# taz.de -- Begeisternde Straßenrad-WM: Rennkrimi in Montreal
       
       > Das WM-Rennen der Frauen in Kanada gewann die Niederländerin Demi
       > Vollering. Deutsche unter ferner fuhren.
       
 (IMG) Bild: Oranje Seligkeit: Demi Vollering wird von Teamkollegin Puck Pieterse geherzt
       
       Die eine hat Tränen des Glücks im Gesicht, die andere greift sich mit einem
       Ausdruck des Schmerzes ans von Krämpfen geplagte rechte Bein. Die dritte
       wirft ihr ganzes Kämpferinnenherz in die Waagschale und wird nach mutigem
       Angriff doch nur Dritte. Und da hat man noch gar nicht die vor Enttäuschung
       leeren Gesichter der gestürzten Athletinnen erwähnt.
       
       Das Straßenrennen der Frauen bei der Rad-WM im kanadischen Montreal hielt
       eine riesengroße Bandbreite an Emotionen bereit. Da war die Enttäuschung
       von Lokalmatadorin Magdeleine Vallières Mill. Sie trat als
       Titelverteidigerin in ihrer Heimat an. Gut, die Überraschungsweltmeisterin
       des vergangenen Jahres war jetzt nicht die Topfavoritin. Aber auf
       heimischem Parcours wollte die Kanadierin glänzen. Ein Sturz noch 95
       Kilometer vor dem Ziel beraubte sie aller Chancen.
       
       Ihr Glück mit beiden Händen ergriff vielmehr Demi Vollering. Die
       Niederländerin hatte ihr ganzes Team auf Angriff eingestellt. „Ich habe in
       der Vergangenheit oft gesagt: Wenn wir ein Rennen mit mir gewinnen wollen,
       müssen wir es so angehen: Wir müssen ein Team aufstellen, das alles für
       mich gibt und wirklich jedes Teammitglied bis zum Äußersten treiben, um das
       Rennen extrem schwierig zu gestalten und die Kontrolle zu behalten. Genau
       das haben wir heute gemacht“, sagte sie später dem niederländischen
       Branchendienst [1][Wielerflits].
       
       Und tatsächlich dominierten die Oranje-Frauen. Sie bestimmten das Tempo im
       Feld, reduzierten es Runde für Runde. 38 km vor dem Ziel bereiteten sie den
       Angriff ihrer Kapitänin vor. Vollering zog unwiderstehlich davon. Die
       Favoritengruppe platzte. Die Italienerin Elisa Longo Borghini versuchte
       noch dranzubleiben, gab aber schnell auf. Mehrere Minigruppen bildeten sich
       im Abstand weniger Sekunden. [2][Franziska Koch], am Ende auf Platz 10
       beste Deutsche, nahm in der vierten Staffel ihren Platz ein.
       
       ## Zu langer Berg
       
       „Leider war der Berg ein bisschen zu lang für mich. Ich war dann im
       Niemandsland“, beschrieb sie die Situation. „Ich habe aber bis zur Linie
       gekämpft und darauf kann ich stolz sein“, so nahm sie etwas Positives aus
       dem Rennen mit. Koch sorgte mit Bronze beim Zeitfahren für das einzige
       Edelmetall für [3][German Cycling] bei dieser WM und kann zumindest
       individuell erfreut aus Übersee zurückkommen.
       
       Mit der Medaillenvergabe beim Straßenrennen hatte sie aber nichts zu tun.
       Dort kamen Longo Borghini und die Polin Kasia Niewiadoma noch einmal an
       Vollering heran. Das ist vielleicht der größte Unterschied zwischen dem
       Straßenradsport der Männer und dem der Frauen. Verabschiedet sich der beste
       der Kerle, Tadej Pogačar, nach vorn aus dem Peloton, schaut sich der
       verbliebene Rest nur resigniert an und beginnt dann sein eigenes Rennen um
       Platz 2 hinter dem Slowenen. Reißt die beste Frau im Radsport der
       Gegenwart, eben Vollering, die aktuelle Doublesiegerin von Tour de France
       und Giro d’Italia, eine Lücke, setzen die anderen hinterher.
       
       Longo Borghini lancierte nach dem Einholen von Vollering eingangs der
       letzten Runde sogar noch eine eigene Attacke. Von Krämpfen geplagt, musste
       sie das Duo Vollering und Niewiadoma aber wieder an sich heran und sogar
       vorbeiziehen lassen. Die Niederländerin gewann dann den Zweiersprint vor
       der Polin, die sich auf den letzten Metern noch an den schmerzenden
       Oberschenkel fasste und kurz nach dem Zielstrich den Fuß ganz aus dem Pedal
       nahm und das Bein streckte.
       
       Vollering machte den Sieg auch an gewachsener mentaler Stärke fest. „Mit
       jedem Jahr versteht man sich selbst besser, und es fällt einem auch
       leichter, den Menschen um sich herum die eigenen Bedürfnisse mitzuteilen“,
       sagte sie. So konnte sie das niederländische Team auf sich einschwören und
       brach auch nicht mental zusammen, als zwischenzeitlich Longo Borghini und
       Niewiadoma aufschlossen.
       
       Bei den deutschen Frauen passte bei diesem Kampf der Gigantinnen ihres
       Sports wenig. Das entspricht auch dem Gesamteindruck dieser WM. Die
       Weltelite ist den Deutschen bei Männern wie Frauen und auch in den
       Nachwuchsklassen derzeit entwischt. Vor Abschluss des Männerrennens steht
       die Bilanz bei lediglich einmal Bronze durch Koch.
       
       27 Sep 2026
       
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