# taz.de -- Theaterstück über Bataclan-Anschlag: Entsetzen aus heiterem Himmel
> Laurent Gaudés Stück „Paris danach“ handelt von den Anschlägen aufs
> Bataclan. Die deutsche Erstaufführung in Göttingen macht das Grauen
> spürbar.
(IMG) Bild: Die islamistischen Anschläge zielten auf die ausgelassene Freude und Lebenslust: Wie sie wiederbeleben?
Die Kostüme glitzern mit der Discokugel um die Wette. Vorfreudig
unbekümmerte, geradezu übermütige Menschen stürzen sich ins
Freitagabendvergnügen. In hibbelig teeniehafter Erregung ersehnt eine Frau
den ersten Kuss mit der neuen Freundin, eine andere möchte den Streit mit
ihrem Ehemann auf einem Dancefloor vergessen und Zwillingsschwestern wollen
ihren 30. Geburtstag ausgelassen zelebrieren. Freund:innen treffen
Freund:innen, singen, trinken, haben Spaß an- und miteinander. Es herrscht
die gelöste Atmosphäre einer sinnlichen Feier des offen pluralistisch
genossenen Lebens.
Für die deutschsprachige Erstaufführung von Laurent Gaudés „Paris danach“
ist die Bühne des Deutschen Theaters Göttingen nach hinten abgeschlossen
durch die übergroße Projektion von Pierre-Auguste Renoirs Gemälde „Bal du
moulin de la Galette“ (1876). Es zeigt eine sonnendurchflutete
Menschenmenge beim Tanz und fröhlichen Beisammensein in einem Gartenlokal.
Savoir-vivre pur.
Zwei Darstellungen, die einigen radikalisierten Muslimen als
Manifestationen dessen gelten, was sie derart hassen, dass mit der Barbarei
des Fanatismus dagegen vorgegangen wird. [1][Am 13. November 2015
ermordeten IS-Anhänger in den Café- und Restaurantstraßen des 10. und 11.
Pariser Arrondissements] sowie im Konzertsaal Bataclan mehr als 130
Menschen. Hunderte wurden verletzt.
Mit Sprengstoff angegriffen wurde zudem das Fußball-Länderspiel Frankreich
– Deutschland im Stade de France. [2][Kein Zufall, kein Schicksal], sondern
ein koordinierter Akt des islamistischen Terrors, wie es auf der Bühne
heißt. Offenbart hat er die Verletzlichkeit öffentlicher Sicherheit und der
Gesellschaft.
## Entsetzen aus heiterem Himmel
Laurent Gaudé hat die Geschehnisse in seinem Stück zusammengefasst. Er
setzt dabei [3][nicht auf die Aussagen-Authentizität von direkt und
indirekt Betroffenen]: Für sein fiktives Doku-Theater hat der Autor die
Fakten recherchiert und sich Figuren dazu ausgedacht, die Spotlights auf
typische Verhaltensweisen setzen.
Die Schauspieler:innen wechseln flott durch diverse Rollenskizzen. Als
diejenigen, die den Abend nicht überleben, beschreiben sie das Entsetzen
aus heiterem Himmel, das Nicht-begreifen-Können, dass sie gerade sterben.
Aber der Autor gönnt ihnen, sich aus dem Jenseits noch mal mit letzten
Worten der Liebe zu melden. Das ist aller tragischen Wucht zum Trotz eher
in einem nüchtern poetischen Duktus formuliert.
Passend dazu leuchtet Regisseurin Schirin Khodadadian die Facetten der
Fassungslosigkeit mit empathischer Klarheit aus. Die mörderische Gewalt ist
nur in Reaktionen der Figuren angedeutet, das Publikum muss sich das
kriegsähnliche Geschehen selbst vorstellen. Das Grauen wird dadurch noch
verstärkt. Dazu entweicht dem Renoir-Gemälde bald die Farbe, die Konturen
verschwimmen.
## Den Tätern kein Gesicht
Ein Verweis auf die nun anschwellende Angst der Pariser:innen vor
ständiger Bedrohung mit den Folgen einer nachhaltigen Zerrüttung vertrauter
Gegenwart und der Verödung des dargestellten Lebensgefühls. Ein Migrant
kommentiert die ersten TV-Bilder des Schreckens: „Das wirft uns wieder zehn
Jahre zurück.“ Das multikulturelle Miteinander ist perdu.
Das siebenköpfige Ensemble ist ein Chor introspektiver Einzelstimmen, die
zwar nur im Gesang zusammenfinden, aber als Gemeinschaft mit dem
kollektiven Trauma umgehen müssen. Dabei lassen alle tief in ihr
Gefühlschaos blicken. [4][Die Täter bleiben] konsequent gesichtslos. Neben
Opfern kommen aber auch Augenzeugen, Angehörige der Toten und Überlebende
zu Wort mit ihrem Schmerz, ihrer Scham und Trauer sowie der Frage, welchen
Sinn das Davongekommensein hat.
Jede:r wirkt nach den Erfahrungen der Anschläge sich selbst entfremdet.
Auch die sogenannten Helden. Etwa ein 20-jähriger Feuerwehrmann, total
überfordert hält er die Hand einer Schwerverletzten, die während seiner
Durchhalteansprache stirbt. Ebenso eindrücklich die innere Zerrissenheit
eines Polizisten, der schreiend um Hilfe flehende Verwundete ignorieren
muss, weil es den Konzertsaal zu stürmen und die sich mit Geiseln
verschanzenden Täter zu erschießen gilt. [5][Das wird ihn sein Leben lang
nicht loslassen.]
Ähnlich ergeht es einem Arzt, der in verzweifelnder Professionalität
schnell triagieren muss, um möglichst viele Leben zu retten. Selbst der
Tatortreiniger hat sich [6][der totalen Verstörung] zu stellen angesichts
der Folgen des Massakers.
## Hilflose Lieder zum Trost
Wenn die Spielenden das Leid nicht mehr ertragen, stimmen sie
lebensfreudige Lieder an. Oder geben sich mit Nebel und Glitzerlicht vital
lodernden Rückblenden in das Pariser Leben vor den Anschlägen hin. Zitieren
aus purer Hilflosigkeit auch mal Kalendersprüche. Und schwärmen zum Finale
erneut vom Küssen und [7][dem Glück des Unbeschwertseins]. Damit das
Publikum nicht paralysiert, sondern zumindest mit einem Funken Hoffnung das
Theater verlassen kann.
Dieser Abend lässt wohl niemanden kalt. Gerade weil er auch als Beispiel
für die Plötzlichkeit des Todes zu verstehen ist. Selten geht ein
dramatisches Konzept derart überzeugend auf, wie in dieser Inszenierung.
Ohne Abstriche: ein großartiger Theaterabend.
29 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Anschlagserie-in-Paris/!5251342
(DIR) [2] /Die-Terrorattacken-in-Paris/!5251364
(DIR) [3] /Spielfilm-ueber-Bataclan-Ueberlebende/!5899253
(DIR) [4] /Urteil-zu-Terroranschlaegen-in-Bruessel/!5951342
(DIR) [5] /Zehn-Jahre-nach-Terror-in-Paris/!6129075
(DIR) [6] /Theaterstueck-ueber-islamistischen-Terror/!6126237
(DIR) [7] /Gedenken-an-Nizza-Attentat/!6195881
## AUTOREN
(DIR) Jens Fischer
## TAGS
(DIR) Bataclan
(DIR) Deutsches Theater Göttingen
(DIR) Göttingen
(DIR) Paris
(DIR) „Islamischer Staat“ (IS)
(DIR) Schauspiel
(DIR) Social-Auswahl
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Theaterstück über islamistischen Terror: Wir stürzen und sind nicht mehr von dieser Welt
Vor zehn Jahren griffen islamistische Terroristen Paris an. Am Schauspiel
Köln versucht das Stück „V13“ zu erklären, was und warum es geschah.
(DIR) Französische Literatin im Theater: Vom Wühlen im Abgrund der Familie
Mit der Dramatisierung von Delphine de Vigans „Nichts widersetzt sich der
Nacht“ beseitigt das Deutsche Theater Göttingen einen Missgriff der
Übersetzung.
(DIR) Das Comeback der Komödie am Theater: Lauthals Lachen, aber hintergründig!
Die Tragödie gilt am Theater als sichere Bank. "Nichts gelernt und nicht
mal gelacht", heißt es dagegen, wenn eine Komödie misslingt. Dennoch ist
sie in die Theater zurückgekommen.