# taz.de -- Nachruf auf Verlegerin Antje Kunstmann: Sie traute Lesern viel zu
> Antje Kunstmann war eine leidenschaftliche Verlegerin und tolerante
> Hedonistin. Ihren Verlag steuerte sie mit politischer Haltung und
> Realismus.
(IMG) Bild: Antje Kunstmann (1949–2026)
Auf eine Weise müssen wir sie für unsterblich gehalten haben. Und sie hat
bis zum Ende alles getan, um uns in diesem Glauben zu halten. Hat uns wie
immer Frühstück gemacht, wenn wir sie besuchten. Mit vielen Tassen Tee und
der Zeitung und den Semmeln von der Hofpfisterei.
Die Abende wurden nicht mehr so lang, aber immer noch gab eine Geschichte
die andere, eine Diskussion die nächste, leuchteten die Augen und die
Stimme, wenn sie von ihrer Reise zum Akkordeonfestival in Kissingen
erzählte, zu dem sie noch im Frühjahr gefahren war. Sie hatte mit dem
Musizieren vor langer Zeit aufgehört, jetzt könne sie es nicht mehr, aber
insgeheim, das war zu hören, spielte sie vielleicht doch mit dem Gedanken,
es noch einmal zu versuchen, mit einem kleinen roten Instrument.
Unsterblich? Sie hätte gelacht und gesagt: „Schau’n wir mal.“ Auf jeden
Fall hat sie uns – und sich – gesagt, dass sie in 14 Tagen wieder ins Kino
gehen kann: „Jetzt ist mal Schluss mit der Husterei.“
Es angenehm machen. Den anderen und auch sich selbst. Zu allen
gastfreundlich sein. Auch zu sich selbst. Antje war die toleranteste,
weltoffenste, großzügigste Hedonistin. Sie verwöhnte und verführte ihre
Autoren mit Sinn und allen Sinnen. So wurden sie zur Familie, zu ihrer
Familie und auch zu vielen neuen, die sich bei Spaghettiessen an ihrer
langen Wohnzimmertafel neu gebildet haben.
## Salondame: Das konnte sie auch
Ganz am Ende des langen Flurs ihrer Wohnung, der vollgehängt ist mit
Zeichnungen, Fotos, Bildern, Albernheiten und Dankeswidmungen, stehen auf
dem Boden zwei große, lange verschollene Fotografien im Sepiaton. Antje,
mit vielleicht fünfzig Jahren, all dressed up, geschminkt, weißer Blazer,
in einem Sessel: die schöne Verlegerin als selbstbewusste Salondame. Das
konnte sie also auch.
Scharfer Kontrast: Ein paar Meter weiter hängt dort seit Jahrzehnten der
Comic „68er Veteranentreffen“: Chlodwig Poths fein gekritzelten
langhaarigen und -bärtigen Figuren an Biertischen, die Überlebten einer
Bewegung, die er selbst und auch Antje Kunstmann mitgeprägt haben. Sie
hatte diese Liebe zur Selbstironie, zum Komischen, zur Weisheit in kleinen
Dosen, zum schrägen Blick in Hinterzimmer der Weltgeschichte, zum
Weltschmerz in homöopathischer Verdünnung oder auch zur Menschlichkeit in
den Vorstädten der Hochkultur.
Antje war eine Frau in vielen Genres. Im Leben und, darum geht es hier, in
ihrer Rolle als Verlegerin. Immer war ihr Programm eine Mischung aus Schön
und Notwendig, Politisch und Privat, Humor und Realismus. Sie publizierte
Bücher für Kinder und politische Pamphlete neben Dokumentationen, Romanen,
wissenschaftlicher Lebenshilfe für Gesundheit und Gärten und auch
Suppenrezepte, Comics, Karikaturen, Gedichte, etwa die von [1][Marie
Marcks] und Robert Gernhardt.
Bücher, deren unverkennbare Gestaltung ihr so wichtig war wie die Texte
darin. Bücher, aus denen sie etwas lernen konnte, das sie noch nicht weiß –
ob nun die Sprache der Pflanzen oder die Ursachen der Finanzkrise von 2008.
Bücher, die notwendig sind, aber die kein anderer macht, weil sie sich
nicht gleich rechnen, oder, oft genug, weil es angeblich noch zu früh für
sie ist oder gegen den politischen Trend, auch den linken.
## Bände zum NSU-Prozess
Früh schon beschrieb [2][Barbara Ehrenreich] die Angst der männlichen
Arbeiter und der Mittelschicht vor dem Absturz, diagnostizierte Mike Davies
Urbanisierung und Klimawandel, veröffentlichte der leidenschaftliche
Parlamentarier Hermann Scheer seine Kritik am real existierenden
Parlamentarismus und seine Entwürfe einer solaren Weltgesellschaft.
Aufklärung, die angeblich anachronistische: Daran hat Antje Kunstmann bis
zuletzt geglaubt, auch, beispielsweise, mit den bodennahen Reportagen von
Gabriele Goettle. Was einfach sein musste, das musste sich im Kunstmann
Verlag nicht rechnen: exemplarisch die fünf dicken Bände zum
[3][NSU-Prozess], veröffentlicht beinahe in Echtzeit.
Die Mischung aus Notwendigem und Populärem, Heiterem und Sperrigem
ermöglichte die Querfinanzierung. Und es ermöglichte Antjes
Durchhaltevermögen mit schwierigen Autoren. Wer einmal hier veröffentlicht
wurde, der konnte damit rechnen, auch die nächsten Bücher würden bei
Kunstmann erscheinen. Wer Gegenwind bekam, der wusste: Sie bleibt an seiner
Seite.
Als Unternehmerin blieb sie ganz Realistin. Sie hatte es by doing gelernt.
Schon als Verlagspraktikantin im Frauenbuchverlag Weisman entwickelte die
Pädagogikstudentin aus Bad Kissingen mit 21 Jahren eine Frauenbuchreihe,
einen kleinen Emanzipationskanon für Studentinnen, Arbeiterinnen und
„Hausfrauen“ in den verklemmten 70er Jahren. Kurz darauf übernimmt sie
kurzerhand selbst den Verlag, damit er nicht Konkurs geht. Und steuert ihn
erfolgreich durch vier Jahrzehnte, in denen die Branche mit vielem kämpfen
musste: mit immer mehr Agenten und Auktionen, wachsender Marktmacht weniger
großer Ketten, mit E-Books, Podcasts, Social Media und immer mehr
Marketingaufwand.
Antje Kunstmann behauptete sich mit Stehvermögen, Trotz und Lust am Risiko.
„Was soll sein?“ Realistin war sie auch darin, dass sie bei aller
Leidenschaft loslassen konnte. Seit ein paar Jahren führt ihr Sohn Moritz
Kirschner den Verlag und, so wie es aussieht, mit der Kunstmannschen
Mischung.
In Fachgremien, Verbänden und Feuilletonredaktionen und in ihrer
Heimatstadt München war sie beliebt und hoch anerkannt nicht obwohl,
sondern weil das Programm des Kunstmann Verlags ziemlich deckungsgleich die
literarischen Vorlieben, die Neugier und die politische Haltung der
Verlegerin spiegelt. Wenn man die Verlagsprospekte der letzten Jahrzehnte
durchblättert, in ihrer Vielfalt, aber auch in den Kontinuitäten, dann
scheint ein ziemlich präzises und schönes Bild der Person Antje Kunstmann
auf: neugierig in viele Richtungen, vom Gehirn bis zu den Sternen; den
Menschen zugewandt, aber auch den großen Theorien; mit klarem Blick auf den
Zustand der Welt, mit liebevollem auf Flora und Fauna.
## Das Schöne und das Schlimme
Jemand, die gerne lacht. Sehr gerne. Die Kindern große Gedanken zutraut und
Erwachsenen Albernheiten. Jemand, der wenig Menschliches fremd vorkommt und
die alles Fremde neugierig macht. Jemand, die gleichermaßen gern mit einem
Krimi ins Bett geht wie mit einer Abhandlung über die postfossile Chemie.
Es gibt Menschen, die umarmen das ganze Leben: das Schwarze und das Weiße,
das Schöne und das Schlimme, das Kleine und das Gewaltige. Diese Menschen
haben ein geheimes Reservoir, aus dem sie scheinbar anstrengungslos die
Fähigkeit schöpfen, andere damit anzustecken. Solche Menschen gibt es nicht
viele.
In einer alten E-Mail von Antje haben wir den Satz gefunden: „Wie hat mal
Pit Knorr von der neuen Frankfurter Schule gesagt: Der Tod wird ab jetzt
verboten! Wäre schön, wenn man das einfach machen könnte.“ Am 16. September
ist sie in München gestorben.
21 Sep 2026
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