# taz.de -- Grünen-Politiker über Polizeigesetzpläne: „Freiheit kann zerbrechlich sein“
       
       > Schleswig-Holsteins schwarz-grüne Koalition plant ein neues
       > Polizeigesetz. Wuchtige Kritik aus der Partei lässt Innenpolitiker Jan
       > Kürschner nicht kalt.
       
 (IMG) Bild: Neues Polizeigesetz lässt viel zu: In Schleswig-Holstein warnen Kritiker vor Kameras mit KI-Überwachung
       
       taz: Herr Kürschner, die geplante Novelle des Polizeigesetzes [1][ebnet den
       Weg in den Überwachungsstaat], sagt die Landesarbeitsgemeinschaft Medien
       und Netzpolitik der Grünen Schleswig-Holstein. Was sagen Sie als
       innenpolitischer Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion? 
       
       Jan Kürschner: Dieses Urteil würde ich so nicht unterschreiben, aber es
       gibt eine Stelle [2][im Gesetz], die mir auch nicht gefällt und für die ich
       mir eine bessere Lösung wünsche. Gemeint ist die biometrische
       Gesichtserkennung. So, wie es jetzt dasteht, finde ich das zu weitgehend.
       
       taz: Sie sind also nicht glücklich mit dem Gesetz? 
       
       Kürschner: Es gibt gute Punkte, die wir auch wollen und die ich richtig
       finde. Aber wie gesagt, in bestimmten Bereichen wünschte ich mir andere
       Lösungen.
       
       taz: Haben Sie mit den Partei-Arbeitsgemeinschaften nicht vorher gesprochen
       oder finden Sie es normal, dass die sich so kritisch über ein Gesetz der
       eigenen Regierungskoalition äußern? 
       
       Kürschner: Natürlich kommt es vor, dass sich in der Basis eine Meinung
       bildet, die sich von der in der Fraktion unterscheidet. Das ist klar, denn
       [3][wir sind in einer Koalition mit der CDU] und in einer Koalition muss
       man Kompromisse machen. Wir versuchen aber, alle mitzunehmen. Polizeithemen
       fallen allerdings zunächst in die Zuständigkeit der
       Arbeitsgemeinschaftsgemeinschaft „Demokratie und Recht“. Aber die LAG
       „Medien und Netzpolitik“ schaut auf das Thema Digitalisierung, daher habe
       ich mit beiden Arbeitsgemeinschaften Gespräche geführt. Der Konflikt um
       mehr [4][Überwachung im öffentlichen Raum] ist nicht neu, muss aber
       angesichts fortschreitender Technik immer neu gelöst werden. Die
       Sicherheitsbehörden haben einen unstillbaren Hunger nach Informationen, der
       entsteht aus der Verantwortung für die Abwehr von Gefahren heraus.
       
       taz: Haben Sie Verständnis dafür? 
       
       Kürschner: Nehmen wir die Enttarnung des ehemaligen RAF-Mitglieds Daniela
       Klette. Es kann absurd wirken, wenn Medien, etwa der
       [5][Bellingcat-Rechercheur Michael Colborne], Bilderkennungs-Tools
       einsetzt, während die Behörden das nicht dürfen. Allerdings müssen wir auch
       zwischen der Aufklärung von Straftaten und präventiven Maßnahmen
       unterscheiden. Nur um präventive Maßnahmen geht es in unserem Landesgesetz.
       
       taz: Die LAG „Medien und Netzpolitik“ will keine KI-gestützte
       Videoüberwaschung, da die fehleranfällig sei und das Vertrauen in die
       Polizei eher untergrabe. Ihr Gegenargument? 
       
       Kürschner: Es geht nicht um eine Art ChatGPT, sondern um eine reine Suche
       in ohnehin vorhandenen Datenbanken. Am Ende muss immer ein Mensch bei der
       Polizei die Entscheidungen treffen, das stellt der Gesetzesentwurf der
       Landesregierung sicher. Aber wie gesagt, auch ich tue mich schwer mit
       biometrischer Überwachung zur Gefahrenabwehr. Da fällt es mir schwer, ein
       Beispiel zu finden, bei dem das sinnvoll wäre. Zurzeit ist die Schwelle im
       Gesetzentwurf, um diese biometrische Überwachung anzuordnen, sehr niedrig.
       Nehmen wir die Kieler Woche – natürlich kann es da immer zu Vorfällen
       kommen. Daher gibt es schon jetzt viel Überwachung, etwa um mit Barrieren
       die Menge so zu steuern, damit nicht zu viele Menschen an einer Engstelle
       zusammenkommen. Aber jede mögliche Technik anzuwenden, finde ich
       übertrieben. Erfasst würden dann auch kleinste Ordnungswidrigkeiten, wie
       bei Rot über die Straße gehen.
       
       taz: Der zweite große Kritikpunkt ist der Zugriff auf Social-Media-Posts
       und andere polizeiferne Daten. Was sagen Sie dazu? 
       
       Kürschner: Dass die Polizei ermittelt, ist deren Aufgabe. Dass das heute
       digital passiert, ist eine Selbstverständlichkeit, daher werden bereits
       jetzt auch solche Daten erfasst. Aber das Bundesverfassungsgericht hat
       gesagt, [6][dass es für den Umgang mit diesen Daten ein Gesetz braucht].
       Das setzen alle Länder jetzt um. Ein Problem ist dabei eher, dass jedes
       Bundesland eine eigene Software einsetzt und die Programme nicht kompatibel
       sind.
       
       taz: Genau deshalb schlägt die LAG vor, die Dateninfrastruktur neu zu
       gestalten. Gemeint ist, vorhandene Datenbanken besser zugänglich zu machen,
       ohne eine KI zwischenzuschalten. Wäre das nicht ein Weg? 
       
       Kürschner: Ja, und dass die Bundesländer die Vereinheitlichung im Jahr 2026
       noch nicht geschafft haben, ist ein echtes Armutszeugnis für die
       Innenministerkonferenz und die beteiligten Behörden. Leider ist niemand
       richtig zuständig – die Länderpolizeien müssten sich einigen, den ersten
       Schritt müsste die Innenministerkonferenz tun. Aktuell muss ein Ermittler
       in mehreren Datenbanken nach Informationen suchen, und wenn er über die
       Bundeslandgrenzen recherchieren muss, wird es noch schwieriger. Das
       behindert die Arbeit extrem, sorgt für Frust und lähmt die Ermittlungen.
       Hier hilft die KI. Sie darf aber nicht die Entscheidungen treffen, und das
       haben wir im Gesetz sehr klar abgebildet. Klar ist auch, dass wir ein
       [7][System wie Palantir] nicht anwenden. Privaten Anbietern den Zugriff auf
       Daten zu geben, ist Teufelszeug. Man fasst sich an den Kopf, dass einige
       Länder diesen Weg gehen. In Schleswig-Holstein sollten wir auf Open Source
       setzen, das ist deutlich besser.
       
       taz: In Wahrheit wird Schleswig-Holstein sicherer, die Zahl von schweren
       Straftaten sinkt. Mit einer Verschärfung der Polizeigesetze reagiert die
       Politik auf die gefühlte, nicht die reale Lage. Wäre Aufklärung nicht
       wichtiger als Verschärfungen? 
       
       Kürschner: Kleiner Widerspruch: Zurzeit sehen wir einen leichten
       [8][Anstieg der Kriminalstatistiken], der ist aber nicht ungewöhnlich. Wir
       leben in einem sicheren Land. Aber ja, wir sind in einem Dilemma, weil wir
       die Balance zwischen wirksamem Schutz und freiheitlichem Leben halten
       wollen. Denn Freiheit kann zerbrechlich sein: Die NSDAP hat 1933 sieben
       Wochen gebraucht, um die Diktatur einzurichten. Aktuell steht
       [9][Sachsen-Anhalt vor einer AfD- geführten Regierung], die Zugriff auf
       Polizei, Verfassungsschutz und deren Daten haben wird. Auch dieses Dilemma
       gilt es im Auge zu behalten. Gleichzeitig leben wir mit einem hybriden
       Konflikt, mit Drohnenüberflügen und versuchten [10][Attentaten wie jüngst
       am Flughafen Leipzig]. Wir müssen uns um Drohnenabwehr und die
       Schattenflotte kümmern – wenn deren Schiffe in deutschen Küstengewässern
       und im Nord-Ostsee-Kanal unterwegs sind, fällt das in den Aufgabenbereich
       der Polizei.
       
       6 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Neues-Polizeirecht-in-Schleswig-Holstein/!6186175
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 (DIR) [3] /Koalition-in-Schleswig-Holstein/!5859705
 (DIR) [4] /Schleswig-Holstein-baut-Ueberwachung-aus/!6114571
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 (DIR) [6] /Mehr-Ermittlungsbefugnisse-fuer-Polizei/!6174997
 (DIR) [7] /Einsatz-von-Palantir-in-Deutschland-Fast-alle-Bundeslaender-sind-dagegen-ein-Grund-zur-Entwarnung/!6186360
 (DIR) [8] https://www.schleswig-holstein.de/DE/landesregierung/ministerien-behoerden/POLIZEI/DasSindWir/LKA/Ermittlungen_Auswertung/kriminalstatistik/kriminalstatistik
 (DIR) [9] /Sachsen-Anhalt-Uebersicht-zu-allen-Personen-der-AfD--und-BSW-Fraktion/!6217643
 (DIR) [10] /Attacke-auf-den-Flughafen-Leipzig/!6200828
       
       ## AUTOREN
       
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