# taz.de -- Morgendliche Runden: An sich selbst vorbeilaufen
       
       > Bin ich eigentlich noch ganz? Gedanken eines Morgens, an dem man seinem
       > Konterfei auf der Straße begegnet.
       
       Wie ein Wiegenlied wirkt momentan der Klingelton meines Weckers auf mich.
       Bis ich den Übergang von der Traumwelt in die reale Welt schaffe, hat er
       bestimmt schon eine Stunde lang alle zehn Minuten geklingelt.
       
       Ich denke an meinen Nachbarn, dessen Küche direkt neben meinem Zimmer liegt
       und der wahrscheinlich so daran gewöhnt ist, diese morgendliche Melodie zu
       hören, dass er sie gar nicht mehr wahrnimmt, oder vielleicht mischt sie
       sich einfach mit dem Radio, das bei ihm immer läuft.
       
       Das Erste, was ich tue, sobald ich es geschafft habe, auf den Beinen zu
       stehen, ist, die Kaffeemaschine anzustellen. Während der Kaffee durchläuft,
       gehe ich auf den Balkon und schaue nach meinen Pflanzen: ob es neue Triebe
       gibt, ob eine von ihnen wegen der extremen Temperaturen vertrocknet ist
       oder ob die Ameisen noch immer Krümel vom Tisch davontragen.
       
       Dann gehe ich joggen. Ich laufe an der Kindl-Treppe vorbei, die meine
       Freundin und ich für das Festival „48 Stunden Neukölln“ mit Bildern
       tapeziert haben. Auf einigen dieser Bilder bin ich porträtiert, und ich
       frage mich, ob es nicht komisch ist, an sich selbst vorbeizulaufen. Bin ich
       noch ganz? Hat jemand vielleicht eines der Bilder mit mir darauf
       abgerissen? Das frage ich mich jedes Mal.
       
       In der Hasenheide folge ich ebenfalls meinen Routinen: Am Teich essen
       Eichhörnchen und Meisen aus meiner Hand. Mit Blick auf Schwäne und Enten
       mache ich Liegestütze und andere Kraftübungen, dann laufe ich weiter. Die
       Kiefern duften besonders intensiv, wenn es so heiß ist, und ich genieße es,
       meinen Lieblingsgeruch so tief einatmen zu können.
       
       Zum Schluss trinke ich noch einen Kaffee vor meiner Haustür und quatsche
       mit den Nachbar*innen, denen ich zufällig begegne. Erst dann, müde, aber
       glücklich, kann ich den Arbeitstag beginnen.
       
       8 Sep 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Luciana Ferrando
       
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