# taz.de -- Historikerin über Zwangsarbeit: „ Auf dem Gelände gibt es keine Spuren“
       
       > Italienische Militärs wurden in der NS-Zeit bei den Hamburger
       > Wasserwerken als Zwangsarbeiter eingesetzt. Führungen sollen nun an ihr
       > Schicksal erinnern.
       
 (IMG) Bild: Elbinsel Kaltehofe: Alle Spuren von Zwangsarbeitenden wurden zerstört
       
       taz: Mariane Pöschel, kann man heute noch erkennen, wo und wie italienische
       Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge auf der Hamburger Elbinsel Kaltehofe leben
       und arbeiten mussten? 
       
       Mariane Pöschel: Nein. Auf dem Gelände gibt es keine Spuren. Das Gelände
       wurde während der [1][Bombardierung Hamburgs] getroffen und dabei sowie bei
       der [2][Sturmflut 1962] zum Teil zerstört. Das Gelände wurde bis 1990
       betrieben und [3][stand 20 Jahre lang leer], bis die Stiftung Wasserkunst
       Elbinsel Kaltehofe gegründet wurde.
       
       taz: Welche Zeitzeugnisse nutzen Sie als Quelle, um die Geschichte der
       Elbinsel Kaltehofe im Nationalsozialismus aufzuarbeiten? 
       
       Pöschel: Die Quellenlage ist schwierig. Es existieren keine baulichen
       Spuren. 2016 hat der Historiker David Templin die Geschichte der Hamburger
       Wasserwerke zur Zeit des Nationalsozialismus erforscht. Er hat unter
       anderem Listen gefunden, sodass teilweise rekonstruiert werden konnte, wer
       für die Hamburger Wasserwerke arbeiten musste. Daher war das Tagebuch von
       Marino Ruga ein sehr besonderer Fund. Das haben wir dem Engagement seines
       Sohnes zu verdanken, der das Tagebuch im Nachlass seines Vaters gefunden
       hat. Marino Ruga hat das Tagebuch während seiner Zeit in Hamburg
       geschrieben. Solche persönlichen Zeugnisse aus der Perspektive von
       Betroffenen geben einen sehr intimen Einblick, den wir vorher nicht hatten.
       
       taz: Wie sah der Alltag der Zwangsarbeitenden aus? 
       
       Pöschel: Ruga beschreibt besonders die Lebensbedingungen auf Kaltehofe, die
       stark von Hunger geprägt waren. Er schreibt über die Beschaffung von
       Lebensmitteln und die Arbeit auf Kaltehofe in den Sandfiltern, die das
       Elbwasser zu Trinkwasser aufbereiteten. Die Reinigung dieser Filter war
       harte körperliche Arbeit und wurde von den Zwangsarbeitenden verrichtet.
       Marino Ruga beschreibt diese Filterreinigung als „in den Sand gehen“.
       
       taz: Woher kam der Impuls, die eigene Rolle der Stiftung Kaltehofe während
       des Nationalsozialismus zu reflektieren? 
       
       Pöschel: Wir arbeiten an einer Neugestaltung des Geländes. Dabei ist
       aufgefallen, dass das Thema der Zwangsarbeit auf Kaltehofe nicht präsent
       ist. Die Wasserversorgung der Stadt Hamburg ist ein elementares Thema. Ohne
       den Einsatz der Zwangsarbeitenden hätte die Wasserversorgung Hamburgs
       damals nicht aufrechterhalten werden können. Daher wollten wir das Thema
       unbedingt angehen und haben in Form [4][eines neuen Führungsangebotes]
       damit gestartet. Die Arbeit ist auch noch nicht abgeschlossen. Wir hoffen,
       noch mehr Zeitzeugnisse von Überlebenden oder deren Angehörigen zu finden.
       
       taz: Was erwartet Besucher*innen bei der Führung? 
       
       Pöschel: Wir gehen eine Stunde lang über das Gelände und informieren über
       die Geschichte des Ortes mit Fokus auf die Zeit des Nationalsozialismus.
       Außerdem lesen wir aus dem Tagebuch von Marino Ruga vor. Wir wollen das
       Thema stärker verankern, auch für Individualbesuchende. Perspektivisch soll
       es neue Informationstafeln geben. Dafür arbeiten wir mit
       zivilgesellschaftlichen Organisationen wie der Projektgruppe Italienische
       Militärinternierte zusammen.
       
       taz: Hat sich Ihr Blick auf diesen Ort durch Ihre Arbeit verändert? 
       
       Pöschel: Auf jeden Fall. Die Geschichte der Wasserversorgung ist ein
       wichtiges Kapitel innerhalb der Hamburger Stadtgeschichte. Umso wichtiger
       ist daher die Rolle von Menschen, die zu dieser Arbeit gezwungen wurden.
       Das ist für mich ein wichtiger Punkt, verknüpft mit dem Ort, an dem wir
       jetzt heute arbeiten. Ein eigentlich idyllischer Ort im Grünen, der
       trotzdem mit dieser NS-Geschichte verknüpft ist. Man kann die Geschichte
       von Kaltehofe auf vielen Ebenen erzählen: die NS-Zeit, Nachkriegszeit, die
       Sturmflut 1962. Zwangsarbeit ist aber im Kontext des Zweiten Weltkrieges
       ohnehin weniger präsent, insbesondere die der italienischen
       Militärinternierten. Wir haben nun die Chance, dem Thema mehr
       Aufmerksamkeit zu schenken.
       
       29 Sep 2026
       
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