# taz.de -- Schwuler Animationsfilm „Jim Queen“: Hetero – Gott bewahre!
       
       > Ein schwuler Influencer verliert seine Bauchmuskeln und fürchtet das
       > Schlimmste: Heterosexualität. „Jim Queen“ ist eine lustvolle Satire
       > schwuler Schönheitsideale.
       
 (IMG) Bild: Gemeinsam gegen die „Heterose“: Jim und sein Follower Lucien in „Jim Queen“
       
       Die Errungenschaften queerer Emanzipation werden gerade wieder infrage
       gestellt wie lange nicht mehr. Rechte Kräfte in Europa und den USA poltern,
       unterstützt von einer wachsenden Schar an Anhängern, gegen „Gendergaga“ und
       die „Regenbogenagenda“ einer „lauten Minderheit“ – und zeigen sich dabei
       selbst seltsam fasziniert von Geschlecht und Sexualität. In Deutschland
       steckt der Community noch der [1][Angriff auf den Berliner CSD] in den
       Knochen, da schimpft schon wieder irgendein Kardinal auf „gottlose“
       Homosexuelle und bemüht das biblische „Sodom und Gomorrha“.
       
       Ein greller Animationsfilm wie „Jim Queen“ ist in dieser Gesamtlage gleich
       in mehrfacher Hinsicht eine Wohltat. Nicht nur, weil er bei den
       Filmfestspielen von Cannes zu sehen war und das für eine solch kleine
       Kuriosität von Film schon eine schöne Rückversicherung in sich birgt: dass
       die Kultur noch immer voll und ganz von etwas durchzogen ist, für das
       besagter Kardinal wohl kein besseres Wort als „Häresie“ zur Hand hätte. Zu
       „Jim Queen“ passt „eine lustvoll respektlose Freude am Schwulsein“ aber
       doch deutlich besser.
       
       Die „Respektlosigkeit“ gilt dabei nicht zuletzt der eigenen Szene. Das
       französisch-belgische Regiegespann Marco Nguyen und Nicolas Athané kennt
       deren Codes genau und macht sich mit herrlichem Mut zum Insiderwitz über
       schwule Stereotype her. Mit anderen Worten: „Jim Queen“ merkt man
       glücklicherweise nicht an, dass es gerade wieder einiges zu verteidigen
       gilt – ein Umstand, unter dem die Bereitschaft zur Selbstironie gemeinhin
       schnell leidet.
       
       Im Gegenteil, hier ist schon der titelgebende Protagonist ein wandelndes
       Klischee. Aber wie es sich mit Klischees eben so verhält: eines, für das
       man durchaus einschlägige Entsprechungen in der Realität findet. Jim (Alex
       Ramirès) – der Name ist eine Anspielung auf das gleich klingende englische
       „gym“ – ist im Film einer von vielen schwulen Männern, für die Fitness zum
       Lebensinhalt und die penible Arbeit am eigenen Körper zum nie
       abgeschlossenen Perfektionsprojekt geworden ist. Nicht umsonst heißt Jim
       mit Nachnamen obendrein „Parfait“: Er ist der Trainierteste, der
       Gestählteste und Begehrteste von allen, als Fitness-Influencer mit
       Abermillionen von Followern zudem rund um den Globus bekannt.
       
       ## Dem Schrecken einen Namen geben
       
       Bei so viel Eitelkeit bricht natürlich sogleich Jims ganze Welt zusammen,
       als eines schrecklichen Morgens plötzlich das Sixpack zu schwinden beginnt.
       Seine beste Freundin Nina (Shirley Souagnon) arbeitet in einem Krankenhaus
       und kann dem Schrecken einen Namen geben: In Paris ist eine ominöse
       Krankheit ausgebrochen, die sogenannte „Heterose“.
       
       Auch ihre Symptome klingen für Jim verheerend: Zunächst bildet sich der
       athletische Körper zurück, irgendwann wird er verstehen, was „Abseits“
       bedeutet und ganz am Ende – Gott bewahre – nur noch auf Frauen stehen.
       Während dieses Bedrohungsbild durchaus gewitzter hätte geraten können – da
       ist [2][Ikkimel zuletzt im ZDF-„Morgenmagazin“] ein feineres gelungen –,
       sitzen die satirischen Spitzen beim anschließenden Parforceritt Parfaits
       durch die Szene deutlich besser.
       
       Zu einem solchen gerät seine Suche nach einem Doktor, der angeblich ein
       Heilmittel gegen die „Heterose“ herstellen kann. Der Haken daran: Die
       finale Zutat fehlt, und die kann nur der noch nicht geoutete Lucien (Jérémy
       Gillet) liefern. Warum genau, erfahren die beiden selbst erst gegen Ende.
       Der junge, schmächtige Mann ist allerdings selbst Fan von Jim Parfait, und
       aus der Distanz regelrecht vernarrt in diesen muskulösen, demonstrativ
       maskulinen Mann.
       
       ## Das „G“ bleibt unter sich
       
       Dass ausgerechnet dieses ungleiche Duo nun gemeinsam durch Paris ziehen
       muss, ist selbstredend kein Zufall. Auf ihrer Suche nach dem Arzt geraten
       die beiden Männer an die unterschiedlichen Subkulturen der schwulen Szene,
       von den „Bären“ bis zu den „Sniffern“. Dabei interessiert sich „Jim Queen“
       nicht nur für all das, was die einzelnen Fraktionen an komischem Material
       hergeben, sondern auch für das eigentümliche Neben- und bisweilen
       Gegeneinander, das sich hinter dem großen „Community“-Versprechen verbirgt.
       
       Dragqueen Glamydia (Harald Marlot) bringt diesen seltsamen Separatismus
       einmal mit angemessener Ernüchterung auf den Punkt: Wenn von „LGBTQIA“ die
       Rede sei, klinge das so sehr nach Gemeinschaft und Verständigung – und doch
       blieben am Ende die meisten, allen voran das darin enthaltene „G“, lieber
       unter sich.
       
       Die treffendste Spitze heben sich Marco Nguyen und Nicolas Athané gegen
       diesen Zustand, vor allem gegen die Hierarchien unter den
       Kleinstgruppierungen, und damit auch für ihren Protagonisten auf: Jim
       Parfait steht stellvertretend für den Typus des schwulen Mannes, der sich
       in dieser Ordnung ganz oben wähnt und auf alle anderen herabblickt –
       ausgerechnet, weil er sich über erstaunlich klassische Vorstellungen von
       Männlichkeit definiert.
       
       An der Seite von Lucien darf Jim nun also ein wenig Demut lernen. Ihm auf
       dem Weg dorthin zuzusehen, ist nicht nur kurzweilig und voller kluger
       Beobachtungen. Es führt auch zu einer Pointe, die gerade in diesen Zeiten
       etwas Tröstliches hat: Diesmal ist es nicht der Sex, der krank macht. Es
       ist der Sex, der heilt.
       
       23 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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