# taz.de -- Frauenradsport: Dem Krieg wegfahren
       
       > Die ukrainische Frauennationalmannschaft im Radsport trainiert in
       > Italien. Ihre Rennen bestreitet sie in ganz Europa. Doch die Probleme
       > sind groß.
       
 (IMG) Bild: Das aktuell größte Radsport-Talent der Ukraine: Daryna Nahuliak, hier bei der EM 2025 in Frankreich
       
       Der Krieg geht weiter, aber das Leben auch. Die ukrainische
       Frauennationalmannschaft im Straßenradsport hat seit 2022 eine
       provisorische Heimstatt im italienischen l’Aquila gefunden. Dort leben und
       trainieren die Athletinnen und ihr Coach Sergiy Grechyn. Und von dort aus
       brechen sie auch auf zu Rennen. In der vergangenen Woche nahmen sie an der
       Tour de Feminin teil, einem Etappenrennen in Tschechien.
       
       „Es ist hart für mich“, sagt Daryna Nahuliak. Die 23-Jährige gilt als eines
       der interessantesten Radsporttalente der Ukraine. Sich komplett auf die
       sportliche Karriere zu konzentrieren, fällt ihr aber schwer. „Ich kann
       jetzt zwar in einem freien Land leben, aber meine Familie ist weiter in der
       Ukraine“, sagt mit leiser Stimme. Das belastet. Hinzu kommt, dass ihr Mann
       in Polen lebt. „Ich pendele jetzt zwischen drei Ländern, Italien, wo ich
       lebe, Polen, wo ich meinen Mann besuche, zuletzt zweimal in drei Monaten,
       und der Ukraine“, beschreibt sie ihre Lage.
       
       Immerhin, mit dem Training in Italien klappt es inzwischen gut. Kurz nach
       Ausbruch des russischen Kriegs gegen die Ukraine gab es zwar schnell
       Unterstützung durch den italienischen Radsportverband. Er nahm die
       ukrainische Nationalmannschaft, die zu Kriegsbeginn bei einem Rennen in der
       Türkei weilte, auf und vermittelte den neuen Standort.
       
       Es mangelte allerdings an vielem, vor allem an Material. „Ich schäme mich
       manchmal, in den Fahrradladen zu kommen“, erzählte Sergiy Grechyn 2023 in
       einem [1][Interview]. „Ich gehe zum Mechaniker und zeige auf die Kiste, die
       mit ‚Müll‘ gekennzeichnet ist. Es sind Ketten, Kassetten und andere
       benutzte Fahrradteile drin. Ich sage: ‚Du wirfst diese Kiste bitte nicht
       weg, ich nehme sie mit‘.“
       
       Das habe sich mittlerweile gebessert, sagt Grechyn drei Jahre später. Vor
       allem Marken wie Specialized, DTSwiss und Vittoria hätten geholfen. „Ohne
       sie könnten wir gar nicht auf Rädern losfahren“, meint Grechyn. Für die
       Benzinkosten der Autos kommt der ukrainische Verband auf. Er bezahlt
       ebenfalls Grechyns Trainergehalt.
       
       Sportlich passt der frühere Profi, dessen größter Erfolg 2013 der
       Gesamtsieg bei der Aserbaidschan-Rundfahrt war, die Ambitionen den
       Bedingungen an. „Natürlich wollen wir immer gewinnen. Aber es fehlt eben an
       vielen Stellen, am Material etwa, an der Ernährung wie auch an Rennen. Aber
       die Mentalität ist da. Trotz aller Probleme wollen die Frauen und Mädchen
       ihre beste Leistung zeigen.“
       
       Daryna Nahuliak strebte in Tschechien vor ein paar Tagen sogar den
       Etappensieg an. „Ich hoffte, dass ich in die Fluchtgruppe komme und so
       gewinne“, sagte sie lachend. Sie meinte aber auch: „Das Feld hier ist
       richtig stark. Und es handelt sich in dieser Saison auch um mein
       allererstes Etappenrennen überhaupt.“ Sie beendete dann nicht einmal die
       Etappe.
       
       ## Die Gedanken an die Heimat begleiten
       
       Die Möglichkeiten, in Ländern ohne Krieg trainieren und Rennen fahren zu
       können, spornt Grechyn und die von ihm betreuten Sportlerinnen natürlich
       an. Die Gedanken an die Heimat begleiten und beschweren sie aber auch. „Wir
       können uns davon nicht wirklich befreien. Wir denken an unsere Familien und
       Freunde, an alle, die zu Hause sind. Einige der Frauen hier haben auch
       komplett ihr Zuhause verloren. Eine von uns wohnte zehn Kilometer von der
       Frontlinie entfernt. Da ist alles zerbombt“, sagt Grechyn.
       
       Nahuliak erlebte den [2][Kriegsbeginn in der Ukraine]. Sie war in einem
       Trainingslager und kehrte wenige Tage nach dem Angriff in ihre Heimatstadt
       Khmelnytskyi zurück. „Zwei Raketen schlugen in das Haus mir gegenüber ein,
       das Haus brannte, alle waren in Panik“, schilderte sie die Situation. Auch
       jetzt, im Mai 2026, ist die westukrainische Stadt immer wieder Ziel
       russischer Drohnen.
       
       Mittlerweile im Ausland Rennen fahren zu können, bedeutet ihr viel. „Es ist
       eine starke Motivation, auch gute Leistungen zu zeigen“, sagt sie. Die
       Herausforderung für sie und ihre Kolleginnen ist, das Mehr an Motivation,
       das sie gegenüber der Konkurrenz haben, mit dem Weniger an Equipment und
       Rennpraxis derart in Einklang zu bringen, dass herausragende Leistungen
       zustande kommen.
       
       2023 immerhin gewann Teamkollegin [3][Kulynych] die Tour de Feminin. Und
       eine andere Teamkollegin, die erst 19-jährige Milena Ushakova, hat es
       mittlerweile ins Development Team von [4][Tadej Pogačars] Rennstall UAE
       Emirates geschafft. Sportliche Lichtblicke im politischen Dunkel.
       
       19 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://ritzel.bike/der-kampf-des-ukrainischen-nationalteams/
 (DIR) [2] /Schwerpunkt-Krieg-in-der-Ukraine/!t5008150
 (DIR) [3] https://www.tour-magazin.de/en/professional-cycling/riders/frauen/olha-kulynych-profil-208607/
 (DIR) [4] /Tadej-Pogaar/!t6043157
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tom Mustroph
       
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