# taz.de -- Regisseur Werner Herzog: „Die Welt eröffnet sich für die, die zu Fuß sind“
> Regisseur Werner Herzog wird beim Filmfestival von San Sebastián für sein
> Lebenswerk geehrt. Er spricht über seinen neuen Film „Bucking Fastard“
> und KI.
(IMG) Bild: Er hat noch was vor: Werner Herzog nimmt in San Sebastián den Donostia-Preis entgegen
Das Filmfestival von San Sebastián ehrt Werner Herzog mit dem Donostia
Award für sein Lebenswerk. Doch der 84-jährige Filmemacher denkt lieber
über das nach, was noch vor ihm liegt. Im Gespräch redet er über seinen
neuen Spielfilm „Bucking Fastard“, Kaspar Hauser, [1][künstliche
Intelligenz] und warum sich die Welt denjenigen zeigt, die zu Fuß gehen.
taz: Herr Herzog, Sie haben am Wochenende hier den Donostia Award für Ihr
Lebenswerk erhalten. Aber Zurückblicken liegt Ihnen offenbar nicht
besonders.
Werner Herzog: Ich bin ja eigentlich ein arbeitender Mensch. Mein nächster
Film ist auch bereits fast fertig. Ebenso ein großer Bildband bei Taschen
und ich bin an einem neuen Schreibprojekt. Ich sitze also nicht da und
schaue: Was habe ich denn damals gemacht, vor 40 Jahren oder vor 50 Jahren?
Wenn ich mal zurückblicke, dann eher flüchtig. Ich habe einfach noch
richtig gute Storys in mir.
taz: Woher wissen Sie, welche davon Sie als Nächstes machen?
Herzog: Stellen Sie sich vor, Sie wachen morgens um vier auf, weil es in
Ihrer Küche Geräusche gibt. Sie schalten das Licht an, und da stehen vier
Einbrecher. Einer geht mit einer Axt auf Sie los. Dann kümmern Sie sich
zuerst um den, der mit der größten Vehemenz auf Sie zukommt. Mit meinen
Filmen ist es genauso.
taz: Im vergangenen Jahr sind Sie sogar zu Instagram gestoßen. Was hat Sie
dazu gebracht?
Herzog: Mein jüngerer Sohn. Der hat gesagt, ich darf da nicht so altmodisch
sein. Ich benutze ja kein Handy. Er sagte: Heute gibt es ein völlig anderes
Publikum. Für die ist es eigentlich gut, wenn sie in so kleinen Vignetten
sehen, was ich so treibe, auch außerhalb von Dreharbeiten, was mich bewegt
oder was mir gerade durch den Kopf geht. Mein Sohn weiß, wie man das ins
Netz stellt. Einige Videos dreht er, andere meine Frau. Ich selbst weiß
nicht, wie die Reaktionen sind. Ich folge auch niemandem. Null. Niemandem.
taz: [2][Eine dieser Geschichten ist „Bucking Fastard“, Ihr neuer
Spielfilm], der hier ebenfalls gezeigt wird. Darin leben zwei Schwestern in
beinahe symbiotischer Einheit und beginnen, einen Tunnel durch einen Berg
zu graben. Sie wehren sich dagegen, die beiden als Außenseiterinnen zu
sehen. Gleichzeitig werden sie von ihrer Umwelt als anormal wahrgenommen.
Wer sind denn eigentlich die Außenseiter?
Herzog: Das ist immer die Frage: Von wo sehen Sie Normalität? Kaspar Hauser
ist für mich auch nicht der Außerirdische, der hier auf der Erde gelandet
ist und noch nie Menschen gesehen oder menschliche Sprache gehört hat.
Obwohl er so extrem ungewöhnlich erscheint, ist er für mich das Zentrum,
weil er völlig unverbogen von gesellschaftlichen Normen auftaucht. Alle
anderen sind bizarre, deformierte Außenseiter. Die beiden Schwestern sehe
ich ähnlich. Wie ist es möglich, dass zwei Schwestern eine Seele, eine
Identität haben? Für uns ist es selbstverständlich, dass es uns nur
individuell gibt. Das wird hier auf einmal infrage gestellt.
taz: Bei der Pressekonferenz haben Sie gesagt, wir müssten unsere Seele
verteidigen. Gegen was?
Herzog: Das war eigentlich ein bisschen ein Blick auf [3][künstliche
Intelligenz]. Denn da ist ja infrage gestellt: Wie viel sind wir bereit,
selbstständig zu denken? Und wie viel sind wir bereit, von unseren Träumen
an künstliche Intelligenz abzugeben? Deswegen sage ich immer den jungen
Leuten, die irgendeinen Rat haben wollen: Seht zu, dass ihr euer Denken,
eure Träume nicht irgendwelchen Algorithmen überliefert. Warum grabt ihr
nicht ein Loch in die Erde? Warum baut ihr nicht ein kleines Haus in einen
Baum?
taz: Auch „Bucking Fastard“ folgt einer gewissen Traumlogik. Wie entsteht
so eine Geschichte bei Ihnen?
Herzog: Ich entwickle da gar nichts. Ich sehe einen Film, so wie Sie einen
Film im Kino sehen, und schreibe dann eigentlich nur ab, was ich sehe.
Deshalb habe ich nie Figurenentwicklung oder Entwicklung der Geschichte
oder drei Akte oder all so etwas. „Bucking Fastard“ habe ich in fünf Tagen
geschrieben, ganz entspannt. Zwischendurch habe ich meine Steuererklärung
gemacht und für Freunde gekocht.
taz: Woher wissen Sie dann, dass etwas filmisch funktioniert, auch wenn es
nicht offensichtlich plausibel ist?
Herzog: Das weiß ich, weil das mein Beruf ist. Ich war immer schon
Geschichtenerzähler, und als Geschichtenerzähler war ich immer gut. Andere
sind besser mit digitalen Tricks und Special Effects. Deswegen interessiert
sich ein Teil von Hollywood für mich, weil es da ein spürbares Defizit an
guten Stoffen gibt.
taz: Sie haben hier auch gesagt, abstrakte Ideen seien der Feind des Kinos.
Gleichzeitig werden Ihre Filme von Kritikern und Zuschauern immer wieder
philosophisch interpretiert.
Herzog: Das können sie gerne. So ist das mit der Literatur ja auch. Aber es
erklärt natürlich nicht alles. Die Logik der Geschichte ist eher wie die
Logik in Gedichten oder die Logik in Träumen. Trotzdem ergibt sich ein
klares Weltbild. Das ist spürbar. Das hat eine innere Logik, die so einen
Film völlig normal erscheinen lässt.
taz: Gibt es Interpretationen, die Sie ärgern oder die Sie ablehnen? Wem
gehört ein Film, wenn er fertig ist?
Herzog: Schauen Sie, der Film lief Anfang September in Venedig auf dem
Festival. Da ist er anders aufgenommen worden als hier. Und wenn Sie den
Film in einer Strafvollzugsanstalt zeigen – das haben wir in Venedig getan
–, dann sehen die Menschen ihn wegen ihrer besonderen Situation wieder ganz
anders. In 30, 40 Jahren hat sich das Publikum gewandelt, die
Sehgewohnheiten haben sich verändert. Dann werden Sie vermutlich eine ganz
eigene Interpretation sehen. Das ist auch völlig in Ordnung so.
taz: In Ihrer Dankesrede haben Sie die Basken als „Volk der Poesie, ein
Volk der Dichter“ bezeichnet. Woher kommt diese Faszination für die
baskische Kultur?
Herzog: Weil sie wirklich einzigartig ist. Schon die Sprache ist mit keiner
anderen verwandt. Zum Beispiel manifestiert sich deren Kultur jährlich in
einem riesigen Wettbewerb improvisierender Dichter, Bertsolari genannt.
Zehntausende Leute sind da und jubeln. Ich schaue mir das jedes Jahr auf
YouTube an. Ich spreche kein einziges Wort ihrer Sprache, aber wenn ich
sehe, wie die Dichter miteinander wetteifern, sich gegenseitig überbieten
und immer weitergehen, ohne genau zu wissen, worüber sie sprechen, spüre
ich eine Gemeinschaft. Ich habe das Gefühl, als gehörte ich dorthin. Vor
vielen Jahren bin ich einmal zu Fuß hierhergekommen, über 1.000 Kilometer,
am Schluss die ganzen Pyrenäen entlang, allerdings mehr auf der
französischen Seite des Baskenlands. Wenn Sie da zu Fuß sind, kommt auf
einmal zum Vorschein, was sonst verschüttet ist: eine natürliche,
bedingungslose Gastfreundschaft. Wer zu Fuß kommt, muss erst einmal am Herd
getrocknet werden, weil er durch und durch triefend nass ist. Dann muss er
gewärmt und gefüttert werden und bekommt ein Bett zum Schlafen. So war das
auch bei den Bergbauern in den Pyrenäen. Immer.
taz: Das Zufußgehen ist für Sie eine besondere Art, Land und Menschen
kennenzulernen?
Herzog: Die Welt eröffnet sich für die, die zu Fuß sind. Heute sind für
mich nur noch kürzere Strecken möglich. Bei meinem letzten Dokumentarfilm
„Ghost Elephants“ habe ich in den USA, in Namibia und in der nördlichen
Kalahari gedreht. Dann gingen die Fährtenleser weiter nach Norden ins
Hochland von Angola. Die letzten 150 Kilometer waren nur zu Fuß, durch
Flüsse waten und jeden Tag zehn Stunden hinter scheuen Elefanten her. Da
habe ich gesagt: Dafür bin ich zu alt. Der Produzent ist mit einem
Kamerateam gegangen und hatte eine genaue Aufgabenliste. Der wusste, was
ich brauchte. Das war dann aus der Entfernung Regie geführt, weil es für
mich körperlich nicht mehr machbar war. Der Film, den ich übrigens gerade
fertigstelle, ist ein Dokumentarfilm über einen Mann, der seit 29 Jahren zu
Fuß unterwegs ist. „Walk of Life“. Immer weiter.
24 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Kuenstliche-Intelligenz/!6215228
(DIR) [2] /Film-Bucking-Fastard-von-Werner-Herzog-in-Venedig-Toleranz-fuer-Quatsch/!6209747
(DIR) [3] /Welle-der-KI-Furcht/!6208375
## AUTOREN
(DIR) Thomas Abeltshauser
## TAGS
(DIR) Werner Herzog
(DIR) San Sebastián
(DIR) Filmfestival
(DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
(DIR) Fußverkehr
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Film „Bucking Fastard“ von Werner Herzog: Was für ein merdammter Vistkerl
Regisseur Werner Herzog bekommt Genugtuung in Venedig mit seinem jüngsten
Streich, „Bucking Fastard“. Kate und Rooney Mara brillieren darin als
Schwestern.
(DIR) Werner Herzog und Cannes: Zu viele Schwestern suchen die Liebe
Werner Herzog reist nicht nach Cannes: Er wurde nicht in die Hauptsektion
eingeladen. Dabei hätte er sich für „kleine“ Filme starkmachen können.
(DIR) Filmfestspiele Venedig: Die Stars treffen sich im botanischen Garten
Lidokino 1: Die 82. Internationalen Filmfestspiele von Venedig beginnen.
Von Zeitgeschichte bis Science-Fiction ist praktisch alles dabei.