# taz.de -- Film „Das geträumte Abenteuer“: Das trübe Gewässer ihrer Heimatstadt
> In Valeska Grisebachs „Das geträumte Abenteuer“ wandert die Protagonistin
> durch eine Welt aus Kriminalität und Frauenhass. Gefahr lauert überall.
(IMG) Bild: Auf Spurensuche in ihrer Geburtsstadt: Veska (Yana Radewa) in „Das geträumte Abenteuer“
Es gibt Gesichter, die man nicht müde wird anzuschauen. Gesichter, in die
sich das Leben eingeschrieben hat. Knorrige Gesichtszüge, tief in die Haut
gegrabene Falten, die Gelassenheit eines milden Lächelns; darin steckt die
Erfahrung aus zu viel Erlebtem, als dass man das Interesse an diesen
Gesichtern verliert. Allein ihr Anblick auf der Leinwand genügt, um ein
Kopfkino in Gang zu setzen.
Zwei solcher Gesichter gehören den bulgarischen
Laienschauspieler:innen Yana Radeva und Syuleyman Letifov. Die
deutsche Regisseurin Valeska Grisebach hat sie für ihren neuen Film „Das
geträumte Abenteuer“ gecastet, wobei [1][Letifov bereits in ihrem
vorangegangenen Film „Western“ (2017)] in einer Nebenrolle zu sehen war.
Letifov verkauft eigentlich Autoteile und arbeitet nebenher in einem
Steinbruch. Dort hat ihn Grisebach auch entdeckt. Radeva ist gelernte
Geologin, war in der Glücksspielbranche tätig und verkauft
Kosmetikprodukte.
In [2][„Das geträumte Abenteuer“, der dieses Jahr den großen Preis der Jury
in Cannes gewann], spielen sie Veska und Said. Beide sind Anfang 60, kennen
sich von früher und laufen sich nach Jahrzehnten zufällig in Svilengrad,
einer bulgarischen Kleinstadt nahe der türkisch-griechischen Grenze, über
den Weg. Veska lebt in Sofia, arbeitet aber als Archäologin gerade an einer
nahegelegenen Ausgrabungsstätte.
## Gesellschaftshistorische Schichten freilegen
Said ist aus geschäftlichen Gründen in der Stadt. Genauer gesagt möchte er
mit „dem Raben“ (Zhivko Ahopov), einem lokalen Kleinganoven, ein
halbseidenes Dieselgeschäft abschließen. Da ihm am helllichten Tag sein
VW-Passat (ein perfektes Schmugglerauto, wie ihm später gesagt wird)
gestohlen wird, nimmt Veska ihn kurzerhand zu ihrer Ausgrabung an einer
Turmruine mit. Später begleitet sie ihn zu seinem Geschäftstermin.
Am nächsten Tag ist Said weg. Er wird erst gegen Ende des Films wieder
auftauchen. Vor seinem Verschwinden erkundigte er sich noch nach der
Schwester eines Mannes, der vor 30 Jahren ermordet wurde. War zuerst Said
im Fokus, übernimmt die Geschichte fortan Veska.
Sie beginnt, nach Hinweisen auf sein Verschwinden zu suchen und begibt sich
dabei immer weiter ins trübe Gewässer ihrer Heimatstadt. In der haben
staatliche Autoritäten wenig zu sagen.
Veskas Beruf als Archäologin ist zugleich Sinnbild für Grisebachs Ansinnen.
In den zweieinhalb Stunden ihres Films legt sie behutsam
gesellschaftshistorische Schichten frei, die sich an diesem Ort an der
europäischen Außengrenze seit dem Zerfall des Ostblocks überlagert haben.
## Wie ein vergessener Grenzposten
Nach der Unabhängigkeit Bulgariens kam es zu einem Machtvakuum. Eine Art
Goldgräberstimmung setzte ein. Kaum jemand, der damals kein krummes Ding
drehte.
Es war aber auch eine „Zeit der Männer“, wie es einmal heißt, die sich
einfach nahmen, was sie wollten. Und das waren nicht selten Frauen, die
ausgenutzt und missbraucht wurden. Anekdoten erzählen sich die Menschen in
Svilengrad mit abgeklärtem Humor: „Wo das Recht endet, beginnt Svilengrad.“
Jene Szenen, wenn die Menschen abends bei zu viel Zigaretten und Schnaps an
großen Tischen zusammenkommen, sind herausragend und wirken wie
dokumentarische Vignetten aus dem Alltag der Svilengrader. Die Kamera von
Bernhard Keller folgt Veska zu diesen ausgedehnten Zusammenkünften wie ein
stiller Begleiter.
Bloß vom Traum an eine bessere Zukunft scheint nicht mehr viel übrig zu
sein. Die Stadt wirkt wie ein sich selbst überlassener und vergessener
Grenzposten in der kargen und von der Sonne versengten Hügellandschaft.
Valeska Grisebach recherchierte mehrere Jahre für ihren Film, den sie wie
ihre vorherigen Spielfilme ausschließlich mit Laien besetzte. Einem
ausgearbeiteten Drehbuch folgte sie nicht, ebenso wenig einer klaren
Dramaturgie.
Grisebach, deren Filme gerne der Berliner Schule zugerechnet werden,
arbeitet nicht nach dem Prinzip der stilisierten Verdichtung, wie es etwa
ihr polnischer Kollege [3][Paweł Pawlikowski zuletzt bei „Vaterland“] tat.
Sie folgt vielmehr dem Gegenteil, einem mäandernden Erzählen, das die Zeit
regelrecht zerfließen lässt und voller Neugier die Nuancen einfängt, die
das Leben in Svilengrad bestimmen. Das Ergebnis ist fordernd, aber zu
keinem Moment langatmig. Zu sehr ist der Film der übersehenen und auch
tragischen Geschichte seines Schauplatzes verhaftet – ein aus
westeuropäischer Perspektive geradezu blinder Fleck.
## Absteigen in die Unterwelt
Bereits in „Western“, in dem deutsche Bauarbeiter an der
bulgarisch-griechischen Grenze ein Wasserkraftwerk errichten sollen und mit
ihren eigenen Vorurteilen sowie dem Misstrauen der lokalen Bevölkerung
konfrontiert sind, spielt Valeska Grisebach mit dem titelgebenden Genre.
Das Camp der Bauarbeiter gleicht einem Fort im autochthonen Feindesland.
Lose mit den Merkmalen eines Western- oder Mafiafilms spielend steigt „Das
geträumte Abenteuer“ immer weiter in die Unterwelt dieser Grenzregion
hinab. Denn der eigentliche Provinzfürst, bei dem alle Fäden
zusammenlaufen, ist ein gewisser Iliya (Stoicho Kostadinov), ein
braungebrannter Mann, Typ Macho, mit gebleichten Zähnen und Goldkette um
den Hals. Auch ihn kennt Veska von früher, als sie noch in einer Diskothek
gearbeitet hat.
Er gehört zu jenen, die im wilden Westen der Neunziger als Sieger
hervorgingen und sich nun als Alleinherrscher aufspielen. Während die
Häuser Svilengrads langsam auseinanderfallen und leerstehende
Gewerbegebäude und Hotels von besseren Tagen erzählen, residiert er in
seiner protzigen Villa mit Pool und einem Garten voller Pfauen. Dort feiert
er zwielichtige Partys, zu denen seine Laufburschen junge Frauen aus der
Gegend locken.
## Männer, die ihren Sexismus ausstellen
Das Spektakel sucht man in „Das geträumte Abenteuer“ vergeblich. Der Film
ist geradezu unspektakulär. Dennoch durchzieht ihn eine subtile
Bedrohungslage. Und genau darin liegt der Reiz. Die Stimmung scheint
jederzeit kippen zu können.
Etwa, wenn Veska bei einer Abendrunde schnapsgetränkter Männer landet, die
unverhohlen ihren Sexismus zur Schau stellen. Von deren Sprüchen lässt sie
sich ebenso wenig beeindrucken wie von Iliyas Drohgebärden, als sie seinem
Geschäftsgebaren immer stärker in die Quere kommt.
Letztlich wickelt sie Saids Dieselgeschäft ab und liefert den Treibstoff an
einen völlig verarmten Bauern. Der wird von Iliya drangsaliert, weil er
sich weigert, ihm ein Grundstück zu verkaufen. Das nutzen Iliyas
Fußsoldaten für den Menschenschmuggel von der Türkei nach Bulgarien.
Nebenbei versucht Veska, eine junge Nachbarin davon abzuhalten, ebenso
Opfer sexueller Gewalt zu werden wie schon so viele vor ihr.
Mit Veska lässt Valeska Grisebach (eine auffällige Namensverwandtschaft)
eine Frau durch diese Welt aus Kriminalität, Testosteron und Frauenhass
wandern. Sie folgt unerschrocken und unbeirrbar ihrem inneren Kompass statt
der Gewalt, stets mit einem entwaffnenden Lächeln auf dem Gesicht. Am Ende
des Films, der so offen, schlicht und wundersam zugleich ist, fallen
geradezu beiläufig Worte, die noch weit über den Abspann hinaus nachhallen:
„Ich habe dich vermisst.“
23 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Tobias Obermeier
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