februar blühten – flauschige, frischgrüne Kätzchen –, lag ich krank im
Bett. Meine Haut „blühte“ ebenfalls, wie meine Mutter das nannte. Der
Terminus technicus wäre „nässendes Ekzem“. Dazu das Asthma. Haselnüsse sind
mein Kryptonit.
Tatsächlich ist meine toxische Beziehung zur Haselnuss ein gutes Beispiel
dafür, wie Neurodermitis und Allergien zusammenspielen.
„Neurodermitis ist keine Nahrungsmittelallergie“, erklärt mir Kirsten
Beyer, „sondern eine eigenständige Erkrankung, die im Kern in einer
gestörten Hautbarriere besteht.“ Viele Kinder mit Neurodermitis entwickeln
zusätzlich Nahrungsmittelallergien. Wo ein Lebensmittel gegessen wird,
finden sich Spuren davon in der Umgebung, im Hausstaub. Ein Kind mit
gestörter Hautbarriere kommt darüber in Kontakt und bildet
Allergieantikörper, bevor der Darm mit dem Lebensmittel konfrontiert wird.
Dass ich früh mit Spuren von Haselnuss in Berührung gekommen bin, liegt
nahe. Die Sträucher hinterm Haus, Nussschalen im Gras, der Nussknacker auf
dem Tisch. Als meine Mutter mir die zerkaute Nuss in den Mund schmierte,
war mein Immunsystem vermutlich längst sensibilisiert. Die Abwehr ging auf
die Barrikaden, mein Körper drehte sich auf links. Die erste
anaphylaktische Reaktion – perfekt.
In den 1980er Jahren waren diese Zusammenhänge weitgehend unbekannt. Es gab
Bäder und Salben, Kortison galt als letztes Mittel. Kortison, das die Haut
dünn machte, wie meine Mutter das ausdrückte. Mein Kinderarzt versuchte es
mit Homöopathie und Bioresonanztherapie. All das wirkte nicht. Mit knapp
zweieinhalb Jahren überwies er mich in die städtische [3][Kinderklinik
Gelsenkirchen.]
Die Augen meiner Eltern leuchten, wenn sie von der Zeit in Gelsenkirchen
erzählen. Von Ernst August Stemmann, damals Leitender Arzt der
Kinderklinik. Schon im Aufnahmegespräch machte er deutlich, dass meine
Neurodermitis keine Hauterkrankung im strengen Sinne sei. Die Ursache liege
auch in der Persönlichkeit des Neurodermitikers. Während des Gesprächs
hatte ich mich auf dem Schoß meiner Mutter verkrochen, das Gesicht im Stoff
ihres Oberteils. Stemmann habe gefragt, warum sich das Kind
dazwischendränge. So erzählt es mein Vater. „Ich spreche doch mit Ihnen!“
Dann habe der Arzt mich in eine Spielecke seines Büros verbannt. Meine
Mutter widerspricht: „So hat Dr. Stemmann nicht gesprochen.“ – „Doch“, sagt
mein Vater, „genau so.“
## Massive Kritik an Kinderklinik
Ein zentrales Behandlungsprinzip war die Ausschlussdiät. Auf einem Bild
sitze ich zufrieden vor einem Teller Erbsen. „Ich bin in den Speisesaal
gekommen und habe dich essen gehört“, erzählt meine Mutter. Mjam, mjam,
mjam. Zuerst habe es nur Weizengrieß gegeben, damit der Körper frei von
allen anderen Allergenen würde. Dann, alle paar Tage, ein neues
Lebensmittel – und die Frage, ob eine Reaktion folgte. Am Ende blieb eine
Handvoll verträglicher Dinge, aus denen mein Alltag bestehen sollte, ein
Jahr lang, bis ich symptomfrei wäre. Erbsen, Möhren, Hähnchenbrust, alles
gedünstet.
Darüber hinaus konzentrierte sich die Klinik stark auf die
Mutter-Kind-Beziehung. Die zugrunde liegende These: Kinder mit
Neurodermitis hätten eine zu enge Bindung zur Mutter. Um das
Selbstwertgefühl zu stärken, sollten sie lernen, auch getrennt zu sein. Die
Kinder wurden in eine Kindergruppe abgegeben, und die Mütter gingen. Meine
Mutter lernte damals autogenes Training, was ihr sehr geholfen habe, sagt
sie. Und ich habe noch diesen säuselnden Singsang im Ohr: Du bist ruhig. Du
bist gaaanz ruhig.
Im Herbst 2020 wurde die Abteilung Pädiatrische Psychosomatik der
Kinderklinik Gelsenkirchen geschlossen. Zwei Jahre zuvor hatte der
[4][Dokumentarfilm „Elternschule“] massive Kritik ausgelöst. Eltern
berichteten, ihre Kinder seien in der Klinik vernachlässigt worden,
zerkratzt und verzweifelt in einem Aufenthaltsraum zurückgelassen, während
die Eltern Entspannungsübungen machen sollten. Meine Eltern erinnern sich
an solche Szenen nicht. Aber meine Mutter sagt, sie zweifele daran, ob
Neurodermitis tatsächlich heilbar sei, wie damals behauptet wurde.
Aus heutiger Sicht sei die Vorstellung einer „zu engen“ Bindung zur Mutter
überholt, sagt Kirsten Beyer. Bei einem Kind mit einer schweren chronischen
Erkrankung entstehe selbstverständlich eine enge Bindung. Ein Elternteil
sei ständig mit dem Kind beschäftigt, weil das schlecht schläft und viel
Pflege braucht. „Das ist zunächst ein normaler Prozess.“ Natürlich könne
daraus eine belastende Familiendynamik entstehen. Eltern bräuchten dann
Unterstützung, zum Teil auch Psychotherapie – keine Trennung von Mutter und
Kind.
Zu Hause übten meine Eltern, dass ich mich auch von meinem Vater füttern
ließ. Er saß mit dem Löffelchen an meinem Mund, meine Mutter ging im Flur
auf und ab. Anfangs machte ich den Mund nicht auf. Aus Liebe zu dir sage
ich jetzt Nein. Das ist einer dieser Stemmann-Sätze, die meinen Eltern im
Gedächtnis geblieben sind. Und: Man bekommt immer die Kinder, die man
verdient.
Heute kann ich nachfühlen, wie schwer das auch für meinen Vater gewesen
sein muss. Als ich noch Vollzeit arbeitete, ging ich abends manchmal vor
der Badtür auf und ab, während Marlene schrie. Meine Frau hatte das Kind
den ganzen Tag herumgetragen. Sie brauchte diese wenigen Minuten im Bad,
allein. Ich hatte mein Kind auf dem Arm, und es schrie mich an. Es fällt
schwer, das nicht persönlich zu nehmen.
In der Elternzeit durfte ich dann erleben, wie sich Vertrauen entwickelt.
Wie Marlenes Kopf langsam schwer wird, wenn ich sie in der Trage habe. Wie
sie sich beruhigen lässt, wenn ich sie hochnehme. Mit etwas ablenke, da!
Und wie wichtig es ist, selbst ruhig zu sein. Gaaanz ruhig.
Es wird Sommer. Marlene zieht sich an Möbelstücken hoch, lässt sich nur
noch im Stehen wickeln, krabbelt davon. In ihren Kniekehlen bemerken wir
Rötungen, die sich hartnäckig halten – obwohl wir ihre Haut regelmäßig
eincremen. Manchmal sitzt Marlene auf dem Töpfchen und schubbert sich mit
dem Body an den Seiten. Wir machen uns Sorgen. Als nächsten Schritt schlägt
die Kinderärztin einen Allergietest im Blut vor. Wir vereinbaren einen
Termin.
In der Zwischenzeit lesen wir uns ein. Wie sehen die Frühsymptome der
Neurodermitis aus, und wie unterscheidet man sie von einem „harmlosen“
Säuglingsekzem? Gibt es das überhaupt? Kirsten Beyer vermutet, dass unsere
Kinderärztin schlicht das Wort Neurodermitis vermeiden möchte. „Wenn man
das sagt, gucken die Eltern bei Google und machen allen möglichen Unsinn.“
Nina und ich googeln natürlich trotzdem. Zoomen auf Vergleichsbilder.
Halten das Handy neben Marlenes Haut. Sieht das so aus? Manchmal glauben
wir, ja. Manchmal, nein.
Meine Neurodermitis war nicht heilbar, auch wenn es nach dem Aufenthalt in
der Kinderklinik besser wurde. In Kindergarten und Grundschule war meine
Haut weitgehend symptomfrei. Auch das zeigt mein Fotoalbum: wie ich an
Geburtstagen die Kerzen auspuste, mit Nachbarskindern im Planschbecken
sitze, beim Kindergartenfest als Zirkusdirektor auftrete. Geheilt hat mich
die strikte Diät nicht. Aber meine Eltern sind überzeugt, dass sie geholfen
hat.
Die Verschlechterung begann mit der Pubertät. Vielleicht lag das daran,
dass ich als Jugendlicher die Diät aufgab. Vielleicht spielten hormonelle
Veränderungen eine Rolle. Vielleicht lag es auch daran, dass alternative
Medizin meinen Eltern solche Angst vor Kortison gemacht hatte, dass sie
mich nicht rechtzeitig zum Dermatologen schleiften. Jedenfalls war mein
Gesicht mit Anfang zwanzig wieder eine offene Wunde. Nachts schlief ich
kaum. Menschen sprachen mich an der Supermarktkasse oder im Wartezimmer an,
um mir Ratschläge zu geben. Meist ging es um Nachtkerzenöl oder Aloe vera.
Andere hatten das dringliche Bedürfnis, mir ins Gesicht zu seufzen: Jaa,
die Haut ist der Spiegel der Seele.
Auf Fotos dieser Zeit sieht man mich selten. Und wenn, dann habe ich die
Hände übers Gesicht gespreizt. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum das
Fotoalbum in meinem Kinderzimmer verstaubte. Doch seit Marlene auf der Welt
ist, verstehe ich, was meine Eltern mit dem Album verbinden. Dass etwas
fehlt, wenn es keine Spuren von mir gibt. Unsere Tochter hat inzwischen die
Fotos meiner Frau am Kühlschrank entdeckt. Da! Ein Kinderfoto aus dem
Urlaub in Südfrankreich. Da! Ein Probeabzug mit Grimassen aus dem Fotofix.
Von mir – vor Nina – nichts.
Seit einigen Jahren spritze ich mir Dupilumab, einen Antikörper, der
gezielt Entzündungssignale blockiert. Alle zwei Wochen stoße ich mir eine
Nadel ins Unterhautfettgewebe am Bauch. Ein kleiner Stich, der die
Entzündungen meiner Haut abklingen lässt. Wenn ich morgens mit Marlene
spazieren gehe – ein Mann im mittleren Alter, der einen Kinderwagen schiebt
–, falle ich in der Hannoveraner Südstadt nicht auf. Und das ist ein
schönes Gefühl: in den Hintergrund treten zu können.
## Bei der Kinderärztin kippt die Laune
Mitte Juli will die Kinderärztin Marlene Blut abnehmen, um
Allergieantikörper zu bestimmen, das sogenannte IgE. Getestet wird auf
Nahrungsmittel, die wir Marlene bereits geben: Weizen, Nüsse, Eier, Milch.
Marlene strahlt, als wir in den Behandlungsraum kommen. An der Wand klebt
das lebensgroße Foto eines Zebras. Die Laune kippt, als die Kinderärztin
sich mit der Nadel über sie beugt. Marlene windet sich, schreit. Ich halte
ihre speckigen Arme, eine Arzthelferin die Füße. Doch die Ärztin findet
keine Vene. „Wir müssen es beim nächsten Mal noch einmal versuchen“, sagt
sie. Marlene verlässt die Praxis mit Schmollmund und Heftpflastern in
beiden Armbeugen.
„Ja“, sagt meine Mutter am Telefon, „das war mit dir auch schwierig.“
Ich versteckte mich unter dem Tisch, den Stühlen. Schließlich habe der
Kinderarzt zwei Helferinnen holen müssen. Und tatsächlich kann ich mich bis
heute an den Raum erinnern, in dem der Arzt mir kleine Tropfen mit
Allergenen auf den Unterarm setzte, um mit einer Lanzette in die Haut zu
stechen. Ich habe jetzt ein Gefühl davon, wie schwer das für meine Mutter
gewesen sein muss: ihr Kind auf Anweisung von Ärzten festzuhalten oder
loszulassen. Beim nächsten Mal weint Marlene schon, als wir das Zebrazimmer
betreten. Diesmal unterstützen zwei Arzthelferinnen, die Kinderärztin
findet eine Vene auf Marlenes Stirn. Ich schließe die Augen, atme durch.
Gaaanz ruhig.
Die Ärztin wirkt erleichtert, als es geschafft ist. „Das geht heute noch
ins Labor“, sagt sie. „In zwei Tagen haben wir die Ergebnisse.“ Früher, bei
den Pricktests meiner Kindheit, mussten wir nur eine Viertelstunde warten,
während die weiche Innenseite meines Unterarms zuverlässig anschwoll.
Kuhmilch, Hühnerei, Sellerie. Alles rot.
Die molekularen Bluttests von heute können genauer zeigen, gegen welche
Proteine eines Lebensmittels ein Kind Antikörper gebildet hat. Ein
positiver Wert allein ist allerdings noch keine Allergie – entscheidend
ist, ob das Kind tatsächlich reagiert. Richtig eingeordnet, können die
Tests Familien vor unnötig strengen Diäten bewahren. Und selbst wenn Kinder
Allergien oder eine schwere Neurodermitis entwickeln, gibt es inzwischen
sehr viel wirksamere Therapien: Dupilumab ist bei schwerer Neurodermitis
bereits für Kinder ab sechs Monaten zugelassen. Und es gibt
Neurodermitisschulungen, deren Kosten die Kassen meist übernehmen (siehe
Infokasten). „Je besser Eltern die Erkrankung verstehen“, betont Kirsten
Beyer, „desto besser können sie mit ihr umgehen.“
Susan Sontag schrieb in „Krankheit als Metapher“: Theorien darüber, dass
eine Erkrankung psychische Ursachen habe und sich durch Willenskraft heilen
ließe, seien stets ein Indiz dafür, „in welchem Maße man sich über das
physische Terrain einer Krankheit“ im Unklaren sei. Meine Neurodermitis ist
dafür ein gutes Beispiel. Es ist nicht „die Persönlichkeit des
Neurodermitikers“, wie Ernst August Stemmann glaubte, die geheilt werden
muss. Die chronische Hauterkrankung selbst lässt sich heute wirksam
behandeln, wenn auch nicht heilen.
Als der Anruf der Kinderarztpraxis kommt, gehe ich gerade mit Marlene im
Wald spazieren. „Es ist alles gut“, sagt die Ärztin vorweg. Die
spezifischen IgE-Werte seien für alle getesteten Lebensmittel niedrig, kein
Hinweis auf eine Sensibilisierung. Ein „gewöhnliches Säuglingsekzem“.
Marlene hat also vielleicht eine leichte Neurodermitis, aber keine
auffälligen Allergieantikörper. Die Sonne blinzelt durchs Blätterdach. Ich
bin erleichtert. Ich wünsche mir für unsere Tochter, dass sie möglichst
selbstbestimmt und frei aufwächst. Und das wünsche ich mir auch für Kinder,
wie ich eines war. Kinder, die chronisch krank sind. Marlene wäre mit
Allergien oder Neurodermitis kein anderes Kind.
Ich liebe unsere Tochter – sogar wenn sie mit Spuren von Haselnuss
beschmiert ist. Wie an diesem Morgen. Meine Frau hat Porridge mit Nussmus
vorbereitet, das Allergen im Kalender abgekreuzt. Die Exposition geht also
weiter, auch für mich. Doch Marlene möchte kein Porridge mehr. Deshalb
wischt sie jetzt schwungvoll mit der Handfläche über den Tisch, schleudert
den Blechteller auf den Boden. Sie beugt sich aus ihrem Hochstuhl, blickt
erstaunt hinab. Dann zeigt sie auf diese kleine Schüssel – da! da! –, aber
die Heidelbeeren sind aufgegessen.
„Schon gut“, sage ich und öffne die Kühlschranktür auf der Suche nach
Heidelbeernachschub. Die Familienfotos rascheln. Eines zeigt inzwischen
auch mich. Anderthalb Jahre alt, blaue Latzhose, einen schmierigen Löffel
in der Hand. „Da!“, ruft Marlene. „Da!“ –„Genau“, sage ich, „das ist der
Papa.“
Der Autor Max Balzer ist Kulturwissenschaftler, Social-Justice-Trainer und
schreibt über Krankheit, Kultur und Care – oft dort, wo Sprache fehlt. Er
engagiert sich mit [5][Sick People e. V.] dafür, dass die Perspektiven
chronisch kranker Menschen zwischen Pop und Empowerment sichtbar werden.
11 Oct 2026
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