# taz.de -- Filmfestspiele Cannes Favoriten: Pflegen für die Demokratie
       
       > Die 79. Filmfestspiele von Cannes gehen mit der Preisverleihung am
       > Samstagabend zu Ende. Eine kleine Bilanz vorab mit einigen Favoriten für
       > die Goldene Palme.
       
 (IMG) Bild: Wie ein Paar: Marie-Lou (Virginie Efira) und Mari (Tao Okamoto) in „Soudain“ von Ryūsuke Hamaguchi
       
       Während draußen an der Croisette endlich der Frühling Einzug hält, kommt
       man sich in den Kinosälen des Festivalpalasts von Cannes fast wie bei der
       Berlinale vor: Rings um einen wird gehustet und geniest, als wäre noch
       Winter. Wie den Kritikern gegen Ende der Filmfestspiele die Kräfte
       auszugehen scheinen, könnte man meinen, dass auch die stärksten Filme des
       Wettbewerbs in erster Linie zu Beginn zu sehen waren.
       
       Zu den Kritikerfavoriten gehört weiter [1][Paweł Pawlikowskis „Vaterland“
       über die Reise Thomas Manns nach Deutschland im Jahr 1949]. Pawlikowskis
       Film ist elegante 78 Minuten lang, ein Rekord in diesem Wettbewerb der
       Zwei-Stunden-plus-Beiträge. Er schiebt dafür die Ereignisse, von denen er
       erzählt, so zusammen, dass sie in die Geschichte passen, was als
       dichterische Freiheit allemal zulässig ist. Seine streng komponierten
       Schwarzweißbilder verbergen nicht, dass in dem Nachkriegseuropa, das er
       ausschnitthaft zeigt, viel in Bewegung gerät. Und er ist mit Hanns Zischler
       als Thomas und Sandra Hüller als Erika Mann hervorragend besetzt.
       
       Eine Erfahrungsregel lautet jedoch, dass Kritikerlieblinge wenig Aussicht
       darauf haben, die Goldene Palme zu gewinnen. Das würde auch auf [2][Ryūsuke
       Hamaguchis „Soudain“] zutreffen, dessen gut drei Stunden im Wettbewerb den
       Gegenpol zu Pawlikowskis straffem Zeitmanagement bilden. „Soudain“
       verschwendet seine Bilder aber nicht, er lässt sich Zeit für das, was er
       sagen will. Da es dem japanischen Regisseur um ein Thema geht, in dem das
       Sich-Zeit-Nehmen für andere, in der Altenpflege insbesondere, von Bedeutung
       ist, spiegelt der Film diese Fragen in seiner Dauer, könnte man sagen.
       
       Die Leiterin eines Altenheims in Paris, Marie-Lou, lernt darin durch Zufall
       die Regisseurin Mari (Tao Okamoto) kennen. Mari führt in Paris gerade ein
       Stück auf, inspiriert von der Arbeit des italienischen Psychiaters Franco
       Basaglia, der das Wegsperren von Patienten ablehnte. Marie-Lou verfolgt in
       ihrer Einrichtung das Plegekonzept „Humanitude“, das sich der zugewandten
       Arbeit verschrieben hat und hohen Aufwand mit sich bringt, und erkennt im
       Stück viele Gemeinsamkeiten zu ihrer Arbeit.
       
       ## Ein nötiger, gegenwärtiger Film
       
       Die beiden beginnen einen Austausch, in dem sie schnell bei grundsätzlichen
       Fragen landen. Unter anderem der fortgeschrittenen Krebserkrankung Maris.
       Hamaguchi schafft es dabei, ein ausführliches Referat über den Zusammenhang
       von Kapitalismus, Demokratie, Demografie und Ökologie mit schematischer
       Darstellung an der Tafel unterzubringen, ohne zu langweilen. Getragen wird
       die Geschichte vor allem durch die glaubhafte Leidenschaft ihrer
       Protagonistinnen, die so innig wie ein Paar wirken, ohne dass die Frage
       danach beantwortet werden müsste. Ein sehr nötiger, sehr gegenwärtiger
       Film.
       
       Als weiterer aussichtsreicher Kandidat erscheint [3][Andrei Swjaginzews
       „Minotaur“], ein Remake des Claude-Chabrol-Films „Die untreue Frau“ von
       1969: Gleb, ein russischer Unternehmer, verdächtigt seine Frau der Untreue
       und lässt sie beschatten. Parallel bedroht der Angriffskrieg Russlands
       gegen die Ukraine seine Firma, da immer mehr Mitarbeiter in den Westen
       fliehen. Swjaginzew, der im Exil lebt, inszeniert den Film als unterkühlten
       Oberschichtsthriller, in dem Frauen schöner Besitz sind und Probleme sich
       im Zweifel mit Gewalt beseitigen lassen. Ein böses Sittenbild mit klarer
       moralischer Botschaft.
       
       Sehr ambitioniert zeigt sich das Regieduo Javier Calvo und Javier Ambrossi
       mit „La bola negra“, einer zeiten- und generationenüberspannenden Hommage
       an den Schriftsteller Federico García Lorca, zugleich eine Abrechnung mit
       dem Franquismus. Drei Ebenen verschachteln sie, die Gegenwart, den
       spanischen Bürgerkrieg 1937 und die Zeit unmittelbar davor, in der das
       Stück „La bola negra“ von García Lorca spielt.
       
       Auf allen Ebenen stehen schwule Protagonisten im Zentrum, die
       unterschiedlich miteinander verbunden sind. In teils selbstbewusst
       symbolisch überfrachteten Bildern – ein Mann etwa klettert zu Beginn auf
       der gestürzten Statue des Heiligen Sebastian empor – erzählen sie vom Kampf
       gegen Homophobie und für das Recht auf ein Leben ohne Versteck. Auch dies
       ein denkbarer Gewinner.
       
       Nicht zuletzt wäre da noch „Das geträumte Abenteuer“ von [4][Valeska
       Grisebach. Nach „Western“ von 2017] ist es ihr zweiter in Bulgarien
       gedrehter Film. Diesmal geht es um die Umbrüche in Osteuropa nach 1989,
       neben Fragen der organisierten Kriminalität untersucht Grisebach vor allem
       die Rolle der Frauen und das Frauenbild bulgarischer Männer. Unter dem
       scheinbar unkontrollierten Driften ihrer Figuren, die alle von
       Laiendarstellern gespielt werden, schwelt stets eine Ahnung von Gefahr. Man
       wird sehen.
       
       23 May 2026
       
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 (DIR) Tim Caspar Boehme
       
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