# taz.de -- Nachwahl in Großbritannien: Labour-Kandidatin aus Somalia ringt mit Grünen-Chef um Sitz
> Der britische Premier Keir Starmer gibt seinen Londoner Wahlkreis auf. Um
> seine Nachfolge rivalisieren zwei Kandidaten, deren Tonfall sich deutlich
> unterscheidet.
(IMG) Bild: Die Labour-Kandidatin Sagal Abdi-Wali beim Haustürwahlkampf in Primrose Hill
Friseur Hassan Ali war mit seinem gelben Poster mit der roten Aufschrift
„Vote Labour“ im Schaufenster einer der Ersten. Es hängt in seinem
Frisiersalon über den Fotos von Haarschnitten und Haarzöpfe seiner
größtenteils somalischen Kunden im Londoner Stadtviertel Kentish Town „Ich
kenne Sagal schon seit meiner Jugend, auch ihre Mutter und Vater“, sagt der
Somali, der als Flüchtling nach London kam und dort aufwuchs. „Wenn es
einen Menschen gibt, der sich kümmert und ein großes Herz hat, dann ist es
Sagal.“
Sagal, das ist die somalischstämmige 42-jährige Labour-Politikerin Sagal
Abdi-Wali. Sie soll an diesem Donnerstag im Londoner Wahlkreis [1][Holborn
& St. Pancras] den zurückgetretenen ehemaligen Premierminister [2][Keir
Starmer] bei einer Nachwahl als Labour-Parlamentsabgeordnete ablösen. Ihr
Wahlplakat hängt in allen somalischen Geschäften in diesem Wahlkreis, der
vom innerstädtischen Ausgehviertel Covent Garden bis zum Grab von Karl Marx
in Highgate reicht – ein neues Selbstbewusstsein der somalischen Community,
die sonst sehr diskret auftritt.
[3][Sagal Abdi-Wali] ist seit vier Jahren Kommunalrätin in Camden. Dieses
Jahr wurde sie Leiterin des Bezirksrats. Nun will sie die erste schwarze
ostafrikanische Frau im britischen Parlament werden.
Diese Hoffnung will ihr der Grünen-Vorsitzende [4][Zack Polanski] nehmen.
Der ist bisher nur Mitglied des Londoner Stadtrates, jetzt kandidiert er
ausgerechnet hier für das Parlament, wo er noch im Jahr 2015 für die
Liberaldemokraten in den Gemeinderat wollte. Unter seinem
linkspopulistischen Führungsstil, wie Polanski es selber nennt, ist die
Grüne Partei in England und Wales innerhalb eines Jahres von 68.000 auf
230.000 Mitglieder gewachsen, im Februar nahm sie Labour bei einer Nachwahl
einen sicher geglaubten Wahlkreis im Großraum Manchester ab. Und jetzt?
## „Labour unterstützte einen Völkermord“
In der letzten Woche des Wahlkampfes betonen die Grünen, dass eine Stimme
für sie einzige Möglichkeit sei, Labour zu Veränderungen zu zwingen. Dass
Polanski jüdisch und schwul ist, erfahren alle auf der Wahlkampfwerbung der
Grünen, es soll Offenheit und Chancengleichheit unterstreichen. Neben
Umwelt- und Klimathemen setzt sich Polanski stark für Gaza und gegen Israel
ein. Am vergangenen Sonntag hat [5][der grüne Jahresparteitag Zionismus zu
Rassismus erklärt]. In muslimischen Gegenden werden Flugblätter der Grünen
mit palästinensischem Flaggenhintergrund verteilt.
Polanski wirbt stark um die Muslime. Er sprach in [6][einem Wahlkampfvideo]
sogar Urdu, um bei den 10 Prozent der Wähler:innen mit bangladeschischen
Familienhintergrund besser anzukommen. Doch Urdu ist gar nicht die Sprache
der Menschen in Bangladesch, sondern die Sprache der einstigen
pakistanischen Unterdrücker. Um diesen peinlichen Fehler zu vermeiden,
hätte Polanski nur seinen stellvertretenden Parteiführer Mothin Ali fragen
müssen, dessen Eltern aus Bangladesch stammen.
Gelingt es den Grünen, der muslimischen Labour-Kandidatin Wähler
abzuluchsen? Mohammad, Angestellter der Koranschule an der Moschee von
Somers Town, schildert, dass die Generation seiner Bangladeschi-Eltern noch
Labour wählte. „Heute halten wir uns aus der Politik heraus.“ Dass
Labour-Kandidatin Abdi-Wali eine Muslimin ist, sei für ihn eher ein
Zeichen, dass sie sich von der Politik habe ausnutzen lassen.
Sarah, 30, selbst somalischer Abstammung, hat ein Schild für die Grünen vor
ihre Wohnung in Somers Town gestellt. Mit Labour hat sie nichts am Hut:
„Segal vertritt eine rechte Labour-Flanke, welche nicht genug gegen den
Völkermord getan hat und sich nicht genug für bedürftige Menschen und
Wohnungen eingesetzt hat“, behauptet sie.
Auch Frances Hanlon, 71, will Grün und nicht mehr Labour wählen. „Labours
Blair startete einen illegalen Krieg, Starmer ignorierte, ja unterstützte
einen Völkermord“, behauptet sie. Dass die Grünen per Beschluss jetzt eine
antizionistische Partei seien, begrüßt sie. „Endlich hat jemand ein
Gewissen dafür“, findet die ehemalige Tischlerin auf der sonnigen Terrasse
eines Cafés in Bloomsbury.
## „Ich bin sichtbar und von hier“
In Labours Wahlkampfmaterial – Labour wie die Grünen lassen zwei bis
dreimal die Woche neues teils teures Wurfmaterial verteilen – liest man
eher über Abdi-Walis Versuch, mehr gegen die Obdachlosigkeit im Wahlkreis
zu tun. Flyer zeigen Abdi-Wali als junges Mädchen in Camden und erzählen
ihre Geschichte, sie spricht über ihr Leben und ihren Einsatz für kommunale
Belange und darüber, wie sie 35 Millionen Pfund staatliche Gelder für
Sanierungen von Sozialwohnungen an Land gezogen hat.
Die taz trifft Abdi-Wali bei einer Wahlkampfveranstaltung gemeinsam mit
Außenminister Ed Miliband in Kings Cross zwischen alten Arbeitersiedlungen.
Was bietet sie dem Wahlkreis? „Ich bin sichtbar und von hier und kümmere
mich im vollen Ernst um die Menschen hier“, sagt sie und lächelt
freundlich. Im Wahlkampf wirkt sie diplomatisch und wiegt ihre Worte
sorgfältig ab, während Zack Polanski große Sprüche macht und der
konservative Kandidat Ewan Cameron am lockersten auftritt, er hat sowieso
keine Chance.
Es gibt viel Wahlkampf vor Schulen und in Einkaufszentren, selbst nach dem
Freitagsgebet vor der Kings-Cross-Moschee. Während die Labour-Leute ruhig
ihre Infos verteilen, ruft einer der Grünen „Green for Palestine!“ und
offeriert den aus der Moschee Kommenden sein Flugblatt. Der 47-jährige Koch
Sayem und der 28-jährige Lieferfahrer MD Ahmad wollen aber beide Labour
wählen. Erstens sei Labour eine sozial denkende Partei, zweitens sei die
Labour-Kandidatin eine muslimische afrikanische Migrantin.
Und auch wenn an Kari Rahmans Gemüseladen in Kentish Town ein Poster mit
den Worten „Vote Green“ steht, gesteht er der taz, dass er Labour wählt,
weil die Partei Arbeiter:innen helfe. Ebenso Carlos Valquez, der mit
seiner Frau auf einer Parkbank seinem Sohn auf dem Spielplatz zuschaut:
„Andy Burnham steht für neue Chancen, Investitionen in die Pflege und junge
Menschen und vielleicht sogar eine Rückkehr in die EU.“ Er fand früher auch
die Grünen nicht schlecht, aber jetzt könne Labour Dinge verändern.
Meinungsforscher sehen Labour knapp vorn. Sollte Grünen-Chef Polanski den
Sprung ins Parlament verpassen, könnte dies seine Stellung schwächen, der
Streit zum Thema Zionismus ist heftig, seit dem von der Parlamentsfraktion
abgelehnten Parteitagsvotum gab es bereits zahlreiche Austritte aus der
Partei.
„Ich wählte früher immer Labour und bei den Kommunalwahlen im Mai Grün“,
sagt die in Ghana geborene Krankenschwester Adele. Und am Donnerstag? Sie
weiß es noch nicht, aber eine Tendenz ist zu erkennen: „Mir tun die Leute
in Gaza zwar leid, aber ich will wissen, was politische Vertreter für uns
tun.“
7 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://en.wikipedia.org/wiki/Holborn_and_St_Pancras
(DIR) [2] https://en.wikipedia.org/wiki/Keir_Starmer
(DIR) [3] https://camdenlabour.co.uk/team/sagal-abdi-wali/
(DIR) [4] https://en.wikipedia.org/wiki/Zack_Polanski
(DIR) [5] /Parteitag-in-Brighton-Wie-antisemitisch-sind-die-englischen-Gruenen/!6218802
(DIR) [6] https://x.com/GBPolitcs/status/2099517409652543997?s=20
## AUTOREN
(DIR) Daniel Zylbersztajn-Lewandowski
## TAGS
(DIR) Großbritannien
(DIR) London
(DIR) Labour Party
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