# taz.de -- Nabu-Chef zu Klimaschutz mit Mooren: „Gucken Sie aus dem Fenster!“
       
       > Umweltminister Schneider will Moore fürs Klima wiedervernässen, doch die
       > CSU bremst ab. Nabu-Chef Krüger erklärt, wie sich Kritiker überzeugen
       > lassen.
       
 (IMG) Bild: Wolken spiegeln sich im wiedervernässten Himmelmoor bei Quickborn
       
       taz: Herr Krüger, SPD-Umweltminister Schneider hat das milliardenschwere
       [1][Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz] weiter entwickelt, um vor
       allem Moore und Wälder besser zu schützen. Aber in der Regierung steht er
       oft allein. Ihr Ein-Satz-Argument für ihn? 
       
       Jörg-Andreas Krüger: Gucken Sie aus dem Fenster! Die Hitze, die Dürre, das
       Niedrigwasser setzen die Energieproduktion unter Stress, Lieferketten
       reißen, weil die Binnenschifffahrt eingeschränkt ist, örtlich wird
       Trinkwasser knapp, dazu die Feuer europaweit. Es ist nicht nur der Rasen im
       Garten, der braun wird. Der Klimawandel schadet der Wirtschaft.
       
       taz: Moore gelten als wichtige Helfer gegen die Erderhitzung. Darum will
       der Umweltminister für sie ein „überragendes öffentliches Interesse“
       geltend machen. CSU-Agrarminister Alois Rainer ist aber dagegen – und nun? 
       
       Krüger: Das ist das wirklich Anstrengende derzeit. Die Flüsse versiegen?
       [2][Wir baggern die Fahrrinnen einfach weiter aus]! Immer wieder muss man
       erklären, dass solche alten Konzepte die derzeitigen Probleme mit
       verursacht haben, dass sie nicht helfen.
       
       taz: Alois Rainer sagt dazu: „Ich kann’s nicht regnen lassen, sonst tät
       ich’s machen.“ 
       
       Krüger: Aber es ist kein Wetter. Hitzewellen und Dürren häufen sich. Das
       lässt sich auch nicht abtun mit „Früher hat es auch warme Sommer gegeben“.
       Wir müssen mit Wasser anders umgehen. Seit 150 Jahren soll das immer
       möglichst schnell raus aus den Äckern und Wiesen, wird abgeleitet in Flüsse
       und ins Meer, ist damit weg. Das geht noch schneller, wenn der Fluss weiter
       vertieft wird. Wir brauchen heute Landschaften, die Niederschläge wie ein
       Schwamm aufnehmen und in Dürren wieder abgeben können. Intakte Moore sind
       da unverzichtbar.
       
       taz: Sie wurden aber einst mit viel Mühe trockengelegt, damit Landwirte
       ackern können. Die Felder jetzt wieder unter Wasser setzen – ist das nicht
       eine Zumutung? 
       
       Krüger: Das war eine kulturelle Leistung, ja. Meine eigenen Großeltern
       hatten einen Hof in Norddeutschland, wo die Pferde noch breite Moorschuhe
       trugen, um nicht zu versinken. Die Arbeit wurde viel leichter, als die
       Wiesen und Felder dann endlich in den 1960er Jahren entwässert wurden. Nun
       kommt der Enkel und sagt, das [3][muss alles wieder nass werden]. Das ist
       nicht einfach. Heute setzen diese entwässerten Moore aber knapp [4][sieben
       Prozent der Treibhausgasemisisonen] frei.
       
       taz: Sinkt das Wasser in Mooren, werden die zu Torf gewordenen
       Pflanzenreste zersetzt. Das in ihnen gespeicherte CO2-Treibhausgas geht in
       die Atmosphäre. 
       
       Krüger: Darum soll das Wasser nun wieder angestaut werden, bis etwa vier
       Zentimeter unter der Geländeoberkante.
       
       taz: Dafür ist in Zeiten austrocknender Flüsse genug Wasser da? 
       
       Krüger: Bei den sich aus Regenwasser speisenden Hochmooren in Niedersachsen
       mag es mancherorts eng werden, sonst eher nicht. Moore zu schützen ist der
       beste Klimaschutz, den man machen kann, auch volkswirtschaftlich gesehen.
       Da stehen nun 1,75 Milliarden Euro bis 2029 zur Verfügung, damit lässt sich
       einiges machen. Zum Vergleich: Zur Umstellung der deutschen Stahlindustrie
       auf grünen Stahl sind bereits bis zu 7 Milliarden Euro geflossen.
       
       taz: Minister Schneider ist offenbar selbst skeptisch, Verbündete zu finden
       – warum sonst verspricht er für den Moorschutz nun eine „attraktive“ und
       nicht einfach eine Förderung? 
       
       Krüger: Das Wort mag unüblich sein. Aber es geht für die Landwirte auch um
       viel. Sie müssen ihr Betriebsmodell ändern. Ein Waldbesitzer, der seinen
       Wald umbaut und anders bewirtschaftet, macht immer noch Waldwirtschaft. Auf
       einem wiedervernässten Boden kann ein Milchbauer aber keine Kühe mehr
       laufen lassen. Er muss sich auf neue Wertschöpfungsketten einlassen, in
       Zukunft zum Beispiel Seggen und Binsen ernten für die Produktion von
       Kartons, die der Hamburger Handelskonzern Otto schon nutzt. Der
       Umweltminister setzt auch auf Photovoltaik-Anlagen auf Mooren als neue
       Einnahmequelle. Für den Wechsel müssen Landwirte gewonnen werden. Und
       honoriert.
       
       taz: In Schneiders Entwurf steht wortwörtlich: „Wir werden ein überragendes
       öffentliches Interesse für den Moorerhalt und den Moorschutz … gesetzlich
       verankern, wobei das Prinzip der Freiwilligkeit nicht eingeschränkt wird.“
       – Ein Widerspruch? 
       
       Krüger: Soll auf einem Moorboden ein Neubaugebiet entstehen, stünde das
       überragende öffentliche Interesse dem entgegen, die Unverbaubarkeit eines
       solchen Gebietes hätte Vorrang. Die landwirtschaftliche Nutzung wäre aber
       nicht verboten, eine Wiedervernässung nur in Absprache mit den
       Landeigentümern möglich.
       
       taz: Der Umweltminister will auch den Holzbau stärken – wie hilft das? 
       
       Krüger: Derzeit werden 80 Prozent der deutschen Buche – eine der
       Hauptbaumarten – verheizt. Bäume nehmen während ihres Wachstums CO2 aus der
       Luft auf. Das bleibt im Holz nur gespeichert, so lange es in Produkten
       genutzt wird. Ein Dachstuhl kann 100 Jahre und länger halten, das ist super
       für den Klimaschutz.
       
       taz: Aber? 
       
       Krüger: Gebaut wird vor allem mit Nadelholz. Im Fichtenwald ist alles schön
       gerade. Laubbäume wachsen hingegen quer und knurzelig. Sie lassen sich
       nicht so einfach als Balken nutzen. In der Nachkriegszeit, als man schnell
       viele Rohstoffe zum Wiederaufbau brauchte, wurde darum alles auf Nadelholz
       ausgerichtet. Daher kommen die Monokulturen, die im Klimawandel wenig
       robust sind. Sie müssen zu Mischwäldern umgebaut und für das Bauen mit
       Laubholz technische Lösungen entwickelt werden.
       
       taz: Aber Holzhäuser gehen eher in Flammen auf – ist das nicht ein Problem? 
       
       Krüger: Ein Holzbalken brennt kontrollierter ab als ein Stahlträger.
       Letzterer ist ganz lange fest, verformt sich dann und stürzt plötzlich
       zusammen. Das ist für Feuerwehren schwieriger. In Schweden und Österreich
       wird zudem schon lange viel mit Holz gebaut. Bund, Länder, Kommunen müssten
       da jetzt nur vorangehen bei ihren Neubauten.
       
       taz: Der Bund will „Vorbild und Vorreiter“ sein. Stimmt das? 
       
       Krüger: Schön, aber nur eine Absichtserklärung. Ohnehin bleibt Vieles vage.
       Das Neue aber: Bis 2029 nimmt die Regierung für den natürlichen Klimaschutz
       schon jetzt 4,6 Milliarden Euro in die Hand. Und Schneider will in den
       nächsten Haushaltsverhandlungen weiteres Geld fordern – endlich mal ein
       Aktionsprogramm mit mehr als Worten.
       
       16 Aug 2026
       
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