# taz.de -- Kleine Tiere in Namibia: Das Morgenritual des Toktokkies
> Viele Touristen wollen in Namibia vor allem die Big Five sehen: Elefant,
> Löwe, Büffel, Nilpferd, Leopard. Ein kleiner Käfer ist aber auch sehr
> spannend.
(IMG) Bild: Darauf einen Küstennebel! In der Namibwüste stellen sich Käfer (Toktokkies) aufrecht in den Wind, um die Feuchtigkeit abzufangen
Beim Blick in den Rückspiegel sind noch die Häuser der Hauptstadt zu
erkennen, durchs Seitenfenster blicken wir bereits auf eine Giraffe, die
den Hals und den Kopf durch die Gegend schaukelt. Das macht den ersten
Haken auf der Landkarte, die im Auto ausgebreitet ist.
Die Vorderseite der Karte zeigt unsere Route, die vom 1.800 Meter hoch
gelegenen Windhoek in die glutheiße Namibwüste, weiter Richtung
Atlantikküste und in einem großen Bogen zurück führt. Auf der Rückseite ist
die Tierwelt [1][Namibias] eingezeichnet. Die Big Five – [2][Elefant],
Löwe, Büffel, Nilpferd, Leopard – und Dutzende andere Arten, die man aus
Zoo oder Fernsehen kennt, mit Checkboxen zum Abhaken. Bis auf die Giraffe
sind alle Kästchen leer. Noch.
Eigentlich ist die Liste ungerecht. Sie reduziert Namibia auf die bekannten
Tiere. Es gibt kein Kästchen für die faszinierende Natur und die
Schauspiele, die sie aufführt. Niemand kann einen Haken hinter die
Sonnenuntergänge oder das Sandmeer setzen, das sich in der Namibwüste zu
einem Gebirge mit den weltweit höchsten Dünen formt. Und viel seltener als
die Big Five ist das, was wir jetzt erleben. Wir können es weder sehen noch
hören, aber wir riechen, was da näher kommt. Bei 39 Grad Celsius schmeckt
die Luft plötzlich nach Erde und Blumen. Herb, ein bisschen süß, obendrauf
eine Prise Salz.
Es dauert ein, zwei Minuten, dann zieht hinter den felsigen Bergen etwas
herauf, was hier in der Namibwüste einer Sensation gleicht: Regen. Er holt
sich Düne für Düne, Gipfel für Gipfel, verschluckt Sand und Sonne. Die
großen Tropfen platschen auf den Hut von Tony Bassinghtwaighte. Wasser
rinnt über seine Stirn, sein Shirt, seine Shorts. Der 70-Jährige hat
feuchte Augen. Er schiebt das auf den Regen. Niemand glaubt ihm.
## Eine knappe Ressource: Wasser
„Noch nie in meinem Leben habe ich hier Regen erlebt“, sagt
Bassinghtwaighte, der Touristen im Geländewagen durch Namibia kutschiert.
Er setzt sich, um das Naturschauspiel zu beobachten. [3][Jeder Regen ein
Segen].
In Namibia herrscht subtropisches Wüstenklima, es gilt als trockenstes Land
in Afrika südlich der Sahara. Es gibt Orte, da fallen gerade mal 20
Millimeter pro Jahr vom Himmel. In der Trockenzeit von Mai bis Oktober
regnet es fast gar nicht. Und nur ein bis zwei Prozent der gesamten
Niederschlagsmenge landet in Flüssen oder Grundwasserreservoirs, das
Allermeiste saugt die afrikanische Sonne auf.
Wasser ist immer nur für einen flüchtigen Moment zu sehen. Aber es ist da.
Immer. Auch in der Wüste. Man muss nur wissen, wo und wie man es findet
oder auffängt. Menschen und Tiere haben in Namibia ihre ganz eigenen
Taktiken, um zu überleben.
Für Touristen ist Namibia ein Karaffenland. Die Geländewagen sind mit
5-Liter-Kanistern bestückt, in der Kühlbox scheppern Coladosen, abends gibt
es eiskaltes Bier beim Sundowner. Wasser sprudelt nur im Wüstencamp aus der
Dusche. Wir bekommen den Hinweis, dass Skorpione auf dem Weg zurück ins
Luxuszelt lauern könnten. Man drückt uns eine Schwarzlichttaschenlampe in
die Hand, kurz darauf lugt schon eine Schere blaugrün zwischen den Steinen
hervor. Vor dem Schlafen kramen wir die Landkarte hervor, auf deren Liste
kein Skorpion zu sehen ist. Also beschließen wir, eine eigene Liste
anzufertigen: unsere persönlichen Little Five. Außergewöhnliche kleine
Tiere, die erst mal kaum ein Namibia-Reisender auf dem Schirm hat.
## Wie die Toktokkies Wasser sammeln
Den zweiten Haken machen wir am nächsten Morgen, als wir eine der größten
Dünen der Welt barfuß besteigen. Um „Big Daddy“ zu bezwingen, muss man sich
mehr als 300 Höhenmeter durch den Sand wühlen. Der Gipfel ist ein schmaler
Grat, auf dem ein paar Menschen völlig erschöpft sitzen, während schwarze
Käfer, Toktokkies genannt, über die steilen Hänge huschen. Wir sind leider
zu spät dran, um ihr Morgenritual zu beobachten, das „fog-basking“ („sich
im Nebel aalen“) genannt wird. Der Käfer stellt seinen Kopf nach unten
gegen den Wind und streckt sein Hinterteil steil in die Höhe. In dieser
Position fängt sein Körper den vorbeiziehenden Küstennebel auf, der ihm als
Hauptwasserquelle dient.
Wasser ist das beherrschende Thema in Namibia. Es bestimmt auch das Leben
von Guide Tony Bassinghtwaighte. Er wuchs auf der Rinderfarm seiner Eltern
in der Nähe von Windhoek auf. Der Vater wanderte mit der Wünschelrute über
das karge Land, auf der Suche nach dem richtigen Platz für einen Brunnen.
„Das ging immer eine Weile gut. Dann mussten wir neu bohren.“ Irgendwann
verkaufte der Vater die erste Farm, weil sie trocken lag. Die Familie zog
um. So ging es ein paar Mal.
Bassinghtwaighte wollte kein Landwirt werden. Seine Tochter ist in die
Küstenstadt Swakopmund gezogen, um der Trockenheit zu entkommen. Dort sorgt
der Atlantik für Abkühlung. Vor allem im afrikanischen Winter schickt der
kalte Benguelastrom Nebel Richtung Land, der die Gegend auch mal für ein
paar Tage komplett verschluckt. „Sonne gibt es überall und immer in
Namibia. Aber bei uns kriegst du Abkühlung“, sagt Barbara Zahradnicky, die
dort in einem Hotel arbeitet. Sie zeigt auf die mächtigen Dachrinnen an den
Häusern, in denen der Nebel kondensiert. Das Nebelwasser tröpfelt in ein
großes Weinfass. „Damit können wir unseren kompletten Garten gießen.“
Die Wüste rund um Swakopmund ist ideal für die Little-Five-Suche. Den
Namib-Lärmgecko, der mit seinem „Kek-kek-kek-kek“ in voller Lautstärke
seinem Namen alle Ehre macht, hören wir sofort – sehen ihn aber nicht.
Aufgrund seiner Farben wird er von der Wüste regelrecht verschluckt, doch
Guide Bassinghtwaighte entdeckt ihn trotzdem mit bloßem Auge.
Mehrere der Little Five sind sehr scheu und tarnen sich grandios. Von der
Zwergpuffotter sehen wir nur die Augen, die aus dem Sand ragen. Dann ist
die Schlange verschwunden. Auch sie ist eine Überlebenskünstlerin, drückt
bei Nebel ihren Körper flach in den Sand, um Feuchtigkeit auf ihren
Schuppen zu sammeln, die sie dann von ihrer Haut abtrinkt. Nummer fünf
unserer Liste kriegen wir nur auf dem Handy von Tony Bassinghtwaighte zu
sehen. Der Namibgecko ist fast durchsichtig, hat Schwimmhäute zwischen den
Zehen, die wie Schneeschuhe im Sand wirken. Was uns noch mehr beeindruckt:
Zum Trinken nutzt das Tier seine großen, lidlosen Augen, denn auf denen
kondensiert der Küstennebel ebenfalls. Die Wassertropfen leckt der Gecko
dann einfach mit der Zunge ab.
Und die Big Five? Auch da kommen wir auf vier Haken. Wir beobachten zwei
Löwenpaare, wie sie sich die Reste eines Zebras teilen, anderswo zwei
Nashörner, die friedlich in den Wald traben. Einmal kommt auch [4][ein
Leopard] ums Eck. Elefanten begegnen wir, als wir durchs staubtrockene
Aba-Huab-Flussbett cruisen. Sie können mit ihren riesigen Füßen sogar im
ausgetrockneten Flussbett graben, um an das Wasser zu gelangen, das sich
unter einer rund 30 Zentimeter dicken Schicht aus Sand und Staub verbirgt.
Nirgends ist Wasser in Namibia. Und doch ist es überall.
Transparenzhinweis: Diese Reportage wurde unterstützt von der
Fluggesellschaft Edelweiss Air und der Reiseagentur Defender Experience.
18 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Christian Schreiber
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