# taz.de -- Roman „Karbid“ von Andriy Lyubka: Tunnel nach Europa
> „Karbid“ ist ein Schelmenroman. Von einem genialen Geschichtslehrer, der
> in Transkarpatien die europäische Integration der Ukraine ersann.
(IMG) Bild: Mit einem Tunnelbohrer: europäische Integration mal anders
Der Weg der Ukraine führt irgendwann unweigerlich nach Europa und in die
EU, hieß es spätestens nach dem Euromaidan immer. Doch was, wenn die
europäische Seite sich nicht oder zu spät bewegt? Eine aberwitzige
Geschichte darüber hat der ukrainische Schriftsteller Andriy Lyubka bereits
im Jahr 2015 ersponnen, jetzt ist sie im Trsnit Verlag erschienen.
In einem kleinen fiktiven Ort namens Wedmediw, in Transkarpatien nahe der
ungarischen und slowakischen Grenze gelegen, haben die Dorfgauner sehr
lange vom Schmuggel begehrter Waren gelebt, die über verschlungene Pfade
ins Nachbarland gelangten.
Geschichtslehrer Tys, ein glühender Nationalist und Proeuropäer, kommt eine
Idee, wie die Grenze zur EU einfacher zu überqueren ist: durch einen
Tunnel, der aber nun Ukrainer nach Europa schleusen soll – europäische
Integration mal anders. „Die Ukraine soll mit Europa vereint werden. […]
Wenn die Ukraine ein europäischer Staat ist, wenn der Mittelpunkt Europas
in Transkarpatien liegt, wird es niemals gelingen, uns dem Schoß Europas zu
entreißen“, so Tys in einer Rede.
## Schelmenroman der Neuzeit
Vom Stil her erinnert Lyubkas Roman an alte Schelmenromane oder satirische
Novellen. Den Witz bezieht er aus der korrupten Veranlagung vieler seiner
Figuren, aber auch aus den Charakteren an sich. Bauen soll den Tunnel
zunächst der „widerliche alte Totengräber“ Öcsi. Der geht dilettantisch zu
Werk und kommt schließlich fast zu Tode.
Da kommt Rechtsmedizinerin Uljana Kruk ins Spiel, der nachgesagt wird,
allen Männern im Dorf den Kopf zu verdrehen und sie zu verführen. Sie wird
nun selbst Teil des Plans, der fortan professioneller verfolgt wird. Ein
Tunnelbohrer wird angeschafft, und während nun sogar Loren nach Ungarn
führen sollen, bekommt Tys Probleme in den eigenen Reihen.
[1][Andriy Lyubka] ist heute ein angesehener Autor in der Ukraine, er ist
seit Anfang 2026 selbst Teil des ukrainischen Militärs. In „Karbid“ erzählt
er nebenbei auch die Geschichte einer Region, die von vielen verschiedenen
Herrschaften geprägt ist und in der viele Identitäten aufeinanderprallen.
So erzählt er in dem Buch unter anderem von der ungarischen Räterepublik
oder von der Sowjetzeit rund um das nahe gelegene Uschorod. Vielleicht
würde Lyubka heute, nach Beginn des russischen Angriffskriegs, eine solche
Groteske nicht mehr schreiben. Ihre Berechtigung hat diese Satire aber
leider immer noch. Jens Uthoff
9 Oct 2026
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