# taz.de -- Allergische Erkrankungen: Kann Spuren deines Vaters enthalten
       
       > Allergien und Neurodermitis prägen das Leben unseres Autors. Hat seine
       > kleine Tochter die Krankheiten geerbt? Eine Spurensuche mit
       > Selbsterkenntnis.
       
 (IMG) Bild: Die Eltern schenkten unserem Autor ein Fotoalbum zum 18. Geburtstag, das er lange nicht gern anschaute. Heute ist das anders
       
       An einem sonnigen Frühlingstag sitzen meine Frau und ich im Foyer einer
       Kinderklinik, zehn Schritte entfernt von der Notaufnahme. Unsere Tochter,
       sechs Monate alt, sitzt auf meinem Schoß. Ihre Wangen sind gerötet von der
       Trage, aus der sie gerade geschlüpft ist. Im Wartebereich toben Kleinkinder
       um eine Holzlokomotive. Müde Eltern träumen mit Smartphone in der Hand.
       
       Marlene – der Name unserer Tochter wurde für diesen Text geändert – ist
       nicht krank. Jedenfalls hoffen wir das. Wir sind hier, um ihr zum ersten
       Mal Haselnuss zu geben. Denn wir sorgen uns, dass sie einen
       anaphylaktischen Schock bekommen könnte, also eine schwere allergische
       Reaktion, die lebensbedrohlich sein kann.
       
       Nina, meine Frau, hält unserer Tochter deren ersten Löffel mit Haselnussmus
       hin, aber Marlene will ihn selbst halten. Sie schwingt ihn wie ein Zepter.
       Dann, mit sanftem Nachdruck meiner Frau, verschwindet er in ihrem Mund. Mir
       reicht schon der Gedanke an Haselnüsse, und ein Schauer rieselt über meinen
       Körper. Ich habe Allergien, so lange ich denken kann.
       
       Dass wir unserem Baby zum ersten Mal Nüsse geben, löst in mir Beklemmungen
       aus. Doch Fachgesellschaften raten heute, Kindern im ersten Lebensjahr
       Allergene wie Erdnuss und Hühnerei früh zu geben – insbesondere, wenn die
       Eltern „genetisch vorbelastet“ sind. Meine Kindheit war geprägt von
       strikten Diäten. Lebensmittel, die meine Eltern von meinem Speiseplan
       streichen sollten, geben wir unserer Tochter heute gezielt. Aber wie können
       wir damit umgehen, wenn Studienlage und Bauchgefühl auseinanderklaffen?
       
       Marlene probiert jetzt ihren zweiten Happen. Sie lehnt sich zurück, den
       Kopf in den Nacken gelegt. Sie lacht. Der Mund verschmiert, zwei leuchtend
       weiße Zähnchen, auf der Nasenspitze ein schwarzbrauner Klecks. Keine
       Kurzatmigkeit, keine aufrauschenden Hautrötungen, nichts. „Sieht so aus,
       als würde es ihr schmecken“, sagt Nina. Ich nicke. Mir ist schlecht.
       
       ## Erstes Lebensjahr, erste Lungenenzündung
       
       Als ich etwa ein Jahr alt war – im Herbst 1986 – knackte meine Mutter im
       Garten eine Haselnuss, zerkaute sie und schmierte mir den Brei in den Mund.
       Meine Lippen schwollen an. Ich hustete. Japste. Meine Mutter packte mich in
       den Kinderwagen, eilte mit mir zum Hausarzt, der mir ein Kortisonzäpfchen
       gab. Aufatmen. Ein paar Monate später, als die Haselsträucher blühten, kam
       ich mit einer schweren Lungenentzündung ins Krankenhaus. Jeder Atemzug
       pfiff. Ich bekam keine Luft, aber ich wehrte mich. Riss mir auf der
       Intensivstation den Katheter aus der aufgekratzten Armbeuge. „Das war schon
       bedrohlich“, sagt mein Vater. „Wir haben uns wirklich Sorgen gemacht.“
       
       Nach dem Krankenhausaufenthalt, nach all dem Kortison, hatte ich „schöne,
       glatte Haut“, wie meine Mutter sagt. Aus dieser Zeit stammt ein Foto.
       Februar 1987, ich in blauer Latzhose, einen Löffel mit Erbsenbrei in der
       Hand. Es blickt aus dem Einband des Fotoalbums, das meine Eltern mir zum
       18. Geburtstag geschenkt haben. Das Album verstaubte seitdem in meinem
       ehemaligen Kinderzimmer zwischen Stofftieren und einer Steinesammlung.
       
       Ich habe früh gelernt zu vermeiden, was jucken, brennen, wehtun könnte. Was
       der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht, sagt man in Nordhessen, wo ich
       aufgewachsen bin. Und die Unmittelbarkeit der allergischen Reaktion macht
       es mir leicht zu verzichten. Erwische ich ein Müsli, das mit Nüssen
       verunreinigt ist, spüre ich bereits nach dem ersten Bissen dieses Kribbeln
       auf der Zunge – als würde ich Teppichboden ablecken. Es breitet sich aus.
       Über die Lippen, den Gaumen, den gesamten Rachenraum. Mein Gesicht wird
       rot, der Hals schwillt zu. Wenn ich Glück habe, muss ich mich nur
       übergeben. Wenn ich Pech habe, bekomme ich keine Luft mehr. Insofern wirkt
       ein Löffelchen Nussmus auf mich so verlockend wie ein Häufchen Hundekot.
       
       ## Paradigmenwechsel in der Medizin
       
       Über viele Jahre wurde empfohlen, starke Allergene in der Beikost zu
       meiden, also in der ersten festen Nahrung, die Säuglinge zusätzlich zur
       Milch bekommen. So bin ich aufgewachsen: Nüsse, Sellerie, Eier – alles
       verboten. Laut Robert-Koch-Institut wurde bei knapp jedem dritten
       Erwachsenen in Deutschland schon einmal eine allergische Erkrankung
       diagnostiziert. Rund zwei Millionen Kinder und Jugendliche haben
       hierzulande Heuschnupfen, Asthma oder Neurodermitis. Gemeinsam ist diesen
       sogenannten atopischen Erkrankungen, dass das Immunsystem überschießend
       reagiert – und dass es eine erbliche Komponente gibt. Die Häufigkeit
       allergischer Erkrankungen [1][ist seit den 1970er Jahren stark gestiegen].
       Und es gibt Hinweise darauf, dass die Vermeidung potenzieller
       Nahrungsmittelallergene zu diesem Anstieg beigetragen hat.
       
       Doch seit einigen Jahren vollzieht sich ein [2][Paradigmenwechsel]. Eine
       britisch-amerikanische Studie fand 2015 heraus, dass Säuglinge mit erhöhtem
       Allergierisiko, die ab einem Alter von vier bis elf Monaten regelmäßig
       Erdnüsse aßen, deutlich seltener eine Erdnussallergie entwickelten.
       Folgestudien festigten diese Erkenntnis und weiteten sie auf Hühnerei aus.
       Als mögliche Erklärung gilt, dass das Immunsystem im ersten Lebensjahr
       besonders formbar ist: Kommt der Darm früh und wiederholt mit einem Stoff
       in Berührung, lernt er ihn als ungefährlich einzustufen – und entwickelt
       Toleranz statt Abwehr.
       
       Mit Marlene folgen wir diesem Rat: Wir führen Fisch, Fleisch, Nüsse und
       Milchprodukte mit der Beikost ein und geben sie weiterhin regelmäßig. Zur
       selben Zeit gehe ich in Elternzeit. Nina und ich teilen uns die Tage auf,
       kreuzen die Allergene im Küchenkalender ab. Doch Marlene sitzt im Hochstuhl
       und schreit, weil sie an einem Tag nur Mozzarellakugeln essen will, an
       einem anderen nur zerdrückte Heidelbeeren. Oder diese kleinen Dinos aus
       Mais, die Opa mitgebracht hat.
       
       In dieser Zeit beobachten wir erste Hautrötungen. Da sind die typischen
       Spuren des Sabberns und Zahnens an den Wangen und am Kinn. Aber auch am
       Körper: rote, trockene Flecke an den Seiten, wo die Windeln zugeklebt
       werden, in den Leisten, am Po.
       
       Ich spreche mit Kirsten Beyer, Leiterin des Kinderallergologischen
       Studienzentrums an der Charité in Berlin. Die gleichzeitige Einführung
       verschiedener Lebensmittelallergene falle vielen Familien schwer, sagt sie.
       „Es kann sich allerdings ungünstig auswirken, wenn ein Lebensmittel nur
       zwei- oder dreimal gegeben und dann wieder weggelassen wird.“
       
       Für unseren Ausflug in die Kinderklinik zeigt sie im Videocall Verständnis.
       „Sie waren sehr besorgt und haben sich einen Ort gesucht, an dem Sie sich
       sicher fühlten. Damit haben Sie nichts falsch gemacht.“ Medizinisch
       empfohlen sei bei einem Kind „mit klar erhöhtem Risiko“ jedoch, einen
       Allergietest zu machen, bevor potenzielle Lebensmittelallergene eingeführt
       werden.
       
       Wie aber lässt sich abschätzen, ob ein „klar erhöhtes Risiko“ besteht? Die
       Empfehlung richte sich an Kinder mit einer diagnostizierten mittelschweren
       oder schweren Neurodermitis, erklärt Kirsten Beyer. Bei leichten
       Hautveränderungen sei die Einordnung schwieriger. Für eine Neurodermitis
       sprechen unter anderem Juckreiz, ein über längere Zeit wiederkehrender
       Verlauf und bestimmte Hautstellen, bei Säuglingen das Gesicht sowie die
       Streckseiten von Armen und Beinen.
       
       Unsere Kinderärztin erklärt uns, was Marlene habe, sehe nach einem
       „gewöhnlichen Säuglingsekzem“ aus. Wahrscheinlich das Schwitzen. Es ist
       Anfang Mai, die ersten warmen Tage. Das klingt nach nichts. Doch Marlenes
       Hautbild beschäftigt mich. Welche Spuren hat die Neurodermitis bei mir
       hinterlassen, als ich in Marlenes Alter war?
       
       ## Angst als Symptom
       
       Ich fahre nach Nordhessen in den Kurort, in dem ich aufgewachsen bin. Meine
       Eltern sitzen etwas verloren auf ihrer Terrasse – wie Gäste in der
       Sommerfrische. Mein Vater mit Strohhut im Nacken, meine Mutter mit ihren
       grau melierten Locken. Eigentlich sitzen meine Eltern nicht im Garten
       herum. Sie gießen die Paprika, mähen den Rasen, lassen den Hund laufen.
       Heute hat meine Mutter das Fotoalbum auf den Gartentisch gelegt. „Das hat
       auf dich gewartet“, sagt sie. Wir blättern. Bei meiner Geburt wog ich nur
       fünf Pfund, ein kleines rotbraunes Etwas im Strampelanzug. Meine Eltern
       bauten damals ein Haus.
       
       Die ersten unmissverständlichen Anzeichen, dass mit meiner Haut etwas nicht
       stimmt, zeigen sich einige Albumseiten später. Im Januar 1987, damals war
       ich knapp anderthalb Jahre alt. Meine Mutter vermutet, dass das Abstillen
       und die Haselnusspollen zusammenkamen. Dazu die Baustelle, Staub und
       Stress. Sobald sie den Raum verließ, kratzte ich mich blutig. Nachts
       klebten meine wunden Wangen an ihr. Sie zog mir Baumwollfäustlinge über,
       lag wach und hielt meine Hände fest. Auf einigen Bildern dieser Zeit sehen
       wir beide tieftraurig aus.
       
       Im März 1987 lerne ich gerade laufen. Auf einem Foto tapere ich unsicher
       über die Terrakottafliesen in unserer Küche, die Hände in die Höhe
       gestreckt, meiner Mutter entgegen. In dieser Zeit sagte ich mein erstes
       Wort. „Ang.“ Und das ist bis heute das erste Wort, das mir durch den Kopf
       geht, wenn ich müde bin. Oder hungrig. Oder gestresst. Angst.
       
       Erst vor einigen Jahren habe ich erfahren, dass Menschen mit Neurodermitis
       ein erhöhtes Risiko für Angsterkrankungen haben. Dazu können Schlafentzug,
       Diskriminierung und Scham beitragen. In der Forschung rückt zudem die
       Verbindung zwischen Haut und Gehirn in den Fokus, die brain-skin axis:
       Entzündungsbotenstoffe machen Nervenfasern in der Haut überempfindlich;
       psychische Belastung wiederum kann die Hautbarriere und die Immunreaktionen
       der Haut verändern und Entzündungen verstärken. Kurz: Stress befeuert
       Hautentzündungen, und die juckende Haut stresst das Gehirn.
       
       Auch meine ältere Schwester sagt heute, ich sei „ein kleiner Schisser“
       gewesen. Wenn wir als Kinder Baumhäuser bauten – in den Haselsträuchern,
       die bis heute in einer schnurgeraden Reihe im Garten meines Elternhauses
       stehen –, knotete sie ihre Bretter weit oben in eine Astgabel. Meine
       steckten unten, auf Taillenhöhe, wo die Stämme auseinandertreiben.
       
       Von den Haselsträuchern lernte ich, was Pollen bedeutete. Wenn sie im
       Februar blühten – flauschige, frischgrüne Kätzchen –, lag ich krank im
       Bett. Meine Haut „blühte“ ebenfalls, wie meine Mutter das nannte. Der
       Terminus technicus wäre „nässendes Ekzem“. Dazu das Asthma. Haselnüsse sind
       mein Kryptonit.
       
       Tatsächlich ist meine toxische Beziehung zur Haselnuss ein gutes Beispiel
       dafür, wie Neurodermitis und Allergien zusammenspielen.
       
       „Neurodermitis ist keine Nahrungsmittelallergie“, erklärt mir Kirsten
       Beyer, „sondern eine eigenständige Erkrankung, die im Kern in einer
       gestörten Hautbarriere besteht.“ Viele Kinder mit Neurodermitis entwickeln
       zusätzlich Nahrungsmittelallergien. Wo ein Lebensmittel gegessen wird,
       finden sich Spuren davon in der Umgebung, im Hausstaub. Ein Kind mit
       gestörter Hautbarriere kommt darüber in Kontakt und bildet
       Allergieantikörper, bevor der Darm mit dem Lebensmittel konfrontiert wird.
       
       Dass ich früh mit Spuren von Haselnuss in Berührung gekommen bin, liegt
       nahe. Die Sträucher hinterm Haus, Nussschalen im Gras, der Nussknacker auf
       dem Tisch. Als meine Mutter mir die zerkaute Nuss in den Mund schmierte,
       war mein Immunsystem vermutlich längst sensibilisiert. Die Abwehr ging auf
       die Barrikaden, mein Körper drehte sich auf links. Die erste
       anaphylaktische Reaktion – perfekt.
       
       In den 1980er Jahren waren diese Zusammenhänge weitgehend unbekannt. Es gab
       Bäder und Salben, Kortison galt als letztes Mittel. Kortison, das die Haut
       dünn machte, wie meine Mutter das ausdrückte. Mein Kinderarzt versuchte es
       mit Homöopathie und Bioresonanztherapie. All das wirkte nicht. Mit knapp
       zweieinhalb Jahren überwies er mich in die städtische [3][Kinderklinik
       Gelsenkirchen.]
       
       Die Augen meiner Eltern leuchten, wenn sie von der Zeit in Gelsenkirchen
       erzählen. Von Ernst August Stemmann, damals Leitender Arzt der
       Kinderklinik. Schon im Aufnahmegespräch machte er deutlich, dass meine
       Neurodermitis keine Hauterkrankung im strengen Sinne sei. Die Ursache liege
       auch in der Persönlichkeit des Neurodermitikers. Während des Gesprächs
       hatte ich mich auf dem Schoß meiner Mutter verkrochen, das Gesicht im Stoff
       ihres Oberteils. Stemmann habe gefragt, warum sich das Kind
       dazwischendränge. So erzählt es mein Vater. „Ich spreche doch mit Ihnen!“
       Dann habe der Arzt mich in eine Spielecke seines Büros verbannt. Meine
       Mutter widerspricht: „So hat Dr. Stemmann nicht gesprochen.“ – „Doch“, sagt
       mein Vater, „genau so.“
       
       ## Massive Kritik an Kinderklinik
       
       Ein zentrales Behandlungsprinzip war die Ausschlussdiät. Auf einem Bild
       sitze ich zufrieden vor einem Teller Erbsen. „Ich bin in den Speisesaal
       gekommen und habe dich essen gehört“, erzählt meine Mutter. Mjam, mjam,
       mjam. Zuerst habe es nur Weizengrieß gegeben, damit der Körper frei von
       allen anderen Allergenen würde. Dann, alle paar Tage, ein neues
       Lebensmittel – und die Frage, ob eine Reaktion folgte. Am Ende blieb eine
       Handvoll verträglicher Dinge, aus denen mein Alltag bestehen sollte, ein
       Jahr lang, bis ich symptomfrei wäre. Erbsen, Möhren, Hähnchenbrust, alles
       gedünstet.
       
       Darüber hinaus konzentrierte sich die Klinik stark auf die
       Mutter-Kind-Beziehung. Die zugrunde liegende These: Kinder mit
       Neurodermitis hätten eine zu enge Bindung zur Mutter. Um das
       Selbstwertgefühl zu stärken, sollten sie lernen, auch getrennt zu sein. Die
       Kinder wurden in eine Kindergruppe abgegeben, und die Mütter gingen. Meine
       Mutter lernte damals autogenes Training, was ihr sehr geholfen habe, sagt
       sie. Und ich habe noch diesen säuselnden Singsang im Ohr: Du bist ruhig. Du
       bist gaaanz ruhig.
       
       Im Herbst 2020 wurde die Abteilung Pädiatrische Psychosomatik der
       Kinderklinik Gelsenkirchen geschlossen. Zwei Jahre zuvor hatte der
       [4][Dokumentarfilm „Elternschule“] massive Kritik ausgelöst. Eltern
       berichteten, ihre Kinder seien in der Klinik vernachlässigt worden,
       zerkratzt und verzweifelt in einem Aufenthaltsraum zurückgelassen, während
       die Eltern Entspannungsübungen machen sollten. Meine Eltern erinnern sich
       an solche Szenen nicht. Aber meine Mutter sagt, sie zweifele daran, ob
       Neurodermitis tatsächlich heilbar sei, wie damals behauptet wurde.
       
       Aus heutiger Sicht sei die Vorstellung einer „zu engen“ Bindung zur Mutter
       überholt, sagt Kirsten Beyer. Bei einem Kind mit einer schweren chronischen
       Erkrankung entstehe selbstverständlich eine enge Bindung. Ein Elternteil
       sei ständig mit dem Kind beschäftigt, weil das schlecht schläft und viel
       Pflege braucht. „Das ist zunächst ein normaler Prozess.“ Natürlich könne
       daraus eine belastende Familiendynamik entstehen. Eltern bräuchten dann
       Unterstützung, zum Teil auch Psychotherapie – keine Trennung von Mutter und
       Kind.
       
       Zu Hause übten meine Eltern, dass ich mich auch von meinem Vater füttern
       ließ. Er saß mit dem Löffelchen an meinem Mund, meine Mutter ging im Flur
       auf und ab. Anfangs machte ich den Mund nicht auf. Aus Liebe zu dir sage
       ich jetzt Nein. Das ist einer dieser Stemmann-Sätze, die meinen Eltern im
       Gedächtnis geblieben sind. Und: Man bekommt immer die Kinder, die man
       verdient.
       
       Heute kann ich nachfühlen, wie schwer das auch für meinen Vater gewesen
       sein muss. Als ich noch Vollzeit arbeitete, ging ich abends manchmal vor
       der Badtür auf und ab, während Marlene schrie. Meine Frau hatte das Kind
       den ganzen Tag herumgetragen. Sie brauchte diese wenigen Minuten im Bad,
       allein. Ich hatte mein Kind auf dem Arm, und es schrie mich an. Es fällt
       schwer, das nicht persönlich zu nehmen.
       
       In der Elternzeit durfte ich dann erleben, wie sich Vertrauen entwickelt.
       Wie Marlenes Kopf langsam schwer wird, wenn ich sie in der Trage habe. Wie
       sie sich beruhigen lässt, wenn ich sie hochnehme. Mit etwas ablenke, da!
       Und wie wichtig es ist, selbst ruhig zu sein. Gaaanz ruhig.
       
       Es wird Sommer. Marlene zieht sich an Möbelstücken hoch, lässt sich nur
       noch im Stehen wickeln, krabbelt davon. In ihren Kniekehlen bemerken wir
       Rötungen, die sich hartnäckig halten – obwohl wir ihre Haut regelmäßig
       eincremen. Manchmal sitzt Marlene auf dem Töpfchen und schubbert sich mit
       dem Body an den Seiten. Wir machen uns Sorgen. Als nächsten Schritt schlägt
       die Kinderärztin einen Allergietest im Blut vor. Wir vereinbaren einen
       Termin.
       
       In der Zwischenzeit lesen wir uns ein. Wie sehen die Frühsymptome der
       Neurodermitis aus, und wie unterscheidet man sie von einem „harmlosen“
       Säuglingsekzem? Gibt es das überhaupt? Kirsten Beyer vermutet, dass unsere
       Kinderärztin schlicht das Wort Neurodermitis vermeiden möchte. „Wenn man
       das sagt, gucken die Eltern bei Google und machen allen möglichen Unsinn.“
       Nina und ich googeln natürlich trotzdem. Zoomen auf Vergleichsbilder.
       Halten das Handy neben Marlenes Haut. Sieht das so aus? Manchmal glauben
       wir, ja. Manchmal, nein.
       
       Meine Neurodermitis war nicht heilbar, auch wenn es nach dem Aufenthalt in
       der Kinderklinik besser wurde. In Kindergarten und Grundschule war meine
       Haut weitgehend symptomfrei. Auch das zeigt mein Fotoalbum: wie ich an
       Geburtstagen die Kerzen auspuste, mit Nachbarskindern im Planschbecken
       sitze, beim Kindergartenfest als Zirkusdirektor auftrete. Geheilt hat mich
       die strikte Diät nicht. Aber meine Eltern sind überzeugt, dass sie geholfen
       hat.
       
       Die Verschlechterung begann mit der Pubertät. Vielleicht lag das daran,
       dass ich als Jugendlicher die Diät aufgab. Vielleicht spielten hormonelle
       Veränderungen eine Rolle. Vielleicht lag es auch daran, dass alternative
       Medizin meinen Eltern solche Angst vor Kortison gemacht hatte, dass sie
       mich nicht rechtzeitig zum Dermatologen schleiften. Jedenfalls war mein
       Gesicht mit Anfang zwanzig wieder eine offene Wunde. Nachts schlief ich
       kaum. Menschen sprachen mich an der Supermarktkasse oder im Wartezimmer an,
       um mir Ratschläge zu geben. Meist ging es um Nachtkerzenöl oder Aloe vera.
       Andere hatten das dringliche Bedürfnis, mir ins Gesicht zu seufzen: Jaa,
       die Haut ist der Spiegel der Seele.
       
       Auf Fotos dieser Zeit sieht man mich selten. Und wenn, dann habe ich die
       Hände übers Gesicht gespreizt. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum das
       Fotoalbum in meinem Kinderzimmer verstaubte. Doch seit Marlene auf der Welt
       ist, verstehe ich, was meine Eltern mit dem Album verbinden. Dass etwas
       fehlt, wenn es keine Spuren von mir gibt. Unsere Tochter hat inzwischen die
       Fotos meiner Frau am Kühlschrank entdeckt. Da! Ein Kinderfoto aus dem
       Urlaub in Südfrankreich. Da! Ein Probeabzug mit Grimassen aus dem Fotofix.
       Von mir – vor Nina – nichts.
       
       Seit einigen Jahren spritze ich mir Dupilumab, einen Antikörper, der
       gezielt Entzündungssignale blockiert. Alle zwei Wochen stoße ich mir eine
       Nadel ins Unterhautfettgewebe am Bauch. Ein kleiner Stich, der die
       Entzündungen meiner Haut abklingen lässt. Wenn ich morgens mit Marlene
       spazieren gehe – ein Mann im mittleren Alter, der einen Kinderwagen schiebt
       –, falle ich in der Hannoveraner Südstadt nicht auf. Und das ist ein
       schönes Gefühl: in den Hintergrund treten zu können.
       
       ## Bei der Kinderärztin kippt die Laune
       
       Mitte Juli will die Kinderärztin Marlene Blut abnehmen, um
       Allergieantikörper zu bestimmen, das sogenannte IgE. Getestet wird auf
       Nahrungsmittel, die wir Marlene bereits geben: Weizen, Nüsse, Eier, Milch.
       Marlene strahlt, als wir in den Behandlungsraum kommen. An der Wand klebt
       das lebensgroße Foto eines Zebras. Die Laune kippt, als die Kinderärztin
       sich mit der Nadel über sie beugt. Marlene windet sich, schreit. Ich halte
       ihre speckigen Arme, eine Arzthelferin die Füße. Doch die Ärztin findet
       keine Vene. „Wir müssen es beim nächsten Mal noch einmal versuchen“, sagt
       sie. Marlene verlässt die Praxis mit Schmollmund und Heftpflastern in
       beiden Armbeugen.
       
       „Ja“, sagt meine Mutter am Telefon, „das war mit dir auch schwierig.“
       
       Ich versteckte mich unter dem Tisch, den Stühlen. Schließlich habe der
       Kinderarzt zwei Helferinnen holen müssen. Und tatsächlich kann ich mich bis
       heute an den Raum erinnern, in dem der Arzt mir kleine Tropfen mit
       Allergenen auf den Unterarm setzte, um mit einer Lanzette in die Haut zu
       stechen. Ich habe jetzt ein Gefühl davon, wie schwer das für meine Mutter
       gewesen sein muss: ihr Kind auf Anweisung von Ärzten festzuhalten oder
       loszulassen. Beim nächsten Mal weint Marlene schon, als wir das Zebrazimmer
       betreten. Diesmal unterstützen zwei Arzthelferinnen, die Kinderärztin
       findet eine Vene auf Marlenes Stirn. Ich schließe die Augen, atme durch.
       Gaaanz ruhig.
       
       Die Ärztin wirkt erleichtert, als es geschafft ist. „Das geht heute noch
       ins Labor“, sagt sie. „In zwei Tagen haben wir die Ergebnisse.“ Früher, bei
       den Pricktests meiner Kindheit, mussten wir nur eine Viertelstunde warten,
       während die weiche Innenseite meines Unterarms zuverlässig anschwoll.
       Kuhmilch, Hühnerei, Sellerie. Alles rot.
       
       Die molekularen Bluttests von heute können genauer zeigen, gegen welche
       Proteine eines Lebensmittels ein Kind Antikörper gebildet hat. Ein
       positiver Wert allein ist allerdings noch keine Allergie – entscheidend
       ist, ob das Kind tatsächlich reagiert. Richtig eingeordnet, können die
       Tests Familien vor unnötig strengen Diäten bewahren. Und selbst wenn Kinder
       Allergien oder eine schwere Neurodermitis entwickeln, gibt es inzwischen
       sehr viel wirksamere Therapien: Dupilumab ist bei schwerer Neurodermitis
       bereits für Kinder ab sechs Monaten zugelassen. Und es gibt
       Neurodermitisschulungen, deren Kosten die Kassen meist übernehmen (siehe
       Infokasten). „Je besser Eltern die Erkrankung verstehen“, betont Kirsten
       Beyer, „desto besser können sie mit ihr umgehen.“
       
       Susan Sontag schrieb in „Krankheit als Metapher“: Theorien darüber, dass
       eine Erkrankung psychische Ursachen habe und sich durch Willenskraft heilen
       ließe, seien stets ein Indiz dafür, „in welchem Maße man sich über das
       physische Terrain einer Krankheit“ im Unklaren sei. Meine Neurodermitis ist
       dafür ein gutes Beispiel. Es ist nicht „die Persönlichkeit des
       Neurodermitikers“, wie Ernst August Stemmann glaubte, die geheilt werden
       muss. Die chronische Hauterkrankung selbst lässt sich heute wirksam
       behandeln, wenn auch nicht heilen.
       
       Als der Anruf der Kinderarztpraxis kommt, gehe ich gerade mit Marlene im
       Wald spazieren. „Es ist alles gut“, sagt die Ärztin vorweg. Die
       spezifischen IgE-Werte seien für alle getesteten Lebensmittel niedrig, kein
       Hinweis auf eine Sensibilisierung. Ein „gewöhnliches Säuglingsekzem“.
       Marlene hat also vielleicht eine leichte Neurodermitis, aber keine
       auffälligen Allergieantikörper. Die Sonne blinzelt durchs Blätterdach. Ich
       bin erleichtert. Ich wünsche mir für unsere Tochter, dass sie möglichst
       selbstbestimmt und frei aufwächst. Und das wünsche ich mir auch für Kinder,
       wie ich eines war. Kinder, die chronisch krank sind. Marlene wäre mit
       Allergien oder Neurodermitis kein anderes Kind.
       
       Ich liebe unsere Tochter – sogar wenn sie mit Spuren von Haselnuss
       beschmiert ist. Wie an diesem Morgen. Meine Frau hat Porridge mit Nussmus
       vorbereitet, das Allergen im Kalender abgekreuzt. Die Exposition geht also
       weiter, auch für mich. Doch Marlene möchte kein Porridge mehr. Deshalb
       wischt sie jetzt schwungvoll mit der Handfläche über den Tisch, schleudert
       den Blechteller auf den Boden. Sie beugt sich aus ihrem Hochstuhl, blickt
       erstaunt hinab. Dann zeigt sie auf diese kleine Schüssel – da! da! –, aber
       die Heidelbeeren sind aufgegessen.
       
       „Schon gut“, sage ich und öffne die Kühlschranktür auf der Suche nach
       Heidelbeernachschub. Die Familienfotos rascheln. Eines zeigt inzwischen
       auch mich. Anderthalb Jahre alt, blaue Latzhose, einen schmierigen Löffel
       in der Hand. „Da!“, ruft Marlene. „Da!“ –„Genau“, sage ich, „das ist der
       Papa.“
       
       Der Autor Max Balzer ist Kulturwissenschaftler, Social-Justice-Trainer und
       schreibt über Krankheit, Kultur und Care – oft dort, wo Sprache fehlt. Er
       engagiert sich mit [5][Sick People e. V.] dafür, dass die Perspektiven
       chronisch kranker Menschen zwischen Pop und Empowerment sichtbar werden.
       
       11 Oct 2026
       
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