# taz.de -- Nostalgie in Großbritannien: War früher alles besser?
> Großbritanniens Premier Andy Burnham sagt, sein Land sei auf dem falschen
> Weg – und will zurück zu den Werten der Nachkriegszeit. Da lohnt es sich,
> genau hinzuschauen.
(IMG) Bild: „Wir werden dafür sorgen, dass dieses Land wieder für euch funktioniert“, verspricht Andy Burnham
Die britische Rockband Pink Floyd veröffentlichte 1983 ihr letztes Album:
„The Final Cut“. Übersetzt lautete sein Untertitel „Ein Requiem auf den
Nachkriegstraum“. Besungen wurde der düstere Zeitgeist der Thatcher-Ära,
zwischen drohendem Atomkrieg und sozialem Kahlschlag. „Ist dafür Papa
gestorben?“, sang Roger Waters in Erinnerung an seinen Vater, der im
Zweiten Weltkrieg gefallen war. „Was haben wir mit England gemacht? Was ist
mit dem Nachkriegstraum passiert?“
Am 28. September 2026 hielt der neue britische Premierminister Andy Burnham
mit [1][seiner Rede auf dem Labour-Parteitag] erneut eine Art Requiem. Er
erinnerte, zu Tränen gerührt, an seinen verstorbenen Vater und die
Labour-Politik, die dessen Familie einst den Aufstieg ermöglicht hatte.
„1945 hatten wir die Vision, den Frieden zu gewinnen“, sagte Burnham. „Wir
hatten den Mut zu Veränderung. Wir bauten gute Häuser, sichere
Arbeitsplätze, Gesundheit und Bildung für alle“, so der Regierungschef.
„Wir sorgten dafür, dass sich für Familien wie meine die Aspirationen der
Arbeiterklasse zum ersten Mal real anfühlten. Wir bauten das Gemeinwohl
auf. Jedenfalls taten wir das bis in die 1980er Jahre.“ Da habe die
britische Rechte begonnen, das alles auseinanderzunehmen. „Häuser, Wasser,
Energie, Verkehr, Pflege – zerschlagen und ausverkauft.“ Burnham versprach:
„Wir werden dafür sorgen, dass dieses Land wieder für euch funktioniert.“
Burnham erhielt viel Applaus für diese Nostalgierede auf eine Ära, als
„alle zusammen“ ein besseres Land aufbauten, „frei von Mangel“, so die
Verheißung.
## Als wären all die Krisen nicht gewesen
Der konservative Premier Winston Churchill hatte dafür mitten im Krieg den
Grundstein gelegt; er hatte den liberalen Politiker William Beveridge um
ein Konzept gebeten für eine allgemeine Sozialversicherung nach dem Krieg.
Der „Beveridge Report“ wurde zu einem Manifest. Nach dem äußeren Feind, den
Nazis, sollten die Briten gemeinsam den inneren überwinden: „Mangel,
Krankheit, Ignoranz, Elend und Untätigkeit“.
Eine Arbeitslosenversicherung, Kindergeld, eine Grundrente,
Sozialwohnungen, ein kostenloser Gesundheitsdienst, und ein neues
Schulsystem – in nur wenigen Jahren schuf die 1945 gewählte
Labour-Regierung die Grundlagen des modernen Sozialstaats.
Sozialismus und Freiheit – dafür war es wert gewesen, im Krieg Opfer zu
bringen. In den griffigen Liedzeilen von Pink Floyd: Ein Dach über dem
Kopf. Genug zu essen. Die Alten können in Sicherheit auf die Straße gehen.
Man kann Zweifel und Ängste laut aussprechen. Niemand verschwindet,
niemandem treten Polizeistiefel die Tür ein. Alle können entspannen, ob
Reich oder Arm. Niemand verübt Terroranschläge. Jeder steht unter dem
Schutz des Gesetzes. Und niemand tötet mehr die Kinder.
An diesen Nachkriegstraum will Burnham nun anknüpfen, als wäre nichts
gewesen. Nicht die schweren Wirtschaftskrisen der 1970er Jahre, mit
Massenarbeitslosigkeit, Hyperinflation und Dauerstreiks. Nicht die
legendäre Ineffizienz staatlicher Firmen und Dienstleiter.
Nicht die Ausgrenzung von Frauen und Jugendlichen damals, nicht der
lähmende Konformitätszwang in vielen Lebensbereichen, den Pink Floyd in den
1970ern besungen hatte, vom drohenden Wahnsinn in „Dark Side Of The Moon“
bis zur „Wall“, die Stein für Stein die Köpfe der Kinder verschließt.
Margaret Thatcher fiel 1979 ja nicht wie ein böser Alien über die Briten
her, sondern überzeugte das Wahlvolk mit der Parole „Labour Isn’t Working“
– Labour funktioniert nicht oder auch: Die Arbeiter arbeiten nicht.
Andy Burnham drückt trotzdem einfach den rhetorischen Reset-Knopf. „Ich
werde mit der Richtung der vergangenen 40 Jahre brechen und Großbritannien
auf einen neuen Pfad führen“, rief er. „Ich weiß, dass wir es können. Denn
wir haben es schon einmal getan. Im Jahre 1945.“
Der Journalist Patrick Maguire hat ein Buch über die Entwicklung der
Labour-Partei in den vergangenen Jahren geschrieben. Er nennt die Rede
Burnhams einen ersten echten Bruch mit seinem Vorgänger Keir Starmer, den
er im Juli als Premierminister abgelöst hatte. „Burnham spricht eine
politische Sprache, die die Labour-Partei versteht, und hat es geschafft,
dass sie mit sich selbst im Reinen ist.“
Starmer gab Labour bittere Medizin, Burnham schiebt das Zuckerstück nach:
ein staatlicher Pflegedienst analog zum staatlichen Gesundheitsdienst, neue
Sozialwohnungen ohne Privatisierungsmöglichkeit, die mögliche
Wiederverstaatlichung von Dienstleistungen. Für all das fehlt allerdings
das Geld, es sind Programmpunkte für den nächsten Wahlkampf, der spätestens
2029 ansteht.
Schon in wenigen Wochen muss die Regierung Burnham ihre Haushaltspläne für
2027 präsentieren, ihre ersten seit der Amtsübernahme. Es drohen erneute
Sparmaßnahmen. Um die Staatsfinanzen zu sanieren, schaffte die Regierung
Starmer vor zwei Jahren die Winter-Heizkostenbeihilfe für Rentner ab. Er
verwies darauf, dass die Kopplung der Renten an die gute Lohnentwicklung
das teilweise auffangen werde. Burnham will die Renten nun ab 2030 von der
Lohnentwicklung entkoppeln. Labour bittet ausgerechnet die Wählergruppe zur
Kasse, die in der guten alten Zeit aufwuchs.
Genau 50 Jahre vor Andy Burnham, am 28. September 1976, hielt ein anderer
Labour-Premierminister seine erste Parteitagsrede. Labour hatte 1974 Wahlen
gewonnen, nach zwei Jahren wurde der glücklose Wahlsieger Harold Wilson von
seiner Partei gestürzt. Nachfolger James Callaghan hielt auf dem Parteitag
dann aber [2][das Gegenteil einer Wohlfühlrede].
Die Zeiten, wo höhere Staatsausgaben Probleme lösen, seien vorbei, rief der
neue Premier. „Zu lange hat Großbritannien auf Kredit gelebt: geliehene
Zeit, geliehenes Geld, geliehene Ideen. Zu lange, vielleicht seit dem
Krieg, haben wir grundsätzliche Entscheidungen und vielleicht
grundsätzliche Veränderungen in unserer Gesellschaft und Wirtschaft
vertagt.“
Die Briten stimmten ihm zu, aber nicht so, wie er es sich wünschte. 1979
verlor Labour die Wahlen an die Konservativen unter Margaret Thatcher.
Je kräftiger Andy Burnham nun das Rad der Geschichte zurückdrehen will,
desto präsenter wird das Risiko, dass sie sich wiederholt.
2 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://labour.org.uk/updates/stories/andy-burnhams-speech-to-labour-party-conference-2026/
(DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=g6C5EcCV1Vw
## AUTOREN
(DIR) Dominic Johnson
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