# taz.de -- Drogenpolitik in Berlin: Sucht überall sichtbar
       
       > Der Senat beschließt eine neue „Landesstrategie Sucht“. Am Aufbau von
       > Suchthilfezentren nach Schweizer Vorbild wird festgehalten.
       
 (IMG) Bild: „Sucht ist kein Randphänomen“, meint Gesundheitssenatorin Ina Czyborra (SPD)
       
       Kurz vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus hat der Berliner Senat eine neue
       Landesstrategie zum Thema Sucht beschlossen. Sie schafft einen gemeinsamen
       strategischen Rahmen für die Ausrichtung der Berliner Sucht- und
       Drogenpolitik. Astrid Leicht, Leiterin der Suchthilfeeinrichtung Fixpunkt,
       bezeichnete den Beschluss als überfällig. Aufgabe der neuen Landesregierung
       werde es sein, die übergeordnete Strategie durch entsprechende Maßnahmen zu
       unterfüttern, so Leicht am Freitag zur taz.
       
       In Berlin ist die Zahl suchtkranker obdachloser Menschen in den letzten
       Jahren drastisch gestiegen. Mit 300 Drogentoten erreichte die Hauptstadt
       2025 einen traurigen Höchststand seit der Jahrtausendwende. „Sucht ist kein
       Randphänomen“, sagte Gesundheitssenatorin Ina Czyborra (SPD), als sie die
       Strategie am Dienstag bei der letzten Senatspressekonferenz vorstellte.
       
       Suchtverhalten werde zwar vor allem an Brennpunkten sichtbar, betreffe aber
       die ganze Stadt und umfasse auch Phänomene wie Online- oder Spielsucht und
       die größte legale Droge Alkohol. Die sozialen, gesundheitlichen und
       gesellschaftlichen Folgen sind Czyborra zufolge erheblich. „Örtlich
       begrenzte Reaktionen reichen nicht mehr“, so die SPD-Politikerin. „Das
       haben wir verstanden.“
       
       ## Deutlich über Bundesdurchschnitt
       
       Die Landesstrategie, die erstmals seit 1997 weiterentwickelt wurde, soll
       nun als Handlungsrahmen für die kommenden Jahre dienen und durch einen
       Maßnahmenplan konkretisiert werden. Begründet wird das unter anderem mit
       hohen Konsumzahlen in Berlin. Nicht nur der Cannabiskonsum, auch Kokain und
       Ecstasy lägen deutlich über dem Bundesdurchschnitt, hieß es bei der
       Pressekonferenz.
       
       Am Sonntag wählt Berlin ein neues Abgeordnetenhaus. Die CDU will das
       Drogenhilfesystem ausbauen, aber auch die Repression stärken. SPD, Grüne
       und Linke werben [1][in ihren Wahlprogrammen] für eine akzeptierende,
       niedrigschwellige Suchthilfe. Kein Sperrbezirk, kein Verdrängen der Szene,
       Ausbau von dezentralen Hilfsangeboten und Konsumräumen, nahe an Standorten
       der offenen Drogenszene.
       
       Auch für neue Wege nach Züricher oder Dortmunder Vorbild zeigen sich SPD,
       Linke und Grüne offen. In Zürich etwa gibt es ein Suchthilfezentrum, in dem
       Konsum und Mikro-Drogenhandel toleriert werden, während draußen
       Null-Toleranz für Konsum und Handel gilt.
       
       Bei der Pressekonferenz am Dienstag darauf angesprochen, gab Czyborra
       zunächst allerdings eine irritierende Antwort: Neue Suchthilfe-Modelle wie
       das in der Schweiz seien ein guter Ansatz, aber nicht Bestandteil der
       Strategie. „Berlin ist nicht Zürich. Nicht alles, was dort funktioniert,
       ist zwingend in Berlin erfolgversprechend.“
       
       ## Keine Absage an Häuser der Hilfe
       
       Ob das als Absage an den Aufbau von Suchthilfezentren zu verstehen sei,
       hakte die taz am Freitag bei der Gesundheitsverwaltung nach. „Die Aussage
       der Senatorin bezog sich in erster Linie auf den in Zürich tolerierten
       Mikrohandel in den Drogenkonsumräumen und nicht grundsätzlich darauf, dass
       es hier in Berlin Suchthilfezentren – Häuser der Hilfe – geben soll“,
       teilte Czyborras Pressestelle daraufhin mit. An Häusern der Hilfe werde in
       der Senatsverwaltung Wissenschaft, Gesundheit und Pflege „nach wie vor“
       gearbeitet.
       
       Die [2][Landesdrogenbeauftragte Heide Mutter] hatte im taz-Interview den
       Aufbau von mindestens einem Haus der Hilfe angekündigt. Mutter zufolge
       werden in Berlin vier dieser Häuser benötigt.
       
       Unterdessen setzt sich das [3][Bundesland Hamburg] bereits dafür ein, die
       rechtlichen Voraussetzungen für die Abgabe von Drogenkleinstmengen in
       Konsumräumen zu schaffen, ohne dass das Personal einschreiten muss. Auf der
       kommenden Sitzung des Bundesrats am 25. September soll die Bundesregierung
       auf Antrag Hamburgs aufgefordert werden, das Betäubungsmittelgesetz zu
       ändern. Berlin sei gut beraten, sich dieser Bundesratsinitiative zügig
       anzuschließen, so Fixpunkt Leiterin Astrid Leicht.
       
       18 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Drogenpolitik-im-Wahlkampf/!6209465
 (DIR) [2] /Landessuchtbeauftragte-ueber-Crack/!6195633
 (DIR) [3] /Drogenweitergabe-in-Drogenkonsumraeumen/!6212189
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Plutonia Plarre
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Drogenpolitik
 (DIR) Drogentote
 (DIR) Kokain
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Drogenpolitik im Wahlkampf: Unübersehbares Elend
       
       Berlin hat ein Problem mit Crack. Bei einer Veranstaltung im
       Kurfürstenstraßenkiez präsentierten CDU, SPD, Grüne und Linke ihre
       Lösungen.
       
 (DIR) Drogenhotspot im Kleinen Tiergarten: Vier Säulen gegen Crack
       
       Der Kleine Tiergarten ist neuer Hotspot der Crackszene. Der Bezirk Mitte
       steuert mit Maßnahmen gegen, die sich am Leopoldplatz bewährt haben.
       
 (DIR) Landessuchtbeauftragte über Crack: „Rauchexpressräume könnten eine Lösung sein“
       
       Die mit dem Crackkonsum verbundene Verelendung und Verwahrlosung nimmt zu.
       Die Landessuchtbeauftragte Heide Mutter über Hilfsstrategien in Berlin.