# taz.de -- Begegnungen auf Reisen: Es regnet und wir haben uns nichts zu sagen
> Manche Treffen mit fremden Menschen können bereichernd sein. Andere eben
> nicht. Da hilft nur schlafen gehen.
Der Mann mit der Dose Jack Daniel’s Whiskey in der Hand fragt mich, woher
ich komme. „Wenn ich fragen darf“, fügt er hinzu. Seine Frau raucht neben
ihm. Beide schauen mich an und warten auf meine Antwort.
„Also, losgefahren bin ich in Karlshagen. Dann bin ich den Radweg an der
Küste entlang bis nach Ückeritz …“, fange ich an zu erklären. Der Mann
unterbricht mich: „Nein, ich meine, Sie haben einen Akzent.“ „Ach so! Aus
Berlin. Ursprünglich aus Argentinien“, antworte ich. Statt der gewöhnlichen
„Argentinien – Messi“ Reaktion kommt nur ein „Aha“ zurück.
Wir schweigen. Man hört den Wind, der ein Gewitter ankündigt. Auch die
Muschel-Mobile, die Baumkronen und die Plane über unseren Köpfen, die von
den Böen heftig hin und her gerissen werden. Es riecht nach Regen, aber
auch nach Mückenspray und den dünnen Zigaretten der Frau.
Es wird dunkel. Langsam sieht man nur noch Silhouetten. Zum Beispiel die
des heruntergekommenen Wohnwagens, in dem ich später schlafen werde. Ein
schwaches Licht brennt am Fenster.
Ich halte noch das Handtuch in der Hand, das mir der Gastgeber für meine
Dusche gab. Das Wasser muss aber noch warm werden, deshalb wollte ich ein
Bier im Garten trinken und mich von der Fahrt erholen. Dann traf ich aber
das Paar, das ebenfalls als Gast in der abgelegenen Unterkunft auf dem
Land, etwa fünf Kilometer von Usedom-Stadt entfernt, in einem Zimmer
übernachtet.
Es beginnen dicke Tropfen zu fallen. Sie wünschen mir gute Nacht und gehen.
Nach der Dusche sitze ich wieder dort und genieße es, den Ort für mich
allein zu haben.
Offenbar hat das Paar denselben Gedanken. Nach einer Weile sind sie wieder
da und scheinen nicht glücklich zu sein, mich dort, in der Dunkelheit,
wiederzutreffen. „Regnet es noch?“, fragt die Frau und zündet sich eine
neue Zigarette an.
Ich überlasse ihnen den Platz und lege mich in das Bett im Wohnwagen. Ich
decke mich mit dem halb nassen Handtuch zu, denn eine Decke gibt es nicht.
Mit den gedämpften Stimmen des Paares und dem Prasseln des Regens auf dem
Dach schlafe ich gleich ein.
21 Sep 2026
## AUTOREN
(DIR) Luciana Ferrando
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