# taz.de -- „Nestervals Eldorado“ in Sophiensälen: Den Namenlosen folgen
       
       > Mit der Performancegruppe Nesterval und ihrer Immersionsinszenierung kann
       > man ins queere Feiern, Überleben und Sterben ins Berlin der NS-Zeit
       > eintauchen.
       
 (IMG) Bild: Bei Nestervals Eldorado sind die ersten Baracken der Konzentrationslager schon gebaut und belegt
       
       Alles beginnt in der heimeligen Betriebskantine der Nestervalschen
       Porzellanwerke, die aktuell ins Erdgeschoss [1][der Sophiensäle] verlegt
       wurde. Deckchen und Blümchen zieren die kleinen Tische. Das Licht ist
       gedämpft. Lebhaft und hübsch verrucht ist die Stimmung. Ok, ins
       Firmenwappen hat sich ein Reichsadler geschmuggelt. Aber singt da nicht auf
       der kleinen Varieté-Bühne die bekennende Lesbe Claire Waldoff (Felizitas
       Navidad) von den Männern, die raus aus den Reichs- und Landtagen sollten?
       Begeisterter Applaus für den Song, einst komponiert vom da bereits
       emigrierten Komponisten Frierich Hollaender.
       
       Wir befinden uns im Jahr 1934. Ein Jahr regiert der selbsternannte Führer
       mit seiner braunen Bewegung schon das Land. Kommunisten und Sozialisten
       werden in den Folterkellern der SA zusammengeschlagen. Die ersten Baracken
       der Konzentrationslager sind auch schon gebaut und belegt. Aber die Boheme
       feiert weiter. Das Muster kennt man.
       
       Nach dem Auftakt in der Kantine wird das Publikum geteilt. Kleine Gruppen
       folgen den insgesamt 20 Charakteren, deren Geschichten aus
       Biografie-Fragmenten echter Menschen zusammenkomponiert sind. Der Clou bei
       Nesterval ist, dass man ganz sanft in die Lebens- und Gefühlswelten dieser
       Figuren eingeführt wird. Man taucht ein in ihre Gedankenströme, wenn sie
       wie selbstvergessen monologisieren wie die Sekretärin des Polizeikommissars
       (Sabrina Strehl), die wie aus [2][„Babylon Berlin“] kopiert scheint.
       
       Hier aber arbeitet sie einem Chef zu, der begeistert schwule Männer jagt,
       um sie entweder der Kastration oder dem KZ zuzuführen. Oft auch beidem. Und
       zwischendrin quält und demütigt er sie voller Inbrunst. Auch bei diesen
       Verhören sind die Besuchenden wie Schatten zugegen. Hat man genug von der
       Obrigkeit, kann man den sogenannten Namenlosen folgen. K. (Géraldine
       Schabraque) etwa, geboren als Heinrich, jetzt als Frau lebend, und
       auflebend wohl nur in den klandestinen Partys des Nachts in der
       Nestervalschen Betriebskantine. In der geht es auch bis in die späten
       1930er Jahre noch hoch her.
       
       ## Bestialisches Unterdrückungs- und Unterwerfungssystem
       
       Die Gruppe um Regisseur Martin Finnland und Autorin Teresa Löfberg hat
       sorgfältig recherchiert. Sie fügt dem Schwarz-Weiß, dem Entweder-Oder der
       oberflächlichen Geschichtsbilder manch überraschende Nuance hinzu. Vor
       allem aber erschafft sie Figuren voller Leben und voller Widersprüche. W.
       (Willy Mutzenpachner) etwa genießt nicht nur Partys. Selbst in den
       allerdunkelsten Momenten kann er noch an die Lust denken. Längst kastriert,
       mit eigener Einwilligung und im verzweifelten Versuch, dadurch eine
       Gefängnisstrafe wegen § 175 reduzieren zu können, erinnert er sich voller
       Entzücken an den stattlichen SA-Mann, mit dem er sich einst in dunklen
       Ecken herumdrückte. W. wurde die Strafe übrigens nicht reduziert, kleines
       Detail eines bestialischen Unterdrückungs- und Unterwerfungssystems.
       
       Das reißt am Ende alle in den Abgrund. Je näher die Lautsprecherstimme dem
       Jahr 1945 kommt, desto größer wird der Kleiderhaufen in der Mitte des
       Raumlabyrinths. Jede Figur, die stirbt, gibt hier ein Kleidungsstück ab –
       und verwandelt sich kurz darauf in eine maskierte Figur in Uniform. Bald
       sind kaum noch Menschen mehr da, nur Zombies. Und verwüstet sind die vielen
       Zimmer, in die man vorher die Figuren begleitet hat, ihre Wohnungen, die
       Bücherei, das Konfektionsgeschäft.
       
       Die Inszenierung macht auf sehr berührende Art große Geschichte und
       individuelle Schicksale erfahrbar und verwebt sie zu einem dunklen Traum,
       bei dem man nicht weiß, ob der sich draußen, jenseits des Träumens und des
       Theaters, nicht gerade zu wiederholen beginnt.
       
       27 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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